Rezension: Revolution dank Innovation

Ich habe neulich von Bastian Wilkat im Rahmen eines kleinen Gewinnspiels auf seinem – im Übrigen sehr empfehlenswerten – Blog das Buch „Revolution dank Innovation“ gewonnen.

Wie geil! Hab mich riesig gefreut, da ich sowieso noch nach einem Buch für unseren Amsterdam-Urlaub gesucht habe. Und in Verbindung mit meiner Master-Thesis ist das natürlich ein Gewinn, passend wie die Faust auf’s Auge.

In einem kurzen digitalen Gespräch mit Bastian habe ich dann herausgefunden, dass es sich um ein Rezensionsexemplar das Buch es handelt. Naja, und was liegt da näher, als meine erste Rezension zu verfassen?

Ich habe sowieso schon des Öfteren überlegt, Bücher, die sich nicht zwingend explizit mit Themen der Sozialwirtschaft befassen zu nehmen und die Inhalte auf Übertragbarkeit zu prüfen und das dann ggf. im Rahmen einer Rezension zu veröffentlichen. Ach ja, wir sind noch gar nicht in Amsterdam, ich hab das Buch schon vorher gelesen 😉

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Ich bin mal gespannt, ob es mir soviel Spaß macht, dass Ihr einen echten Mehrwert davon habt.

Hier also meine erste Rezension:

Wie gesagt, es geht um das Buch „Revolution dank Innovation – mit Corporate Entrepreneurship zurück an die Spitze“ von Thorsten Reiter. Das Buch ist 2016 im Campus Verlag erschienen.

Zusammenfassung:

Kurz zusammengefasst (sozusagen für Schnellleser) geht es um die Frage, wie es große, etablierte Organisationen schaffen können, die Innovationskraft und den Unternehmergeist von kleinen, agilen Start-Ups (zurück) zu gewinnen. Das Thema habe ich – unter dem Titel Intrapreneurship – bereits hier im Blog aufgegriffen, finde es somit wirklich extrem spannend, auch vor dem Hintergrund der Innovationsfähigkeit von Organisationen der Sozialwirtschaft, die ja häufig – teilweise sogar als Monopolisten – keine ganz kleinen Organisationen bilden.

Aber der Reihe nach, oder:

Aufbau des Buchs:   

Das Buch führt in die Themenstellung mithilfe einer Darlegung ein, warum es heute und in Zukunft verstärkt darauf ankommt, Unternehmergeist auch in etablierten Organisationen zu entwickeln. Angefangen von der Zunahme disruptiver Innovationen, die Geschäftsmodelle komplett auf den Kopf stellen (sofort fallen mir bspw. AirBnB oder Uber ein) über die Herausforderung großer Unternehmen, radikale Innovationen überhaupt verwirklichen zu können und nicht nur aus Gründen der vermeintlichen Sicherheit maximal „inkrementelle Innovationen“ (also eigentlich Optimierungen bestehender Strukturen, Prozesse und Produkte) umzusetzen bis hin zur Erläuterung einer Netzwerkdenkweise, die etablierte, von mir aus auch „alte“ Organisationen nicht haben.

Als Lösung der Innovationsunfähigkeit etablierter Organisationen bietet der Autor – natürlich – „Corporate Entrepreneurship“ an. Basierend auf der zunehmend zu beobachtenden „Sharing Economy“ wird dann dargelegt, warum die „analoge Verteidigungsökonomie“ althergebrachter Organisationen an Grenzen stößt, bevor der Blick auf den „Entrepreneur“, den Unternehmer gelenkt wird. Die Transformation hin zu echtem Corporate Entrepreneurship wird im Hauptteil des Buches über die Bereiche „Führung“, „Unternehmenskultur“ und „Strategie“ vertieft dargestellt. In einem Fazit nimmt der Autor den Blick in die Zukunft ein und stellt dar, warum Unternehmertum als Kunst zu verstehen ist. Den ausführlichen Blick ins Inhaltsverzeichnis findet Ihr auch hier.

Feedback

Feedback sollte immer so gegeben werden, dass zunächst die positiven Seiten dargestellt werden, bevor dann auf Kritikpunkte eingegangen wird. Ich finde das Quatsch. Damit bleibt vor allem das negative hängen. Hier also andersherum:

Nicht gut? 

Nicht gut finde ich eindeutig den „reißerischen“ Stil, in dem das Buch geschrieben ist. Natürlich: Wer verkaufen will, muss trommeln, oder so ähnlich. Aber vielleicht bin ich da zu sehr geprägt durch meine permanente Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Literatur. Sätze wie „Change or die“ oder „Anstatt Neues zu kreieren sowie Mensch und Gemeinschaft voranzubringen, ist ein Gemetzel im Gange, das keinen Platz für Gewinner lässt“ stoßen mir eher sauer auf, als dass ich davon angezogen würde. Deutlich dramatischer als Stil finde ich jedoch die permanente Betonung von „Kampf“ im Sinne von Wirtschaft. Wenn Wirtschaft ein Kampf ist, dann will ich dabei nicht mitmachen! Das gipfelt in der Aufforderung an StartUps, Gesetze zu brechen, Urheberrechte zu verletzen und „sich der Freibeuterei“ hinzugeben: „Wenn Firmen innovieren möchten, wie es disruptive Entrepreneurs tun, müssen sie zu Piraten werden – das ist der Ton, der in all dem Erlernten aus diesem Buch mitschwingt.“ Vielleicht bin ich zu sehr Sozialarbeiter, als dass ich mit diesem Wortgebrauch mitgehen kann. „Patentkrieg“, „Schlachtschiff“, „Gefecht“, „Kampf“, – sorry, aber das sind Begrifflichkeiten, die ich im Kontext von Innovation als schwierig und wenig zielführend erachte. Noch einmal: Wenn Wirtschaft, und hier vor allem Unternehmen der Privatwirtschaft, mit denen ich mich ehrlicherweise nur begrenzt auskenne, Kriegsschauplätze sind, dann kann ich verstehen, warum es unserer Gesellschaft so geht, wie es ihr geht. Und dann bin ich froh, damit bislang wenig Berührungspunkte zu haben. Anscheinend aber muss etwas an diesem Kriegston dran sein, sonst hätte die liebe Lydia nicht diesen tollen Artikel hier geschrieben. Lest selbst 😉

Aber: Das Ganze sagt natürlich wenig über den Inhalt aus.

Gut!

Und der Inhalt ist ja eigentlich das, was überzeugen soll, oder? Und hier muss ich ganz klar sagen, dass ich das Buch eindeutig empfehlen kann: Die Grundüberlegung, auch große Organisationen wieder „lebendig“ und innovationsfähig zu machen, ist eine Überlegung, die ich – schon allein aufgrund meiner Master-Thesis – mehr als nachvollziehbar und für die Zukunft von Organisationen der Sozialwirtschaft sinnhaft finde. Gerade für den Bereich der Sozialwirtschaft, der auch von großen, teilweise monopolartig agierenden Organisationen „beherrscht“ wird, lassen sich im Buch Anregungen finden, die auch ohne große finanzielle Aufwendungen umzusetzen sind.

Gleichzeitig macht es hier keinen Sinn, die einzelnen Tools, Möglichkeiten und vor allem die mit „Corporate Entrepreneurship“ einhergehende Haltung detailliert darzulegen, auch wenn ich damit vielleicht in dieser Rezension enttäusche.

Aber es geht eben nicht nur um ein paar neue Dinge, Methoden oder „Rezepte“, die mal eben so „neu gemacht werden“ können. Nein, der Wandel von einer „alten“ Unternehmenskultur hin zu einer Kultur, die konsequent auf Innovation setzt, erfordert eine Transformation der Denk- und Handlungsweisen aller mit dem Thema Beschäftigten.

So ist – schon allein aus systemischen Gründen – die Denkweise fatal, dass durch neue Methoden oder die Aufforderung „jetzt aber endlich mal unternehmerisch zu denken!“ ein Wandel der Kultur der Organisation ermöglicht würde. Hier bedarf es vielmehr grundlegender „Umbauten“ der Entscheidungen und Prozesse der Organisation, die dann – hoffentlich – zu einem Wandel der Unternehmenskultur führen.

„Führung“ im Kontext von „Corporate Entrepreneurship“

Konsequenterweise beginnt Thorsten Reiter die Ausführungen im Hauptteil des Buchs auch mit Ausführungen, wie „Führung“ im Kontext von „Corporate Entrepreneurship“ neu zu denken ist.

So liegt – wie bei allen tiefgreifenden Wandlungsprozessen – die Erstverantwortung auf Ebene der obersten Führung einer Organisation. Wenn diese nicht wirklich hinter dem Wunsch steht, die Denkweise in der Organisation zu verändern, wird man ganz schnell wieder in die altbekannten „bewährten Handlungsroutinen“ verfallen. Aus seiner Perspektive braucht es in einer auf Innovation und Unternehmertum setzenden größeren Organisation ein Führungskonzept, das konsequent auf Vertrauen gegenüber den Mitarbeitenden basiert. Hier kann ich nur zustimmen. Für mich ist auch hier wiederum die Verbindung zu Organisationen der Sozialwirtschaft zu ziehen, da Soziale Arbeit – so jedenfalls meine Vorstellung – immer ein Prozess ist, der Vertrauen auf unterschiedlichen Ebenen zur Grundlage hat.

„Führung“ im Kontext von „Corporate Entrepreneurship“ geht jedoch über die Führung der „Untergebenen“ (wieder so ein lustiges Wort) hinaus. Führung bedeutet auch, dass der Intrapreneur sich selbst sowie die Menschen in seinem Team führen muss. Und zwar ohne die üblichen „Machtinstrumente“, die eine Führungskraft „im äußersten Notfall“ zur Verfügung hat (bspw. Abmahnungen, Kündigung etc.). Führung von Menschen auf der gleichen Hierarchieebene steht also im Fokus. Reiter nennt sein Konzept „peer leadership“, das auf den Säulen Kompetenz, Kommunikation, Vertrauen und Kooperation aufbaut.

Unternehmenskultur und Innovation

Der nächste große Bereich ist die Unternehmenskultur, die für erfolgreiches Corporate Entrepreneurship – also internes Unternehmertum in großen Organisationen – wesentlich ist. Hier geht Reiter davon aus, dass Unternehmenskultur gestaltbar ist. Davon bin ich grundsätzlich wenig überzeugt, da sich Kultur durch die Führung, vor allem aber durch Prozesse, Strukturen, Regelungen, Entscheidungswege etc. ergibt.

Dazu das Beispiel des „New Public Management“: da wird in Verwaltungen gefordert, von heute auf morgen unternehmerisch zu denken und zu handeln, da soll plötzlich der vorher als „Fall“ bezeichnete Mensch Kunde werden. Plötzlich soll der Mensch nicht mehr im Weg, sondern im Mittelpunkt stehen. Und die Mitarbeiter fassen sich an den Kopf, denn spätestens dann, wenn der Dienstweg nicht mehr eingehalten wird, gibt es Probleme.

Somit: Erst die Struktur ändern (und zwar wirklich) und dann die Kultur bei der Anpassung beobachten. Da reichen schon kleine Änderungen, um manchmal große, kulturelle Anpassungen auszulösen. Die geschilderten Beispiele, wie denn Unternehmenskultur zu steuern ist, setzen dann auch bei den Strukturen und Prozessen an.

Sätze wie „Nicht alles muss reglementiert werden!“ treffen zuvorderst auf die Frage, wie denn Regelungen ohne Reglementierungen eingehalten werden. Urlaubsregelungen wegfallen zu lassen setzt strukturelle Rahmenbedingungen voraus, die den Wegfall der Urlaubsregelungen überhaupt erst ermöglichen. Reiter führt auch immer wieder Beispiele aus großen Firmen an, die „Corporate Entrepreneurship“ leben. Und ein Satz wie: „Für 3M liegt die Lösung in der Organisationsstruktur selbst, die von einer strikten Dezentralisierung geprägt ist.“ zeigt, dass Kultur eben doch nicht so leicht gestaltbar ist.

Strategie und Unternehmertum

Die wesentliche Frage lautet ja eigentlich immer „Warum?“. Und die Strategie fokussiert genau darauf: Warum existiert die Organisation? Was ist ihr Zweck, ihre Daseinsberechtigung. Wenn man sich dann mit Corporate Entrepreneurship befasst, sollte auch die Frage im Vordergrund stehen, wohin es denn eigentlich mit der Organisation gehen soll. So ist grundlegend zu berücksichtigen, dass Innovation, inkrementelle ebenso wie disruptive, nicht einfach nur “gut” ist, sondern auch hier immer im Blick gehalten werden muss, warum die Organisation ein neues Denken und Handeln etablieren will und wohin es damit gehen soll. Das sind alles Fragen der Organisationsstrategie.

Und da die Strategien von Organisationen natürlich völlig unterschiedlich sind, bietet Reiter hier auch keine “Patentlösung” an, sondern liefert Werkzeuge, die die Strategieentwicklung erleichtern können. Einmal werden vier Modelle des Corporate Entrepreneurships vorgestellt (das Chancenmodell, das Aktivierungsmodell, das Förderungsmodell und das Produktionsmodell). Daran anschließend wird die Nutzung der Business Model Canvas als strategisches Tool dargelegt und deren Nutzung für Intrapreneure beschrieben, da es bei Innovationen ja häufig auch um die Entwicklung neuer, zukunftsfähiger Geschäftsmodelle geht.

Aus meiner Perspektive ist die Denkweise in Geschäftsmodellen in der Sozialwirtschaft bislang noch wenig weit verbreitet. Hier lassen sich mit dem kurzen Einblick in die Business Model Canvas echte Weiterentwicklungen ermöglichen, da überhaupt erst einmal verstanden werden kann, aus welchen Teilen sich das eigene Geschäftsmodell denn überhaupt zusammensetzt. Gleichzeitig sind auch hier wiederum Besonderheiten zu beachten, die ich mal versucht habe, in einer Hausarbeit im Rahmen meines Studiums darzulegen.

Kaufen oder nicht kaufen?

Boahhh, insgesamt ist das hier etwas lang geworden, befürchte ich… Seid Ihr noch da? Hoffentlich 😉 Aber wie sieht jetzt mein Fazit aus?

Für mich persönlich ist es spannend zu sehen, dass auch die “normale” Wirtschaft, Industrieunternehmen, produzierende Unternehmen,  wie auch immer, vor grundlegend ähnlich Herausforderungen stehen wie Organisationen der Sozialwirtschaft: Wie kann man die Zukunft der Organisationen gestalten? Innovation ist hier wie dort ein wesentlicher Baustein, der ermöglicht werden muss. Und im Buch gibt es wirklich einige tolle Anregungen, wie Innovation angegangen oder ermöglicht werden kann (am Ende müssen die Ideen übrigens immer noch von den Menschen kommen…).

Ich bin hinsichtlicher einer Kaufempfehlung jedoch noch etwas zwiegespalten.

Einerseits denke ich, dass Menschen aus dem Sozialwesen, die sich noch nicht mit Innovation und Unternehmensentwicklung beschäftigt haben, durch die, sagen wir mal, oft reißerische Sprache im Buch abgeschreckt werden könnten. Hier treffen “Kulturen” aufeinander, die nicht so einfach zu verbinden sind. Wie ich oben schon einmal geschrieben habe: Wenn Erwerbswirtschaft krieg ist, dann will ich damit nichts zu tun haben. Als Einstieg würde ich somit eher andere Bücher, die sich ggf. spezifisch mit Organisationen der Sozialwirtschaft befassen, empfehlen.

Für Geschäftsführer und Geschäftsführerinnen oder Leitunspersonen in Organisationen der Sozialwirtschaft jedoch, die sich fragen, wie denn die eigene Organisation nach vorne (wo auch immer das sein mag) gebracht werden kann, ist das Buch andererseits mehr als lesenswert, da es die Herausforderungen gut erfasst, die mit der Umsetzung von Innovation in großen Unternehmen einhergehen.


Jetzt fände ich noch ein kurzes Feedback von Euch super: Mehr Rezensionen? Macht es Sinn? Was vermisst Ihr?

Danke dafür!!!

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  2. Pingback: Frauen – zu blöd für die Karriere | Büronymus

  3. Lieber Hendrik,

    ich bin zurück aus dem Land der Reha, mag wieder mehr schreiben. Ich finde ja, dass Du weiter Schreiben solltest, ja ich bitte sogar darum. Ich meine, wer schreibt denn z.B. über die Verbindung von Sozialer Arbeit und “Business Model Canvas”, hm. Oder eben jetzt diese Rezension. Und das immer wieder in einem fein reflektierten und persönlichen Stil, den ich sehr schätze. Also bitte, gerne auch weiter Rezensionen von Büchern, die inhaltlich nach vorne schauen und mich bereichern. Mein Geist bleibt durch wach und hoffnungsvoll ( naja, zumindest gibst Du mir immer wieder innovative Hoffnungsschübe ). Und das ist für mich echter “Mehrwert” in dieser doch auch seltsamen Welt.

    Liebe Grüße und viel Spass in Amsterdam, wünscht Dir Torsten

    • Hey,

      hoffe, alles gut gelaufen?

      Ich werde natürlich weiter schreiben… Frage mich nur, ob Rezensionen ein guter Weg sind… Der Aufwand ist verhältnismäßig hoch… Bin gespannt, vielleicht gibt es noch mehr Rückmeldungen…

      Lg aus Amsterdam

      Hendrik

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