Die Generation Y und die Soziale Arbeit

Ich gehöre noch dazu. Knapp zwar, aber immerhin. Ich mag es, wenn ich meine Zeit relativ frei einteilen kann, ich hätte gerne viel mehr Zeit für meine Familie, ich mag es, im Café zu sitzen und zu arbeiten, unterwegs zu sein, keinen nine-to-five job zu haben, mich zu verwirklichen in meiner Arbeit. Ich mag es auch, mitbestimmen zu können, wohin die Reise geht, manchmal hätte ich das sogar gerne noch viel mehr. Ich stelle Forderungen an meinen Arbeitgeber, die manchmal erfüllt werden, manchmal nicht, ganz normal. Die Betreuungskosten meiner Kinder werden durch meinen Arbeitgeber übernommen. 

Über die Generation Y wird gerade viel berichtet: In der Zeit gab es nicht nur einen großen Artikel über „uns“, Spiegel Online berichtet mit den Worten Frech, faul, fordernd und vor allem verwöhnt, und sogar der Väter BLOG schreibt davon, dass sich mit der Generation Y ein radikaler Wertewandel in der Arbeitswelt ankündigt. Wahrscheinlich lassen sich noch viele weitere Beispiele finden, google liefert bei der Suche nach Generation Y ungefähr 294.000.000 Ergebnisse. 

Um was geht es aber bei der Generation Y genauer? 

Auch wenn das folgende Wikipedia-Zitat etwas länger ist, es lohnt sich: Die Generation Y “zeichnet sich durch eine technologieaffine Lebensweise aus, da es sich um die erste Generation handelt, die größtenteils in einem Umfeld von Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen ist. Sie arbeitet lieber in virtuellen Teams als in tiefen Hierarchien. Anstelle von Status und Prestige rücken die Freude an der Arbeit sowie die Sinnsuche ins Zentrum. Mehr Freiräume, die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, sowie mehr Zeit für Familie und Freizeit sind zentrale Forderungen der Generation Y: Sie will nicht mehr dem Beruf alles unterordnen, sondern fordert eine Balance zwischen Beruf und Freizeit. Nicht erst nach der Arbeit beginnt für die Generation Y der Spaß, sondern sie möchte schon während der Arbeit glücklich sein – durch einen Job, der ihnen einen Sinn bietet. Sie verkörpert einen Wertewandel, der auf gesellschaftlicher Ebene bereits stattfindet, den die jungen Beschäftigten nun aber auch in die Berufswelt tragen. Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann macht auf die Multioptionsgesellschaft und Grenzlosigkeit aufmerksam, in welcher die Generation Y groß geworden ist. Die Millennials sind optimistisch und selbstbewusst und haben wenig Vertrauen in die Regierung, weshalb sie sich durch passiven Widerstand aktiv ins politische Geschehen einbringen.“

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Generation Y und Soziale Arbeit? 

Das klingt doch gut, wie ich finde. Aber, und das ist die spannende Frage: Was passiert, wenn die Sozialarbeiter-Generation Y (man und Frau entschuldige die nicht vorhandene Geschlechtsspezifität, die in meinen Augen vieles jedoch unnötig verkompliziert) auf die Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft, auf die sogenannte „Praxis” trifft? Wie steht es in Organisationen der Sozialwirtschaft um die Freude an der Arbeit und die Sinnsuche? Eigentlich doch optimal, sollte man meinen. Wenn jemand sinnstiftende Jobs mit viel Spaß verrichtet, dann doch wohl die Sozialarbeiter und -pädagogen. Oder etwa nicht? Sie arbeiten an den Problemen der Gesellschaft und sie bekommen Bewunderung und Respekt entgegengebracht von vielen Mitmenschen („so etwas könnte ich nicht“). 

Warum aber kenne ich viele befreundete Sozialarbeiter, die nicht richtig glücklich wirken mit ihrer Arbeit, die immer wieder eher über die Probleme als über Erfolge berichten? Warum habe ich selbst der “Arbeit an der Front“ den Rücken gekehrt? Liegt es an den Arbeitsbedingungen? Seine Arbeit nicht frei gestalten zu können? Der Bezahlung? Oder einer negativen Grundeinstellung, die sich durch die Arbeit in einem meist defizitorientierten Bereich ergibt? 

Es gibt wohl einige Hinweise auf verschiedene Probleme: Frauenberuf, Suche nach professioneller Identität, Semiprofession, Stellenwert in der Gesellschaft, Defizitorientierung, um nur einige zu nennen. 

Verbesserte Arbeitsbedingungen

Einige von den genannten Problemen sind nicht oder nur über sehr lange Zeiten zu ändern. Beispielsweise ist es schwierig und wird es schwierig bleiben, von Schwierigkeiten wie “der Sozialen Arbeit als Frauenberuf” wegzukommen. Auch die Fragen nach der professionellen Identität werden die Sozialarbeiter wohl noch einige Zeit begleiten. Was wäre – sofern man den oben beschriebenen Zustand denn überhaupt für erstrebenswert hält – jedoch relativ schnell zu ändern?

In meinen Augen kann man nur bei den Arbeitsbedingungen ansetzen. Mehr Mitbestimmung, mehr Freiheit, mehr Flexibilität, um nur einiges zu nennen, klingt erstmal erstrebenswert. Klar, mehr Geld, aber mehr Geld wird sich nur über bessere Arbeit(sergebnisse) erzielen lassen. Die hängen jedoch auch von motivierten, engagierten, zufriedenen Mitarbeitern in den Organisationen der Sozialwirtschaft ab.  

Welche Anreize gibt es aber noch, seinen Beruf möglichst gut, zufrieden und motiviert zu gestalten? Neben Weiterbildungsmöglichkeiten und vertraglichen Höhergruppierungen, womit wir wieder beim Geld wären, fallen mir wenige Möglichkeiten ein.

Ich bin aber gespannt, ob sich auch in den Organisationen der Sozialen Arbeit ein radikaler Wertewandel durch die Generation Y ankündigt. 

Zu hoffen wäre es jedenfalls, wenn auch unklar ist, wie der Wandel aussehen kann…

8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  5. Hallo Hendrik,

    ich habe vor einigen Wochen auch diesen Artikel in der Zeit gelesen. Ich fand ihn sehr wertschätzend, wo man doch gerade von der älteren Generation immer nur zu hören bekommt, dass wir immer asozialer werden, aufgrund der hohen Nutzung der Technik.

    Ich bin selbst Sozialpädagogin und gehöre ebenfalls zu der sogannten Generation Y. Ich sehe es selbst als Privileg an, meine Entscheidungenstetig anhand von Selbstverwirklichung treffen zu können. Den Beruf der Sozialpädagogin habe ich ergriffen, weil er vielseitig ist ich selbst viel von den Leben lernen kann, die mir begegnen und ich es toll finde, zu sehen, wie sich Menschen entwickeln.

    Ich arbeite nun seit knapp 4 Jahren in diesem Beruf und hatte ebenfalls immer mal wieder mit Unzufriedenheit zu kämpfen. Ich kann nur von mir sprechen, aber es hatte bei mir verschiedenste Gründe:
    Zum Einen hatte ich Schwierigkeiten meine eigene Balance zu halten. Der Bereich der sozialen Arbeit hat auch immer etwas mit einem kleinen bisschen Selbstaufgabe zu tun, wenn man mit Leib und Seele dabei ist. Hier noch ein später Termin am Abend, da noch am Wochenende eben einen Bericht zuende schreiben und bei den harten Fällen nächtliches Gedanken machen. Die Sache mit der Abgrenzung lernt man, denke ich, erst mit den Jahren.
    Zum Anderen, und da kommt einfach das prozessorientierte Denken ins Spiel, sollte man nicht immer auf Ergebnisse aus sein, wenn man mit Menschen arbeitet. Was natürlich durch Hilfepläne und deren Zielvereinbarungen immer wieder schwierig wird. Mich hat es manchmal wirklich fassungslos gemacht und ermüdet, wenn ich mal wieder tiefe Rückschritte bei meinen Klienten eststellen musste. Denn nur weil ich zur Generation Y gehöre, heißt es noch lange nicht, dass jeder aus unserer Generation nach Selbstverwirklichung strebt. Ich glaube auch dass dies eine Art Kluft zwischen den Klienten und den Sozialarbeitern aus der Generation Y treiben kann. Denn man sollte sich bei der Arbeit der Klienten immer selbst hinterfragen und nur weil ich andere Werte in meinem Leben habe, müssen diese nicht auch für die anderen zutreffen. Ich glaube eh, dass die Generation Y eher Mittelklasse Kids beherbergt und mit unserem Klientel nur selten etwas zu tun hat.

    Nun bin ich im 7. Monat schwanger. Ich habe seit 4 Monaten ein Beschäftigungsverbot und soll mich nun, nach 4 Jahren in denen ich mich ständig um andere “gekümmert” habe, um mich kümmern. Das ist schon eine seltsame Situation. Irgendwie kriegt man die soziale Arbeit nicht so richtig aus sich heraus, deswegen bin ich froh, deinen Blog gefunden zu haben. Denn obwohl wir der Generation der High-Tech-Sozialarbeiter angehören, gibt es komischerweise komm eben solche, die sich und ihre Arbeit im Netz darstellen. Das finde ich sehr schade. Aber schön dass ich dir wenigstens folgen kann 😉 Vielleicht hast du ja Lust mal auf meinem Blog vorbei zu schauen. Ich würde mich freuen. Vorallem, kannst du mir als Sozialarbeiter-Papa bestimmt ein paar Tipps geben, wenn es bei mir dann bald los geht 😉

    Bis dahin lieben Gruß,

    Sarah

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