Haltet Ihr an?

Der moderne Mensch wird in einem Tätigkeitstaumel gehalten, damit er nicht zum Nachdenken über den Sinn seines Lebens und der Welt kommt. (Albert Schweitzer)

Das hier wird der wohl bislang persönlichste Artikel. Dabei wird es aber auch irgendwann um Organisationen gehen, keine Angst…

So sitze ich im Zug, wieder einmal auf dem Weg zu einer Hochschule, irgendwo in Deutschland.

Es ist heiß draußen, im Zug funktioniert die Klimaanlage, das ist doch was.

Meine Kinder und meine Frau sind zu Hause. Sie versuchen, mit den Temperaturen so gut es geht zurechtzukommen.

Wenn ich mich so umschaue, in meinem Leben, in dem Leben anderer, im Zug, in der Arbeit und dem ganzen Rest, dann frage ich mich in letzter Zeit zunehmend, ob und wie es möglich ist, dem Alltag zu entfliehen.

Anzuhalten.

Auszubrechen.

Abzutauchen.

So habe ich immer mehr das Gefühl, dass wir – und damit meine ich explizit mich und die Menschen, die mich umgeben – in einen Strudel der Alltagsbewältigung geraten. Falls ihr Kinder habt, werdet ihr das kennen: Syssiphos lässt grüßen, die Waschmaschine wird leer, voll, leer, voll, leer, voll und die Spülmaschine macht genau das gleiche.

Aufstehen, Frühstücken, Schule, Arbeit, Hausarbeit, Kochen, Essen, Schlafen. Fertig. Völlig.

Neben dem versuche ich, immer wieder Zeiten für mich zu finden. Ich habe damit begonnen, früher aufzustehen als alle anderen, der Vogel, der ein wenig Ruhe vor der Brut braucht.

Ich versuche dann zu meditieren. Darin bin ich kein Held, talentiert schon gar nicht. Es fällt mir so verdammt schwer.

Zehn Minuten, dann fünfzehn, aktuell, wenn es gut läuft auch mal zwanzig Minuten: Stille.

Sitzen.

Atmen.

Aushalten.

Den Gedankenstrom der anstehenden Aufgaben vorbeiziehen lassen. Durchbrechen.

Dahinter steht der Versuch, das zu finden, was ich wirklich will. Für mich, für meine Familie, für mein Leben, vielleicht Ebenen zu entdecken, die ich selber gar nicht kenne.

Was steckt in dieser Stille? Was alles überlagert diese Stille? Findet sich mehr? Oder ist es – auch das wäre ein Ergebnis – so, wie es ist, gut?

Was bitte soll all das denn jetzt mit Organisationen zu tun haben?

Soll der Epe doch mal rumsitzen, wir müssen hier arbeiten! Produktiv sein! Gas geben! Da klopft schon wieder der Nächste an die Tür, die nächste Aufgabe auf der Liste will dringend abgehakt werden und dann gibt es ja – gerade im Sozialwesen – Aufgaben, die nun wirklich nicht aufgeschoben werden können!

Da geht es um Leben und Tod, wortwörtlich!

Und dann rumsitzen und nach Stille suchen? Wenn draußen die Welt untergeht?

Naja, ich sehe es vollkommen ein, dass es Aufgaben gibt, die aktuell dringender sind als zu schauen, was darunter liegt. Bei mir sind es – neben tausend anderen Dingen – schon einfach die morgens aufstehenden Kinder. Ich kann dann nicht weiter rumsitzen und suchen. Wichtiger sind Schulekindergartenkita. Und zwar pünktlich und in etwa in der Reihenfolge. Gleichzeitig fährt der Zug nunmal, auch ohne mich!

Aber wie wäre es, wenn man der eigenen Organisation einmal eine Auszeit gönnt?

Ein absurder Gedanke?

Naja, eigentlich geht es nur darum, die Organisation nicht als etwas Technisches zu sehen. Nicht als die Maschine, in die wir morgens als Zahnrad einsteigen, kräftig am Rad drehen und abends wieder rauskommen.

Nein, die Organisation als etwas Lebendiges. Als „Wesen“ mit einem eigenen Sinn.

Wenn man die Organisation so sieht, stellt sich die Frage wirklich:

Gönnt ihr Eurer oder gönnt sich Eure Organisation eine Auszeit? Eine Zeit, in der alle die Möglichkeit haben, danach zu suchen, was die Organisation wirklich will? Anzuhalten, zu lauschen, wahrzunehmen, zu spüren, was hinter all den anstehenden, wirklich dringenden Aufgaben verborgen liegt?

Vielleicht einen Tag im Monat? Oder ein Wochenende im Jahr? Oder in jeder Besprechung, fünf Minuten zu Beginn, einfach Stille lauschen?

Nicht, um eine neue Strategie zu erarbeiten, nicht um das völlig verstaubte Leitbild auf aktuellen Kurs zu trimmen, nicht, um irgendwelche Teamfindungsjetztlernenwirunsmalkennenmaßnahmen zu realisieren!

Sondern einzig um Raum und Zeit zu geben, zu spüren, wohin es gehen kann.

Oho, der Spinner! Da sitzt er im Zug – Langweilig ist ihm, mehr nicht!

Den Einwurf kann ich verstehen, aber ich glaube, dass es ein wenig darüber hinaus geht:

  • Es kann doch nicht sein, dass die Mitarbeiter UND die Führungskräfte in den Organisationen, unabhängig von der Branche, unzufrieden sind! Innerliche Kündigung, Burn-Out, Stress, sinnlose Projektfinanzierungen, Arbeiten, um zu (Über-)Leben (wobei das Gegenteil auch diskussionswürdig ist 😉 Und das, unabhängig von der Hierarchiestufe.
  • Es kann doch auch nicht sein, dass uns Maschinen wichtiger sind als Menschen, was sich bspw. in der Bezahlung verschiedener Bereiche zeigt (Maschinenbau vs. Sozialarbeit).
  • Es kann doch nicht sein, das wir jeden Tag einen wesentlichen Teil unserer Persönlichkeit an der Tür abgeben, um nur als Zahnrad zu funktionieren, dann am Nachmittag den Persönlichkeitsteil wieder anzuziehen und aus der Maschine ins Leben zurückzufinden? Das passiert sicher nicht überall, aber es passiert auch in sozialen Organisationen!

Und um diesen Kreislauf zu durchbrechen kann es helfen, anzuhalten und zu suchen:

Was will die Organisation eigentlich? Und: Will ich dabei mitmachen? Oder will ich vielleicht einen anderen Weg gehen?

Das kann man aber erst entscheiden, wenn klar ist, was unter den tausenden dringenden Aufgaben verborgen liegt.

Da hinzukommen, das merke ich selber jeden Tag, kostet Zeit und Kraft.

Die kann man auch für dringende Aufgaben verwenden, wenn man will…

Was bedarf es dafür?

Das ist leider wirklich nicht einfach.

Es braucht vor allem die Einsicht, dass Anhalten sinnvoll sein kann. Diese Einsicht muss sich – so meine Erfahrung – in der Führung der Organisation verankern. Und dann braucht es das Verständnis aller Mitarbeitenden, sich auf in unserer Welt vielleicht etwas verrückte Formen der Arbeit einzulassen:

Nichtstun.

Zuhören.

Spüren.

Wie gesagt: Nicht einfach.


 

Bin gespannt auf Eure Rückmeldungen.

P.S.: Falls Ihr mehr über meine Gedanken zur Entwicklung der Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft erfahren wollt, tragt doch einfach Eure Mailadresse oben ein. Ihr bekommt jeden Artikel umgehend in Euer Postfach.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Hendrik,
    Ich finde erst einmal, dass du super gut schreibst! es macht so viel spass, dich zu lesen! tja, bin ich die richtige, meine meinung hier kund zu tun 😉
    also, arbeit und leben trennen…das will ich gerade nicht mehr! und es geht mir soviel besser damit! ich arbeite, ja…das sieht immer anders aus, nur weil ich nicht ständig irgendwo kindern auf die welt helfe, aber in allererster linie lebe ich! und dieses gefühl ist der hammer! seit ziemlich genau zwei jahren bin ich u.a. tochter in der ferne, freundin, reisende, taucherin, sterbebegleiterin, kräutergartenpflanzerin, nachlassverwalterin, umzugshelferin, vielfliegerin, zurückkehrerin, sprachenlernerin, französischsprecherin, indonesischversteherin, hebammenaufspürerin, vulkanbesteigerin, bootsmitfahrerin, schnorchlerin, mopedfahrerin, freiwillige, essensprobiererin, seglerin, guitaristin, ukulistin ;-), sängerin, fotografin, model, schauspielerin, regiseurin, friseurin, bamboohausarchitektin, detoxretreaterin, fasterin, wellnessliebhaberin, camperin, inselumrunderin, nichtraucherin, nichttrinkerin, tänzerin, therapeutin, kaffeeverweigerin, smoothiefanatikerin, meditierende, yogi, raw foodist, sozialpädagogin, hebamme und Isabel! und vieles mehr natürlich!!! 😉
    und das ist toll und so erfüllend!
    ich „arbeite“ hier und da und meist für essen und unterkunft und das reicht mir und macht mich so happy! bald bekomme ich auch mal wieder geld, weil mein hebammenwissen bei zwei hausgeburten gefragt ist! 😉 Ich lerne jeden tag etwas neues, ich starte den tag, wie ich es will…mit viiiiiiel zeit für Yoga und lecker frühstück und smoothie…und dann geht es an die „arbeit“. was auch immer das gerade ist, wo auch immer ich gerade bin…manchmal geht es nur um mich, manchmal geht es nur um andere, manchmal geht es um ein kleines projekt und manchmal um die ganze welt…
    nun kommt der einwand, dass ich ja noch keine kinder habe. stimmt. ich wüsste aber nicht, wie die mich in meinem Ichsein beeinträchtigen könnten. die würden mich einfach nur bereichern!!! kita und das ganze zeug gibts hier eh nicht 😉
    der nächste einwand wäre dann, dass ich in asien bin und eben nicht in deutschland. stimmt auch, und ich bin so froh drum, denn da liegt der hase im pfeffer! 😉
    ich hab all das hinter mir gelassen, was du beschreibst! bin ich weggerannt? war ich feige? vielleicht, denn ich hätte das vielleicht nicht mehr länger durchgehalten…auch wenn ich es geliebt habe! ich habe es geliebt, als selbständige hebamme mit ordentlichen einkommen zu arbeiten, aber ich hatte ja auch keine familie…denn dann wäre das kartenhaus evt. zusammengefallen! jetzt mal ganz abgesehen von der persönlichen tragödie, die dahintersteckt…bitte versteht mich hier niemand falsch!!!arbeit und familie unter einen hut zu bringen…was heisst das eigentlich? ist das nicht völlig absurd? wo lebt man denn dann? auf der arbeit. in der familie. irgendwo dazwischen…ich verstehe dich sooooo gut!!! und ich finde es so toll, dass du zeit für dich suchst!
    könnt ihr nicht einfach aufhören, geld zu brauchen…verstehst du? essen selbst anbauen und ernten, diese autos weg (ich unterstelle euch mal, dass ihr eins oder zwei habt und sicher aus irgendwelchen sicherlich verständlichen gründen nicht drauf verzichten könnt), die sind sooooo teuer…ach was weiss ich, was ihr machen könnt! Ihr habt’s halt auch nunmal sauschön dort, wo ihr seid…aber das zu erhalten, kostet halt geld und das heisst: arbeiten arbeiten arbeiten…für jemand anderen, der einem dann geld gibt…kann man dieses umdieecke nicht ändern? irgendwie? oder minimieren? was am ende im besten falle dabei rauskommt ist das grösste Gut. und das ist Zeit!!! das wertvollste, was wir haben! das hier und jetzt und nicht das gestern und nächsten montag…
    also, ich habe das jetzt einfach mal so niedergeschrieben…
    ich bin gespannt, was jetzt kommt!!! hoppla!!! ich hoffe, keine Buhhhrufe oder so!
    ich habe in den letzten jahren einfach so viele menschen aus „unseren ländern“ kennenlernen dürfen, die ausgebrochen sind, die das zahnrad durchbrochen haben…mit und ohne familie. das spielt doch keine rolle. ich wurde inspiriert und erschüttert von vielen geschichten!
    nungut…das war’s erstmal von den philippinen!!! 😉
    lass es dir gut gehen und dicke umarmungen an die familie!!!
    deine isabel

    • Liebe Isabel,

      ich kann eigentlich nur sagen: Danke für Deinen persönlichen, tiefgehenden Kommentar. Freue mich, dass Dir gefällt, was ich hier so bastel und die Familie ist umarmt.

      Inhaltlich fällt es mir gleichwohl schwer, auf die unterschiedlichen Facetten deines Kommentars einzugehen (so habe ich auch auf Facebook nicht geantwortet…). Dazu bedarf es wohl eher eines persönlichen Austausches, vielleicht mal bei dir auf den Philippinen 😉

      Fühl auch du dich gedrückt und

      Liebe Grüße in die Ferne!

      Hendrik

  2. Moin Hendrik,

    danke für Deine persönlichen Worte!

    neben mir rauscht die Spülmaschine, unser Pubertier markiert die Wohnzimmerwand mit Flummiwürfen, Tochter zwei springt in Nachbarin-Garten Springtau bis das Seil glüht und meine Frau versucht sich ein wenig zu erholen. Ich finde inspirierte und notwendige Gedanken im Netz, hier. Also, ich denke, zumindest für mich, Meditation ist Basic. Meine Möglichkeit um zumindest auf mich zu treffen, denn Ruhe folgt meist erst danach. Schaue ich nicht auf mich, und dass meine ich nicht als Ego-Trip, findet mein System Möglichkeiten Energie zu reduzieren, bis hin zum deutlichen Stop. Das wäre der individuelle Teil. Mein Lieblingsautor Erich Fromm machte deutlich, dass man das individuelle nicht vom Sozialen trennen kann. Deshalb schrieb er beispielsweise über den Gesellschaftscharakter und, mein liebstes, über Haben und Sein. Da ist wieder das Warum impliziert und für die Antwort benötigt es Ruhezeiten. Ich arbeitete einmal für einen christlichen Träger, da gab es zumindest einen jährlichen Oasentag, für das Team, was allerdings „nur“ den individuellen Teil der Organistation etwas entspannte. Am nächsten Tag ging es dann aber auch mit gleichen Tempo weiter. Es handelte sich um ein Wohnheim für chronisch psychisch kranke Erwachsene. Interessant war die Lebensgeschwindigkeit dieser Menschen, eher verlangsamt, und die der MitarbeiterInnen, schnell, gestresst, bis überfordert. Manchmal hatte ich den Eindruck, wie auch jetzt im ambulanten Setting, dass „zur Ruhe kommen“ schlimm oder kaum erträglich ist, weil wir dadurch auf wesentliche Fragen, Unbehagen und ähnlichem treffen könnten. Dem ist manchmal auch so, aber das ist nur der eine Teil. Der andere Teil wäre die Chance, auch als Organisation, zu spüren (da grüßt Frederic Laloux…) was es gerade braucht, zu lauschen, was sich entwickeln möchte. So in der Art. Und manchmal sind die Zeiten gerade so wie sie sind und man glaubt es ginge immer so weiter… Und wie du so offen über Meditation schreibst, mein Lieblingsautor ist da Jack Kornfeld („Erleuchtung finden in einer lauten Welt“). Dem geht es um das Leben im Alltag, „hier und jetzt“, bei laufender Spülmaschine halt…

    Einen schönen Sonntag-Nachmittag wünscht

    Torsten

    • Hey Torsten,

      bin leider in den letzten Tagen gar nicht zu einer Antwort gekommen… Neben dem Blog gibt es noch so einiges, was das anhalten, fokussieren und antworten leider oft so schwer macht 😉

      Du hast natürlich Recht: Da grüßt Laloux! Faszinierend, finde ich, auch wenn einiges für uns in unserem Kulturkreis schwer umsetzbar scheint. Dazu bedarf es wirklich eines radikalen Umdenkens. Aber, davon bin ich überzeugt, wenn wir die Gesellschaft positiv gestalten wollen, bleibt uns bald wenig anderes übrig, als radikal umzudenken. Und warum nicht damit beginnen? 😉

      Das Leben im Hier und Jetzt, neben der Spülmaschine, dem Geld, der Arbeit … ist wohl meine persönlich größte Herausforderung… Hier ist der Weg das Ziel, denke ich… Also: Gehen!

      Dir ein schönes Wochenende und

      beste Grüße aus dem heißen Süden Deutschlands

      Hendrik

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