Innovationen in Kitas – Perspektiven für inklusive Veränderungsprozesse

Helen Knauf Innovationen in Kitas

Der folgende Artikel ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Helen Knauf!

Helen Knauf  habe ich zuerst online und dann im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit kennengelernt.

Sie bloggt auf https://kinder.hypotheses.org/ “Gelesenes, Erforschtes, Gedachtes und Beobachtetes über Aufwachsen und Bildung von Kindern”! Und da gehören natürlich auch Fragen zur zukunftsfähigen Entwicklung von Kitas dazu!

Viel Spass mit dem Artikel!

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Wachsende Anforderungen an Kindertageseinrichtungen

Die „Entdeckung der frühen Jahre“ (Kahl 2006) hat Frühpädagogik und Kindertageseinrichtungen einen starken Auftrieb beschert.

Die zu Anfang des Jahrtausends in allen deutschen Bundesländern entstandenen Bildungspläne, der massive Ausbau des Angebots an Betreuungsplätzen und die entstandenen Studiengänge für Kindheitspädagog*innen sind deutlich sichtbare Zeichen für das gestiegene Bewusstsein für die Wichtigkeit frühkindlicher Bildung.

Dieses Bewusstsein bringt es aber auch mit sich, dass viele gesellschaftliche Probleme nun in der Kita gelöst werden sollen:

Sprachförderung, Inklusion, Bewegung, Ernährung, Digitalisierung, Erziehungshilfen, Partizipation, Nachhaltigkeit oder aktuell die Integration geflüchteter Kinder sind nur einige Beispiele für die Vielzahl der Themen, die an Kindertageseinrichtungen herangetragen werden.

Und das alles soll unterlegt sein mit einem differenzierten und altersangemessenen Bildungsverständnis; die Kinder sollen aufgrund von systematischer Beobachtung individuell gefördert und ihre Entwicklung soll umfassend dokumentiert werden. Schließlich soll all dies noch in enger Zusammenarbeit mit verschiedensten Fachkräften geschehen („multiprofessionelles Team“).

Uff.

Abwehrhaltungen scheinen Innovationen zu blockieren

Wenn man die Anforderungen auf diese Weise zusammenträgt, dann kann einem schon schwindlig werden.

Bedenkt man, dass weder Betreuungsschlüssel noch Gruppengrößen als wesentliche Rahmenbedingungen für hohe Qualität sich in den letzten Jahren nennenswert verändert haben, kann man durchaus verstehen, dass sich in vielen Einrichtungen ein Gefühl der Überforderung breitmacht.

Neue Anforderungen stoßen deshalb vielerorts nicht gerade auf Begeisterung, sondern oftmals eher auf Abwehr. Ein Beispiel ist etwa die Sprachstandsfeststellung in NRW: Zwischen 2007 und 2014 wurden mit dem Verfahren „DELFIN 4“ landesweit alle Kinder getestet. Das Verfahren war in den Kitas hochumstritten. Seit der Novelle des Kinderbildungsgesetzes können die Kitas nun zwischen verschiedenen Verfahren wählen, und der Fokus liegt eher auf der kontinuierlichen Beobachtung und Begleitung der Kinder. Das ist sicher eine begrüßenswerte Entwicklung.

Für die Fachkräfte in Kitas bedeutet es aber, sich auf ein neues Verfahren einzustellen und die Umsetzung in den Alltag zu integrieren. Ich bin mir sicher, dass die Mehrzahl der pädagogischen Fachkräfte in Kitas die Zielsetzungen dieser Veränderung befürwortet – im Alltag stellt sich für sie jedoch einfach eine Aufgabe mehr, mit der sie sich beschäftigen müssen. Darauf reagieren nicht wenige mit Abwehr („Müssen wir das wirklich machen?“) und Rückzug („Also, ich schaffe das nicht auch noch“). Und ich spreche hier noch von jenen Anforderungen, die auf ein positives Echo stoßen – Innovationen beispielsweise im Bereich der digitalen Bildung, die weit umstrittener sind, werden noch ungleich stärker in Frage gestellt.

Das Problem ist dabei nicht nur das Wachsen der Anforderungen, sondern auch das Tempo und die Dichte mit der die neuen Anforderungen entstehen.

Anforderung etwas zu verändern = Innovation?

Bislang habe ich hier einiges über Anforderungen geschrieben – aber ergeben sich daraus automatisch Innovationen?

Für das Gabler Wirtschaftslexikon ist eine Innovation „eine mit technischem, sozialem oder wirtschaftlichem Wandel einhergehende (komplexe) Neuerung“. Neue Anforderungen, die an Kindertageseinrichtungen gestellt werden, sind also durchaus Anlass für Innovationen.

Strategien, um mit Innovationsnotwendigkeiten umzugehen

Die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen wachsenden Anforderungen und Innovationsgeschwindigkeit einerseits und wenig oder nicht wachsenden Ressourcen andererseits lässt sich nicht einfach schließen. Es ist deshalb dringend notwendig – für Träger und Einrichtungen – Strategien zu entwickeln, um mit dieser Diskrepanz umzugehen.

Es mag ein Allgemeinplatz sein, aber die Selektion dessen, was wirklich wichtig ist, steht hier an erster Stelle. Keine Kita kann alles und sofort. Bei der Auswahl, welche Innovationen als erstes angegangen werden sollten, stehen die gesetzlich vorgeschriebenen Erfordernisse natürlich an erster Stelle. Die alltagsintegrierte Sprachförderung, um das Beispiel von oben aufzugreifen, muss umgesetzt werden. Andere Innovationen sind weniger dringend. Hier sollte es darum gehen, auch die vorhandenen Ressourcen in den Blick zu nehmen: Welche Kompetenzen sind im Team bereits vorhanden? Worauf können wir aufbauen und was fällt uns deshalb leicht?

Damit in Verbindung steht die zweite wichtige Strategie neben der Selektion: die funktionelle Differenzierung. Das bedeutet, dass jedes Team aus verschiedenen Personen besteht, die über unterschiedliche Kompetenzen und Interessen verfügen.

Es müssen sich nicht ALLE im Team mit Bewegung/Musik/Digitalem… beschäftigen. Es genügt zunächst einmal, wenn es eine*n Expert*in gibt, die ihr Wissen und seine Erfahrungen bei Bedarf mit allen teilen kann.

Innovationen in Kitas – Gestaltung inklusiver Veränderungsprozesse

Keine Organisation – und also auch keine Kita – kann heute davon ausgehen, eines Tages „fertig“ zu sein, „ausgelernt“ zu haben und keiner Innovation mehr zu bedürfen.

Innovationen sind ein nie abschließbarer Prozess. Deswegen ist es so wichtig, diese Veränderungsprozesse inklusiv zu gestalten, d. h. sie so anzulegen und durchzuführen, dass alle mit ihren Fähigkeiten darin eine Rolle spielt und zu ihrem Gelingen beitragen können.

Ein inklusiver Veränderungsprozess bedeutet:

  • Bedenken werden ernst genommen,
  • Zögerliche werden nicht stigmatisiert,
  • Barrieren werden bewusst benannt,
  • Ressourcen werden mobilisiert.

Jeder Veränderungsprozess wird von Menschen getragen, die begeistert und/oder zupackend sind und das Neue als reizvolle Herausforderung sehen. Die Kunst besteht darin, diese Dynamik nicht auszubremsen und zugleich auch denen, die langsamer gehen möchten, Raum zu geben.

Innovationen in Kindertageseinrichtungen jedoch sind in besonderem Maße auf diese Ausgewogenheit angewiesen. Denn in Kitas begegnen sich – anders als in den meisten Organisationen – alle jeden Tag und sind aufeinander bei der Gestaltung des Tages mit den Kindern in hohem Maße angewiesen.

Literatur

Kahl, Reinhard (2006): Die Entdeckung der frühen Jahre. Die Initiative McKinsey bildet. Zur frühkindlichen Bildung. Film. Archiv der Zukunft.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Hat dies auf mampels welt rebloggt und kommentierte:
    Dieser Beitrag auf der Seite von Hendrik Epe ist sicher nicht nur für Kitaträger (wie uns) interessant, sondern für alle, die tagtäglich Innovationsdruck und “grauen Alltag” unter einen Hut kriegen müssen (oder wollen)……

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