Mein New Work – Reset Review 1/2

Mein New Work

Ich habe im Januar den Beitrag “Reset – IdeeQuadrat 2018” veröffentlicht. Hintergrund dieses Beitrags war die Frage, wie sich IdeeQuadrat entwickelt bzw. wie ich mich mit IdeeQuadrat entwickeln werde. Angedacht war, IdeeQuadrat weg vom reinen Blog hin zur Dienstleistungsorganisation, von mir aus Consulting, für soziale Organisationen zu entwickeln. Ich habe das Warum, das Wie und das Was von dem beschrieben, was ich tun will – mein New Work, sozusagen.

Und ich will hier darlegen, wie es mir nach dem ersten halben Jahr in “meinem New Work” ergangen ist. Dazu werde ich darauf eingehen, was “mein New Work” in diesem Kontext bedeutet, wie sich meine Absichten aus dem Reset entwickelt haben und wo ich die größten Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten sehe, wie es in Zukunft weitergehen kann. Der Beitrag ist damit recht persönlich, liefert aber vielleicht Anreize für den ein oder anderen, wie Wege aussehen können… 

Mein New Work

Mein New Work ist es insofern, als dass ich zum ersten Mal in meinem beruflichen Leben meine Arbeitsstelle offiziell reduziert habe, von 100 auf 80% der regulären Arbeitszeit.

Das mag für den ein oder anderen wie ein schlechter Witz klingen: Jetzt hat er seine Arbeitsstelle reduziert und produziert sich als wahnsinnig innovativ!

Nein, das ist nicht meine Absicht! Für mich, meinen Umgang mit Unsicherheit und vor allem für uns als fünfköpfige Familie ist es jedoch eine echte Herausforderung, auf einen Teil des regelmäßigen Gehalts aus meiner abhängigen Beschäftigung zu verzichten. Denn ganz ehrlich:

Im sozialen Sektor, mit drei Kindern und einer kleinen Doppelhaushälfte im Südwesten Deutschlands kann ich versichern, dass trotz recht sparsamer Lebensweise zusammenfassend nichts übrig bleibt am Ende des Monats!

Dieser Zustand entspannt sich ein wenig dadurch, dass meine Frau ebenfalls arbeitet, was wiederum den organisatorischen Druck zwischen Schule, Hitzefrei und Kinderkrankheiten, zwischen Schichtdienst in einer Einrichtung für Kinder mit Behinderung und Vorträgen in Kaiserslautern und Workshops in Berlin erhöht.

Angestelltenkind.de

Ebenfalls zu erwähnen ist, dass aus meiner Familie bislang niemand den Weg in die Selbständigkeit gegangen ist. Schlimmer noch: Mein Vater war Lehrer, Beamter, abgesichert bis übermorgen 😉

Im hochschulischen Kontext gibt es die tolle Initiative www.Arbeiterkind.de, bei der Kinder aus “Arbeiterfamilien”, die erstmalig ein Studium aufnehmen, begleitet und in einem Mentorensystem unterstützt werden.

Vielleicht braucht es eine ähnliche Initiative auch für Kinder aus Familien, in denen bislang niemand selbständig gearbeitet hat – www.angestelltenkind.de?

Ich komme später noch einmal darauf zurück, aber mich beschäftigen die Fragen wirklich: Woher bekomme ich Geld, um meine Selbständigkeit auszubauen, ohne ein Erbe im Rücken? Wie entwickle ich ein “unternehmerisches Mindset”? Wie gehe ich mit meiner Angst um, am Ende des Tages ohne Rente bis 97 arbeiten zu müssen? Wie gehe ich mit den Gedanken um, dass andere Menschen in meinem Alter Führungsrollen in irgendwelchen Einrichtungen übernehmen und ich – trotz drei Kindern und Verantwortungen – immer noch an irgendeinem, vielleicht absurden, Traum herumüberlege? Wie gesagt, später noch ein wenig mehr.

Entspannung?

Abschließend zu “meinem New Work” ist zu erwähnen, dass die Reduzierung der Arbeitsstelle bislang nicht wirklich zu mehr Entspannung in unserem Familienalltag geführt hat. Ich bin aktuell so ausgelastet, dass dieses Modell eher zu mehr Stress führt, auch wenn meine Arbeitszufriedenheit durch meine Vortrags- und Beratungstätigkeiten enorm gestiegen ist. Aber ich bin eben nicht allein…

Mein Reset im Rückblick

Was wollte ich eigentlich? Im Alltag, im Gehuddel um das bereits erwähnte Hitzefrei (ein absurdes Konzept unseres Bildungssystems), Schichtdienst und beruflichen Aufgaben, Kinderkrankheiten und Kuchenverkauf in Schule und Kindergarten (wieder Bildungssystem, diesmal OK), Vorbereitung von Vorträgen und Nachbereitung von Workshops fällt es oftmals schwer, zurückzutreten und zu schauen, ob der Weg der richtige ist.

Warum?

Mein “Warum” habe ich vor sechs Monaten wie folgt formuliert:

Mit IdeeQuadrat will ich soziale Organisationen als Vorreiter der gesellschaftlichen Transformation mitgestalten.

Passt das?

Ja, übergreifend stimmt der Weg.

Mir wird jedoch zunehmend deutlich, dass es oft um einzelne Menschen geht, die soziale Systeme und damit auch die Organisationen gestalten. Hier muss ich verstärkt hinschauen:

So bin ich davon überzeugt, dass nur über die Ermöglichung der Potentialentfaltung eine sinnvolle, menschliche und zukunftsfähige Entwicklung der Organisationen (branchenunabhängig) möglich ist. Auf dieses Potential wird es in Zukunft immer mehr ankommen, da sich die Organisationen nicht erlauben können, Menschen auf “Stellen” sitzen zu lassen. Sie müssen vielmehr schauen, wer in der Organisation welche Möglichkeiten, Potentiale, Fähigkeiten, Kompetenzen auch über die “Stellenbeschreibung” hinaus hat und damit die Organisation weiterbringen kann.

Und hier kann sich ggf. meine Arbeit mit IdeeQuadrat weiter entwickeln: Hin zur Unterstützung der Organisationen und der Menschen bei der Frage, wie ihre Potentiale überhaupt entdeckt und dann wertvoll genutzt werden können.

Wie?

Mein Wie bestand aus dem Satz:

“Mit IdeeQuadrat begleite ich soziale Organisationen dabei, ihre Innovationsfähigkeit in all ihren Ausprägungen zu steigern, um damit das volle Potential der Organisationen für die Gestaltung der Zukunft zu entfalten.”

Spannenderweise ist hier der Begriff “Potential” bereits enthalten. Das freut mich.

Hingegen sehe ich inhaltlich kritisch, dass sich soziale Organisationen aktuell im Wesentlichen um die Frage drehen, wie “die Digitalisierung” bewältigt werden kann. Mein Hauptaufgabenfeld bezieht sich aktuell darauf, Organisationen in dieser Frage zu begleiten und zu unterstützen und Wege zu finden, wie ein Umgang mit “der Digitalisierung” gelingen kann.

Hier mache ich zunächst den feinen sprachlichen Unterschied, dass ich lieber von der digitalen Transformation spreche, da dies deutlich genauer trifft, um was es geht: Es geht um Wandel und Veränderung (Transformation) und nicht ausschließlich um eine Überführung analoger in digitale Werte (Digitalisierung).

Und dann sind die mit der digitalen Transformation zusammenhängenden Entwicklungen für mich das troyanische Pferd für eine echte Organisationsentwicklung weg von alten eingefahrenen Strukturen, Mustern und unwürdigen Arbeitsweisen hin zu agilen und damit menschlichen Organisationen (was darunter genau verstanden werden kann, habe ich in unterschiedlichen Beiträgen auch hier erläutert, und immer noch spannend ist die Studie von Prof. Peter Kruse.

Ich sehe in meiner Arbeit für IdeeQuadrat ebenso wie in meiner Arbeit in den Forschungsprojekten meiner Hochschule jedoch zu großen Teilen durch Angst getriebene Manager*innen (in Abgrenzung zu Führungskräften). Es geht häufig nur darum, sich rechtlich nach allen Seiten abzusichern und – das bestärkt meine Annahmen – zunehmend mehr Regelungen einzuführen und Absicherungen vorzunehmen.

Dadurch ersticken die Organisationen, dadurch ersticken vor allem die Menschen in den Organisationen! Und ich kann nachvollziehen, dass eine persönliche Haftung als Geschäftsführer*in entsprechender Vorsichtsmaßnahmen bedarf. Eine erstickte Organisation als Konsequenz zu vieler Vorsichtsmaßnahmen hingegen ist keine Lösung.

Hier bedarf es noch mehr “New Social Work” im Sinne einer menschlichen sozialen Arbeit.

Spannend (und sehr schön) finde ich, dass bspw. der SocialTalk 2018 im November an der EH Darmstadt explizit das Thema agiles Arbeiten und New Work behandelt.

Spannend ist auch, dass ich (noch selten zwar, aber zunehmend) eingeladen werde, das Konzept “New Work” und die sich daraus ergebenden Implikationen für soziale Organisationen zu erläutern. So habe ich bspw. ein Führungskräfteworkshop durchführen dürfen, der zwar das Thema Digital mitbehandeln sollte, jedoch auf die sich daraus ergebenden organisationalen Veränderungen explizit einging.

Und hochgradig erfreut bin ich darüber, dass ich zunehmend Menschen (auch Führungskräfte aus der Sozialwirtschaft) kennenlerne, die Selbstorganisation fördern und – als ein Beispiel – die Anwesenheitspflichten in einem Landesverband der freien Wohlfahrtspflege einfach mal abgeschafft haben.

Kurz: Hier gilt es dicke Bretter zu bohren und mehr New Work, mehr Machen in den Vordergrund zu stellen. Und manche machen schon!

Was?

Hier wird es konkret, endlich mal: Was wollte ich tun und was habe ich getan? Und wie läufts?

Ich wollte:

Und ich mache:

  • (Fast) genau das:
    • Ich bin bis Ende des Jahres 2018 (fast) ausgebucht.
    • Ausgebucht heißt, dass ich fast jeden Monat mindestens eine Veranstaltung für IdeeQuadrat habe, die sich mit den obigen Themen (wie gesagt, vor allem mit der Digitalisierung) befassen. Und Veranstaltung heißt: Vorträge, Key Notes und Workshops, im Rahmen meiner aktuellen zeitlichen Möglichkeiten.
    • Ich verrate auch nicht zu viel, wenn ich sage, dass sich IdeeQuadrat sogar internationalisiert 😉
    • Darüber hinaus habe ich – neben den Beiträgen hier auf dem Blog – auch Beiträge in “etablierten” sozialwirtschaftlichen Beiträgen veröffentlichen können (bspw. neue caritas, SOZIALwirtschaft).
    • Ich habe einige Rezensionen verfasst, einige Podcasts aufgenommen (sogar mein erstes Interview) und war in einigen Podcasts zu Gast.
    • In den letzten Monaten habe ich darüber hinaus an einem Konzept für ein paar Workshops gearbeitet, die ich hier, lokal in Freiburg und Umgebung, zusammen mit Jens Vedder anbieten will. Näheres dazu hier (P.S.: Gerne in Ihren Netzwerken teilen!).

Kurz: Das ist cool, das macht Spaß und ich merke, dass das Thema  – wie gesagt – an Bedeutung gewinnt.

Ich mache jedoch nicht:

  • Ich befasse mich noch zu wenig mit der Entwicklung der Innovationsfähigkeit der Organisationen. Wie geschrieben drehen sich die Themen noch sehr stark um das Thema Digitalisierung, relevant und wichtig!Digital ist jedoch nur sinnvoll, solange es einen Nutzen, einen echten Mehrwert bietet, unterstützend ist und Menschen und Organisationen hilft, und nicht umgekehrt!Hier muss der Switch kommen hin zur Notwendigkeit echter organisationaler Veränderung aufgrund der Digitalisierung. Das vermisse ich noch etwas.

Aber?

Gibt es ein aber? Ja, das gibt es. Vorab aber noch kurz:

Ich bin eher verwundert darüber, wie gut es gerade läuft.

Herausforderungen und Möglichkeiten

Jetzt aber zum Aber und zu dem, was sich daraus machen lässt, vielleicht.

Dazu ist zu erwähnen, dass ich, während ich diese Zeilen schreibe, im Zug sitze, zurück von einem Vortrag, Freitag nachmittag, wir haben gleich 19 Uhr. Heute bin ich morgens um 07 Uhr los, nachdem ich mit den den Mädels gefrühstückt habe. Da meine Frau heute Frühdienst hatte, hat der Sohnemann bei Oma und Opa genächtigt. Ich hätte es zeitlich nicht geschafft, ihn in den Kindergarten zu bringen. Ich muss Montag wieder arbeiten, bis Mittwoch, werde dann meinen Koffer packen und Donnerstag unterwegs sein zu einem spannenden Workshop, Freitag Abend zurück. Vorab muss ich den Workshop noch vorbereiten, wahrscheinlich jetzt am Wochenende, mal schauen.

Sie sehen worauf ich hinaus will:

Ist das aktuell von mir durchgeführte Geschäftsmodell passend für mich und uns als Familie? Mir macht es riesigen Spaß, ich tue etwas Sinnvolles, ich mache das, wofür ich brenne, in der Zeit meiner Freiberuflichkeit.

Es ist jedoch nicht genug, um meinen “Job” an den Nagel zu hängen, und mich voll IdeeQuadrat zu widmen. Außerdem wäre es dann wahrscheinlich so, dass ich deutlich häufiger unterwegs wäre, was wiederum zu Vereinbarkeitsproblematiken führen würde. Ich habe zu meinem Patchwork-Leben einen schönen (wenn auch tontechnisch nicht optimalen) Podcast gehabt, einfach mal reinhören, da erfahren Sie mehr!

Also: Was tun?

Wenn mir hier jemand eine gute Idee liefert: Ich bin sehr offen!

Darüber hinaus stelle ich mir aber wirklich immer wieder die Frage, wie ich ein anderes Geschäftsmodell, dass ich schon länger mit mir herumtrage, auf die Straße bringen könnte.

Damit sind wir wieder bei der oben schon angesprochenen Initiative “www.angestelltenkind.de“:

Wo bekomme ich ohne wirklich große finanzielle Mittel Beratung und Unterstützung zur Gründung eines größeren Unternehmens her? Woher bekomme ich Startkapital, das die Finanzierung für die Startphase und die Wachstumsphase sicherstellt, mehrere Gehälter finanziert etc.?

Ansonsten fehlt mir neben meinem Beruf einfach die Zeit und radikal kündigen und neu beginnen geht eben auch nicht…

Ja, eine Zwickmühle, vielleicht. Vielleicht erhöht dieser Druck aber auch den Druck, darüber nachzudenken, was ich wirklich, wirklich tun will, womit wir wieder bei New Work wären.

Und als kurzes Fazit:

Ich bin froh darüber, zu sehen, dass und wie es läuft. Ich bin froh darüber, zu sehen, dass mir meine freiberufliche Arbeit so wahnsinnig viel Spaß macht und ich – so hoffe ich doch – den Organisationen tatsächlich etwas mitgeben kann, und wenn es nur kleine Impulse sind.

Wenn es mir gelingt, ein, zwei oder ein paar mehr Menschen mitzunehmen, anzustecken und über die Art, wie wir unsere Organisationen gestalten, ins Nachdenken zu bringen, dann ist das schon mehr als erfolgreich!

So freue ich mich auf die nächsten sechs Monate, begleitet mit der der spannenden Frage, wie es weitergeht!

Agiles Denken ist gefragt, nicht nur theoretisch und nicht nur für Sie als Organisation, sondern hier auch und ganz konkret für mich selbst…


P.S.: Haben Sie Lust, mehr über New Work, meine Arbeit, Vorträge und Workshops zu erfahren? Wie wäre es mit der Innovationsfähigkeit im Fokus? Würde mich sehr freuen, mit Ihnen arbeiten zu dürfen! Hier geht es zum Kontakt! 

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Epe, als einer, dessen Berufsweg eher dem Ziel entgegen geht, habe ich Ihren Bericht und Ihre Überlegungen mit großem Interesse gelesen. Ja, so ist (war) es! Ja, Erfolg hat erst einmal negative Folgen auf die Verfügbarkeit des Vaters oder der Mutter. Nein, wenn der Erfolg verstetigt wird, wird das Zeitmanagement nicht einfacher. Ja, wer den Mut zur Selbständigkeit hat (mit oder ohne Erbschaft im Hintergrund), der/die wird viele kleine und große Erfolgserlebnisse geschenkt bekommen. Ja, der Nachtschlaf bleibt unruhig und die leise Sorge, ob morgen wieder ein schöner Auftrag kommen werde, bleibt auch.

  2. Hallo Herr Epe,

    Danke für die Transparenz und das Mitnehmen auf die Reise!

    Da ich “schon was weiter” bin: Richtung stimmt, Motivation auch! Also weiter so und viel Spaß und Erfolg!

    Meine eigene Meinung zu diesen “entrepreneurial way of life”: Nicht ganz einfach, aber genau deshalb immer spannend!

  3. Lieber Henrik,

    Vielen Dank für diesen “Reisebericht”. Ich stehe am Anfang einer sehr ähnlichen Reise und bahne mir noch einen Weg durch das Dickicht. Es motiviert unheimlich zu sehen dass es weiter vorne einen “Trampelpfad” gibt. Hat mich sehr inspiriert.

    Die Themen Innovationsfähigkeit von Organisationen und Entrepreneurship interessieren mich sehr. Würde mich freuen mehr davon zu lesen und in den Austausch zu kommen. Evtl interessiert dich ja was ich dazu aufgeschrieben habe. Der Beitrag auf meinem Blog hiess “Es funkt – Warum unter Wasser keine Innovation entsteht” (WordPress meint der Link wäre Spam).
    Bei angestelltenkind musste ich spontan an die Happy New Monday Initiative von Catharina Bruns denken. Vielleicht ist das ja ein Anknüpfpunkt!?

    Cheers,
    Tobias

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