Man kann die Welt nicht alleine verändern! Naomi Ryland von The Changer im Interview!

Liebe Naomi, ganz herzlichen Dank, dass Du Dich für ein Interview hier auf meinem Blog bereit erklärt hast. Wir kennen uns ja nun schon etwas länger. So wandern einige meiner Artikel auf Eure Seite unter dem Fokus, einen Einblick in die – aus meiner Sicht – Zukunft der Arbeit in Sozialen Organisationen zu geben. Jetzt würde ich aber gerne einmal die Perspektive wechseln: Erzähl doch mal ein wenig über Deinen Werdegang und Eure Motivation, „The Changer“ zu gründen:

Warum tut Ihr, was Ihr tut?  

Gute Frage!

Eigentlich haben wir The Changer aus ganz egoistischen Gründen gestartet. Nadia, Nicole und ich haben uns während eines Masterstudiengangs an der ASH in Berlin kennengelernt. Aber Achtung: keine von uns ist Sozialarbeiterin. Wir hatten eben damals nicht den perfekten “Traumjob” vor Augen, jedoch hatten wir große Ambitionen. Wir wollten im Job die Welt positiv verändern. Damit war für uns erstmal die Welt der Banker und Berater ausgeschlossen. Aber wo findet man denn die “anderen” Jobs? Klar, es gab einige kleine „Nischen-Jobbörsen“, aber nichts, was alles vereint und wirklich Transparenz schafft. Ich wusste zum Beispiel damals nicht, dass es so was wie nachhaltige Banken gibt oder auch Beratungsunternehmen mit Fokus auf den Non-Profit Sektor. Social Business war für mich ein neues Konzept. Hätten wir das gewusst, wären wir vielleicht Banker, Berater oder Entrepreneur geworden 😉

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Einige Jahre später, Ende 2013, nachdem es diese Plattform immer noch nicht gab und wir mittlerweile das Gefühl hatten, dass es jedem zweiten so geht wie uns, haben wir nach langem Überlegen und durch nächtliche Diskussionen am Küchentisch (damals haben wir alle drei sogar noch zusammen gewohnt) beschlossen, The Changer zu gründen.

Es sollte eine Plattform sein, die auf der einen Seite die vielen diversen Optionen für eine Karriere “mit Sinn” aufzeigt – auch für Menschen, die noch gar keinen Plan haben. Auf der anderen Seite sollte eine Community entstehen, die sich gegenseitig hilft und unterstützt. Man kann die Welt eben nicht alleine verändern.

Im April 2014 sind wir dann mit Hilfe eines Gründerstipendiums online gegangen. Aktuell versorgen wir 50.000 Menschen im Monat mit Informationen rund um das Thema sinnvolle Karriere und bringen bis zu 500 Menschen jeden Monat in sechs Städten Deutschlands für Community Hangouts zusammen. Hier lassen sie sich von anderen inspirieren und ermutigen und tauschen Fachwissen aus.

Wenn ich es also richtig verstehe, versucht ihr vor allem, eine Plattform für Jobs „mit Sinn“ zu sein? Welche Erfahrungen habt ihr denn mit der „klassischen Sozialwirtschaft“, also bspw. den großen Wohlfahrtsverbänden, gemacht? Springen die auf Euren Service an?

Ja, wir sind eine Plattform für Jobs mit Sinn – aber auch für Menschen mit Sinn ;-).

Dazu gehören natürlicherweise auch viele Organisationen und MitarbeiterInnen der “klassischen Sozialwirtschaft”. Es toben sich sicherlich viele angehende SozialarbeiterInnen u.a. bei uns auf der Seite, die auch, so wie wir damals, eine neue Welt für sich entdecken – sozusagen jenseits der klassischen Sozialwirtschaft.

Dazu würden wir super gerne noch enger mit Vertretern der Sozialwirtschaft arbeiten, um die andere Seite der gleichen Medaille zu zeigen und Außenstehende auf die tollen Möglichkeiten eines Berufs in der klassischen Sozialwirtschaft aufmerksam zu machen.

Wir wissen ja alle, dass die Sozialwirtschaft einem ernsthaften Fachkräftemangel unterliegt und insbesondere Schwierigkeiten hat, unsere Zielgruppe (junge, engagierte und hoch qualifizierte Menschen) anzusprechen. Uns ist es außer in Einzelfällen bislang nicht gelungen, die richtigen Menschen davon zu überzeugen, dass wir ihnen helfen können. Dafür übernehmen wir die volle Verantwortung und bleiben dran.

Nichtsdestotrotz würden wir uns manchmal ein bisschen mehr Fantasie bzw. Bereitschaft für Neues wünschen. Dann würden wir vielleicht auch schneller zusammenkommen. Wir arbeiten aber dran. Und sind Gott sei Dank auch nicht alleine. Joß Steinke – verantwortlich beim AWO Bundesverband für Arbeit, Soziales und Europa setzt sich seit über einem Jahr intern für uns ein und hat uns unheimlich viele wichtige Kontakte geschaffen. Er sitzt ehrenamtlich nun auch mit am “Advisory Board” von The Changer und berät uns – alles natürlich ehrenamtlich!

Wir haben also die Hoffnung sicherlich nicht aufgegeben und gehen es 2016 noch mal verstärkt an – über Unterstützung und Kontakte freuen wir uns natürlich!

Das klingt ja jetzt noch etwas kritisch, wenn nich gar pessimistisch… Worin siehst du die Gründe, warum es nicht so richtig läuft zwischen Euch und der Sozialwirtschaft?

Das kann ich nur begrenzt antworten – vor allem weil die Sozialwirtschaft ja so riesig ist! Ich möchte hier ungern verallgemeinern. Ich denke aber, dass es ganz normal ist bei großen Organisationen, dass Veränderung etwas länger dauert. Bei uns – mit einem Entscheidungsgremium von 3 Menschen – geht alles natürlich wesentlich schneller und unkompliziert. Bei den Wohlfahrtsverbänden ist es zudem durch die fragmentierte und lokale Struktur komplizierter in der Kommunikation. Das ist wahrscheinlich noch deutlich komplizierter als bei den großen Konzernen. Wir müssen intensiv Relationship-Building betreiben und die Akteure finden, die einen großen Hebel für uns darstellen.

Ich denke, wenn man erstmal 1-2 große Erfolgsgeschichten hat, dann geht es schneller. Dann kommen sie hoffentlich eher auf uns zu als anders herum.

Was bräuchtet ihr, um „näher“ an die Sozialwirtschaft heranzurücken und auch diesen Bereich besser bedienen zu können?  

Ich hoffe – auch wenn es pervers klingt – dass die sogenannte “Flüchtlingskrise” einen wichtigen und positiven Wandel mit sich bringt. Man muss das Momentum aber jetzt ergreifen! Das Engagement im Land ist größer als je zuvor.

Es gibt so viel Kontakt zwischen jungen Menschen (18-35) und den Wohlfahrtsverbänden wie noch nie.

So viele StudentInnen und junge AbsolventInnen arbeiten nun ehrenamtlich beim Malteser, der Caritas, dem Deutschen Rotes Kreuz und allen anderen großen Trägern. Sie sind also quasi direkt da und müssen nur mit der richtigen Botschaft, der richtigen Motivation und dem richtigen Angebot abgeholt werden. Einige Organisationen öffnen sich auch tatsächlich (viele aus der Not heraus) – ich kenne viele AbsolventInnen, die nun plötzlich für ganze Heime hauptamtlich zuständig sind – obwohl sie noch nie soziale Arbeit o.ä. studiert haben. Sie haben aber gezeigt, dass sie schlau und engagiert sind und dass das für den ersten Schritt reichen kann. Im nächsten Schritt müssen sie natürlich richtig ausgebildet werden und es muss sich zeigen, ob auf Dauer die Strukturen sich ihren Ansprüchen anpassen können.

Die Sozialwirtschaft ist sonst nicht so bekannt für die Förderung von flachen Hierarchien, Selbstbestimmung oder Kreativität am Arbeitsplatz – dazu schreibst Du ja viel, Hendrik. Das sind alles Dinge, die von unserer Generation, der Generation Y, aber gefordert werden.

Aber kann diese neue Kultur tatsächlich nachhaltig ausgebaut und eingebettet werden?

Das wäre schön. Da möchten wir ansetzen und unterstützen.

Photos by Carolin Weinkopf

Jetzt haben wir das Problem eines schon jetzt existierenden und zukünftig verstärkt auftretenden Fachkräftemangels insbesondere in der Gesundheit- und Sozialwirtschaft. Aus deiner Perspektive: Welche Möglichkeiten siehst du, um mit vielleicht eher innovativen Konzepten diesem Fachkräftemangel begegnen zu können? 

Es braucht meines Erachtens zwei Schritte: Erstmal muss man die richtigen Menschen erreichen mit einer zielgruppengerechten Kommunikation – und zwar dort, wo sie ohnehin rumtreiben (zum Beispiel auf The Changer! 😉 und nicht auf der eigenen Webseite oder ungeplant über Social Media Kanäle.

Im nächsten Schritt muss man aber offen sein für eine interne Umstrukturierung, die durch diese neuen Impulse – ob gewollt oder nicht – kommen wird und muss.

Ich denke, die drei Begriffe, die ich oben genannte habe, sind die Schlüsselwörter: flache Hierarchien, Selbstbestimmung und Kreativität.

Genauso wie in anderen Branchen – von der Autoindustrie bis hin zu der Management-Beratung strukturieren Konzerne und Mittelständler um, um den Anforderungen der Generation Y gerecht zu werden. Wenn die Sozialwirtschaft glaubt, ohne ein solches Umdenken, „gut wegzukommen“, wird es für das Sozialsystem Deutschlands eine Katastrophe bedeuten.

Auch wenn die Sozialsysteme in USA und UK in vielen Punkten sicherlich nicht als Vorbild zu betrachten sind, schaffen sie eine Sache viel besser: Talente zu gewinnen.

Einige der großen sozialen Organisationen in diesen Ländern sind u.a. die beliebtesten Organisationen im ganzen Land für meine Generation.

Wie können die Organisationen der Sozialwirtschaft von den sogenannten „Social Entrepreneurs“ lernen? 

Der Lernprozess ist sicherlich gegenseitig.

Deswegen um so mehr schade, dass die Kommunikation bisher nicht so fantastisch gewesen ist. Ich denke, es ist wichtig, das Potential des Anderen gegenseitig anzuerkennen und gemeinsam auszuschöpfen. Sicherlich haben “Social Entrepreneurs” den Vorteil, dass sie agiler sind. Sie können schneller und innovativer sein. Weil sie keine großen Bürokratieapparate mit sich herumschleppen. Social Entrepreneurs andererseits haben keine Möglichkeit, ihre Ideen zu skalieren. Gemeinsam könnte man echt viel erreichen. Ich denke, das muss für beide Seiten das größte Learning sein.

Liebe Naomi, noch einmal ganz herzlichen Dank Dir für Deinen spannenden Einblick in Eure Organisation. Ich hoffe, dass sich vielleicht ein paar Soziale Organisationen bei Euch melden werden. Und noch ganz viel Glück auf Eurem weiteren Weg! 

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Toll! Sehr interessantes Interview! Gerade auch was die Kooperation mit den “Big Six” 🙂 und die Schlüsselwörter betrifft. Da habe ich spontan Lust zu einer Kooperation!

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