Qualität? Am Ar****! Oder: Mein Weihnachtswunsch!

Ich hab es ja irgendwie mit diesem Thema, verdiene sogar mein Geld damit:

Qualität.

Ich habe versucht, darüber zu schreiben, was Qualität in der Sozialen Arbeit bedeutet und wo Probleme liegen.

Auch lassen sich Qualitätsmanagementsysteme in Organisationen der Sozialwirtschaft kritisch betrachten. Die Frage nach dem KVP, dem kontinuierlichen Verbesserungsprozess, ist nicht so einfach zu beantworten.

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Ohne Qualität geht es nicht

Gleichzeitig gibt es – und das ist gut so -Diskussionen zu Qualitätsstandards Sozialer Arbeit, runtergebrochen auf die jeweiligen Arbeitsfelder Sozialer Arbeit.

So braucht Soziale Arbeit mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen andere Standards als die Arbeit mit Menschen mit Behinderung, die Arbeit mit obdachlosen Menschen braucht wiederum andere Standards als die Arbeit in der offenen Jugendarbeit und so weiter…

Qualität und die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist wichtig, teilweise aber noch nicht da angekommen, wo sie aus meiner Sicht sein sollte. So erachte ich die Auseinandersetzung mit den eigenen Standards als wesentliche Voraussetzung dafür, definieren zu können, was im jeweiligen Arbeitsfeld als Mindeststandards zu erhalten ist (und nicht den Bedürfnissen sparwütiger Politiker zum Opfer fallen kann).

Qualität geht nur mit Menschen

Qualität in sozialen Dienstleistungsorganisationen hat immer mit Menschen zu tun:

  • Einerseits seht die Frage nach der Qualität für die von Sozialer Arbeit Betroffenen, Klienten und Klientinnen, von mir aus auch Kunden und Kundinnen, im Fokus.
  • Mindestens ebenso wichtig und nicht unabhängig davon zu betrachten ist die Qualität der Professionellen, der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, der Erzieherinnen und Erzieher, der Beschäftigten in der Sozialen Arbeit usw.

Damit geht es (auch) um Qualifikation!

Es macht einen riesigen Unterschied, ob professionelle Soziale Arbeit von Professionellen geleistet wird oder ob „Hausfrauenpsychologie“ und ganz viel Intuition und „das machen wir schon immer so“ zum Einsatz kommt.

Leider ist es so, dass die Professionellen den Unterschied zwischen dem einen – professionellem Handeln – und dem anderen – Intuition – oft selber nicht erkennen. Sie laufen mit einer professionellen Identität und einem Selbstbewusstsein durch die Gegend, die man auch im letzten VHS-Kurs „Empathie für Anfänger“ mitnehmen kann. Meist sind es genau diese Menschen, die sich absurderweise über „schlechte Bedingungen“, „zu wenig Geld“ und überhaupt „die ganze Ökonomisierung“ beschweren. Das ist wieder ein ganz eigenes Thema.

Qualität? Am Ar****!

Sorry für die nicht ganz freundliche Ausdrucksweise, aber wirklich erschreckt haben mich Aussagen eines Kindergartengeschäftsführers:

Es geht nur noch darum, auf “Teufel komm raus“ die gesetzlich vorgeschriebenen Betreuungsquoten sicherzustellen.

Das heißt wiederum, dass Menschen als „Fachkraft“ eingestellt werden, die keinerlei pädagogische Ausbildung vorweisen müssen. Konkret lässt sich das Ganze hier nachlesen.

Fachkräfte in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung sind gemäß dem Kindertagesbetreuungsgesetz:

  1. staatlich anerkannte Erzieher und Erzieherinnen sowie staatlich anerkannte Erzieher und Erzieherinnen der Fachrichtung Jugend- und Heimerziehung;
  2. staatlich anerkannte Kindheitspädagogen und Kindheitspädagoginnen von Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen oder sonstigen Hochschulen;
  3. staatlich anerkannte Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen, staatlich anerkannte Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Diplompädagogen und Diplompädagoginnen, Diplom-Erziehungswissenschaftler und Diplom-Erziehungswissenschaftlerinnen mit sozialpädagogischem Schwerpunkt sowie Bachelor-Absolventen und Bachelor-Absolventinnen dieser Fachrichtungen;
  4. Personen mit der Befähigung für das Lehramt an Grundschulen, Grund- und Hauptschulen sowie Sonderschulen;
  5. Personen mit einem Studienabschluss im pädagogischen, erziehungswissenschaftlichen oder psychologischen Bereich mit mindestens vier Semestern Pädagogik mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliche oder Schwerpunkt Entwicklungspsychologie;
  6. staatlich anerkannte Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen;
  7. staatlich anerkannte Heilpädagogen und Heilpäda goginnen;
  8. Personen mit einem Studienabschluss der Heilpädagogik;
  9. staatlich anerkannte Heilerziehungspfleger und Heilerziehungspflegerinnen sowie
  10. nach einer Qualifizierung in Pädagogik der Kindheit und Entwicklungspsychologie im Umfang von zusammen mindestens 25 Tagen, die auch berufsbegleitend durchgeführt werden kann, oder nach einem einjährigen betreuten Berufspraktikum
    a) Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen, Krankengymnasten und Krankengymnastinnen, Ergotherapeuten und Ergotherapeutinnen, Beschäftigungs- und Arbeitstherapeuten und Beschäftigungs- und Arbeitstherapeutinnen, Logopäden und Logopädinnen,
    b) Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger und Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen, Hebammen, Entbindungspfleger, Haus- und Familienpfleger und Haus- und Familienpflegerinnen sowie Dorfhelfer und Dorfhelferinnen,
    c) Fachlehrer und Fachlehrerinnen für musisch-technische Fächer,
    d) Personen, die die erste Staatsprüfung für das Lehramt an Grundschulen oder Grund- und Hauptschulen oder für das Lehramt an Sonderschulen erfolgreich bestanden haben.

Die Punkte 1 – 9: Alles gut! Da kann man sich wunderbar darauf einlassen.

Dann wird es jedoch ziemlich düster:

Als Fachkraft gilt auch, wer an einer Qualifizierung in Pädagogik der Kindheit und Entwicklungspsychologie im Umfang von zusammen mindestens 25 Tagen, die auch berufsbegleitend durchgeführt werden kann, teilgenommen hat, oder ein einjähriges betreutes Berufspraktikum nachweisen kann!

Warum es jetzt darum geht, auch noch Physiotherapeut oder Dorfhelferin zu sein, bleibt für mich unklar: Warum sind Maschinenschlosser nicht auch Fachkräfte? Oder Rechtsanwaltsfachangestellte? Das erschließt sich mir nicht!

Was sollen wir tun, bei dem Mangel?

Aus Sicht der Kindergartenleitungen ist die Behebung des Mangels mit allen rechtlich möglichen Mitteln völlig nachvollziehbar: Es ist logisch, dass entsprechende Möglichkeiten geschaffen werden, um – für die Eltern – die Betreuung zumindest zu gewährleisten.

Mit Blick auf die Entwicklung einer Profession Sozialer Arbeit, zu der die Erzieherinnen und Kindheitspädagoginnen (und die Männer genauso) einen erheblichen Teil – ob bewusst gewollt oder nicht – beitragen, ist es die Hölle:

Da kommen Eltern, die glauben, dass sie ihre Kinder bei jemandem abgeben, der Ahnung hat von dem was er tut. Da kommen Eltern, die das Wertvollste, was sie haben, jemandem anvertrauen, in den sie – eben – VERTRAUEN haben.

Spätestens nach dem ersten Elterngespräch fällt jedoch auf, dass die geforderte Qualifizierung in Pädagogik der Kindheit und Entwicklungspsychologie im Umfang von zusammen mindestens 25 Tagen soweit gereicht hat, die Hausfrauenpsychologie aufzufrischen. Aspekte wie die Reflexion des eigenen Handelns? Ausbau einer professionellen Identität? Umgang mit schwierigen Situationen? Geschichte und Theorien Sozialer Arbeit? Organisation und Management von Einrichtungen der Erziehung und Bildung? Präsentation und Moderation?

Alles nichts!

Die Eltern verlassen die Einrichtung – verständlicherweise – mit einem komischen Gefühl: Das, was mir die Fachkraft gesagt hat, wusste ich schon lange! Der Elternbrief mit den vielen Rechtschreibfehlern ist irgendwie unprofessionell! Die Präsentation beim Elternabend war ein reines Gestammel! Und jetzt wollen die Erzieher(innen) auch noch mehr Geld? Warum das, bitte sehr? Wenn die noch nicht einmal halbwegs vernünftig ihren Job auf die Reihe bekommen?

Kein Elternteil unterscheidet, ob es sich um eine pädagogisch hoch qualifizierte, ggf. studierte Fachkraft handelt oder um eine Physiotherapeutin mit einer Qualifizierung in Pädagogik der Kindheit und Entwicklungspsychologie im Umfang von 25 Tagen! Das können die Eltern gar nicht, das ist auch nicht deren Aufgabe!

Wenn ich mein Auto in der Werkstatt abgebe, gehe ich davon aus, dass eine Fachkraft den Ölwechsel vornimmt. Ich lasse mir natürlich nicht deren Abschluss, Gesellen- oder Meisterbrief vorlegen! Nie! Macht keinen Sinn, da ich Vertrauen habe, in die Menschen, die sich um mein Auto kümmern!

Blöder Vergleich? Nein, kein blöder Vergleich, vor allem, weil mir mein Auto im Gegensatz zu meinen Kindern SCHEIßEGAL ist! Wir gehen mit unseren Kindern um, als wären es Gegenstände, bei denen es Wurscht ist, wer sich wie um diese kümmert! Das ist doch absurd!

Noch absurder wird es, wenn ich auf meinen Beruf schaue.

Ein großer Teil unserer Tätigkeit in der Akkreditierung von Studiengängen bezieht sich auch auf die Akkreditierung von Studiengängen der „Kindheitspädagogik“!

Da wird – aus völlig nachvollziehbaren Gründen – versucht, den Erzieherberuf zu akademisieren.

Wir diskutieren lange und intensiv, wo der Unterschied zwischen der Ausbildung einer Erzieherin und einem Studium der Kindheitspädagogik besteht. Wir diskutieren lange und intensiv darüber, welche Teile der Ausbildung zum Erzieher auf ein Bachelor-Studium angerechnet werden können, welche „Äquivalenzabgleiche“ notwendig sind, welche Qualitätsstandards in den Fachschulen für Erzieherinnen gelten und wie diese übertragbar sind. Wir diskutieren über Kompetenzniveaus, über Einstufungen in diverse Qualifikationsrahmen und noch über vieles mehr.

Daraus entstehen tolle Konzepte, wegweisende neue Studiengänge, Ausbildungsmöglichkeiten etc. Es gibt bereits jetzt Master-Studiengänge in dem Bereich, die Forschung zu Pädagogik der Kindheit wird vorangetrieben, Promotionen werden ermöglicht.

Das ist – ohne Einschränkung – mehr als richtig und gut!

Im Vergleich zu der Situation in den Einrichtungen direkt wird jedoch deutlich, dass es der berühmte Tropfen auf den heißen Stein ist. Da kommen hochmotivierte Menschen aus tollen Studiengängen in eine Realität, in der es einzig um das „Überleben“ geht.

Ja, darum geht es: Es geht um das Überleben der Einrichtung, um die Einhaltung von gesetzlichen Vorgaben, um das Tieferhängen einer sowieso schon tief hängenden Latte der Qualifikation! Die Menschen mit einem Studium werden meist „Kitaleitung“ – umgehend nach ihrem Abschluss. Hochprofessionelle Arbeit mit den anvertrauten Menschen?

Noch einmal: Am Ars****! Darum geht es nicht, darum kann es auch nicht mehr gehen, wenn es um das Überleben geht.

Und der Rest?

Ich bin davon überzeugt, dass es in anderen Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit nicht viel besser aussieht und zukünftig aussehen wird!

Allein die Herausforderungen der Umverteilung unbegleiteter minderjähriger Ausländer wird soviel Ressourcen der Sozialen Arbeit in den nächsten Jahren abziehen, dass nicht mehr von Qualität oder professionellem Handeln gesprochen werden kann. Es geht um „Ruhighalten“! Mehr nicht!

Zusammenfassend:

Wir leben in einer Gesellschaft, die die Arbeit mit Menschen behandelt wie das Allerletzte!

Und hier setzt mein Weihnachtswunsch an:

Liebe Menschen in den Sozialen Organisationen!

Werdet Euch eurer Professionalität bewusst! Werdet Euch Eurer professionellen Kompetenzen bewusst und tretet dafür ein! Entwickelt ein Bewusstsein dafür, was Euer (Mehr)Wert ist. Entwickelt Definitionsmacht für Eure Arbeit und lasst Euch nicht, wie ein Hund mit zusammengekniffenem Schwanz, von irgendwem, der gerade hier oder dort einen „Bedarf“ sieht, hierhin und dorthin prügeln! Lasst Euch Euer Feuer nicht löschen!“

Frohe Weihnachten!

Noch was zum Anschauen dazu 😉


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