Saudi-Arabien – oder wie ich mit dem Rauchen aufhöre

Saudi Arabien
Das hier wird ein etwas anderer Artikel, das nur als Vorwarnung. Vielleicht politisch, wenn man das so nennen mag.

Warum ich einen Artikel zu Saudi-Arabien schreibe?

Bislang war ich etwa fünf Mal in Saudi-Arabien, beruflich, natürlich. Sonst kommt man ja nicht hin. Ein Land, dem ich zuvor mit maximalem Desinteresse begegnet bin. Es hat mich nicht interessiert, ganz einfach.
Inzwischen aber interessiert es mich. Und das liegt daran, dass ich tolle Menschen kennengelernt habe. Tolle Menschen, Männer, aber vor allem Frauen, die – mit einem Fokus auf den Bereich hochschulischer Bildung – größte Anstrengungen unternehmen, ihr Land zu entwickeln, voranzubringen.

Ich habe Menschen, Frauen und Männer, kennengelernt, die einfach nur toll sind.

Und gleichzeitig lese ich tagtäglich „Horrormeldungen“ in der Zeitung, sehe Gleiches in den Nachrichten, lese viel in den sozialen Netzwerken. Bilder von deutschen Panzern in Riyadh, Bilder des Bloggers Badawi, Bilder von Hinrichtungen. Gleichzeitig Meldungen über die Todesstrafe, über Folter, über Blogger, die mit Peitschenhieben bestraft werden, weil sie ihre Meinung äußern.

Das ist alles richtig.

Und es fällt mir schwer, ein ABER nachzuschieben. Darf ich eigentlich überhaupt noch Positives berichten zu einem Land, das von niemandem (außer vielleicht von Wirtschafts- oder Rüstungslobbyisten) positiv gesehen wird. In dem Menschenrechte massiv missachtet werden?
Vielleicht will ich gar nichts Positives berichten, auch wenn ich das könnte. Ich will vielmehr zum Nachdenken anregen, weil es mir wirklich unter den Nägeln brennt.
Saudi-Arabien ist ein Land, das vor etwa 60 Jahren von Begriffen wie Industrialisierung, Globalisierung, Menschenrechten, Gleichberechtigung etc. noch nie etwas gehört hat. Die Menschen lebten und leben teilweise immer noch als Beduinen mitten in der Wüste, im – aus unserer Sicht – Nichts. Historisch immer wieder von Kriegen heimgesucht, immer ein ständiges Hin und Her zwischen verschiedenen Machthabern, Bevölkerungsgruppen, religiösen und politischen Ansichten.
Und dann haben die Menschen Öl gefunden. Viel Öl. Und irgendjemand war da, der dieses Öl gebraucht hat und bereit war, dafür eine Menge Geld zu bezahlen. Viel Geld. Soviel Geld, dass Saudi-Arabien in der Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt (kaufkraftbereinigt) pro Kopf bereits auf Platz 29 steht. Zwar immer noch recht weit hinter Deutschland (Platz 15), aber wahrscheinlich aufsteigend.

Wer brauchte das Öl? Wahrscheinlich weniger die Beduinen. Wahrscheinlich eher die westlichen Industrienationen, einschließlich wir hier in Deutschland.

Etwas konkreter?

Gerne: Nachdem 1935 in der Ostprovinz Saudi-Arabiens vielversprechende geologische Strukturen entdeckt worden waren, begannen im selben Jahr die ersten Versuchsbohrungen. Jedoch führte erst die Inbetriebnahme von Ölfeld Dammam Nr.7 zum Erfolg, worauf 1938 die kommerzielle Förderung begann. Die USA erhielten zu dessen Ausbeutung dafür später vom saudischen König ein Monopol. 1960 war das Königreich übrigens  ein Gründerstaat der OPEC.

Ach, das ist ja was. Da gibt es in einem Land unvorstellbaren Reichtum und dann vergibt man die Rechte zum Abbau an die USA.

Warum? Weil der eigene Bedarf zu der Zeit wohl noch nicht so ausgeprägt sein konnte.
Und was haben wir mit dem ganzen Öl gemacht? Wir haben damit unseren Wohlstand aufgebaut. Wir haben damit eine Gesellschaft geschaffen, die reich und weitgehend gleichberechtigt ist. Eine Gesellschaft, in der die Menschenrechte natürlich geachtet werden, in der Frauen und Männer gleich behandelt werden, was auch sonst?
Was auch sonst? 
Das ist eine interessante Frage. Sonst hat die Schweiz das Frauenwahlrecht vor etwa 40 Jahren eingeführt. Ja klar, blödes Beispiel, also rechnen wir mal zurück.
Wikipedia sagt zum Frauenwahlrecht: “Als erste „moderne“ Kämpferin für das Frauenwahlrecht gilt Olympe de Gouges. Sie verfasste im Laufe der französischen Revolution unter anderem die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin (veröffentlicht September 1791), wurde im Sommer 1793 verhaftet (also zur Zeit der Terrorherrschaft) und im November 1793 nach kurzem Schauprozess hingerichtet.”
Also vor etwa 220 Jahren hat erstmals eine Frau damit begonnen, für ihr Wahlrecht einzutreten.

Wie wäre es mit Hexenverbrennung, vielleicht als Beispiel für völlig unangemessene Folter?

Die ersten Belege für den deutschen Begriff „Hexe“ finden sich, wie Oliver Landolt zeigen konnte, in den Frevelbüchern der Stadt Schaffhausen aus dem späten 14. Jahrhundert. In Luzern erscheint der Begriff erstmals zwischen 1402 und 1419.
Somit sind wir schon vor 500 Jahren angekommen, wobei Hexenverbrennung a) schon weit vorher stattgefunden haben, da ging es dann aber um Magie und b) auch heute noch stattfinden. Das aber nur am Rande.

Oder die Kirche, spezieller die Kreuzzüge?

Die Kreuzzüge waren religiös motivierte Kriege zwischen 1095/99 und dem 13. Jahrhundert angefangen von Christen im Westen. Im engeren Sinne werden unter den Kreuzzügen nur die in dieser Zeit geführten Orientkreuzzüge verstanden, die sich gegen die muslimischen Staaten im Nahen Osten richteten. Nach dem Ersten Kreuzzugwurde der Begriff „Kreuzzug“ auch auf andere militärische Aktionen ausgeweitet, deren Ziel nicht das Heilige Land war.
Etwas weniger als 1.000 Jahre her. Gleiches gilt in etwa für den Ablasshandel der Kirche.
Na gut, vielleicht alles etwas weit entfernt.

Dann eben die berühmten Menschenrechte.

Wiederum liefert Wikipedia hier eine tolle Übersicht über die historische Entwicklung. Ich habe nur mal einen – den letzten – Teil herausgegriffen:
  • 1948: Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die UN-Generalversammlung am 10. Dezember, maßgeblich motiviert durch die Menschenrechtsverletzungen des Zweiten Weltkriegs. Viele Staaten haben diese Erklärung in ihre Verfassung (z. B. deutsches Grundgesetz) aufgenommen. Seitdem wird der 10. Dezember als internationaler Tag der Menschenrechte begangen.
  • 1950: Verabschiedung der Europäischen Menschenrechtskonvention am 4. November 1950 in Rom
  • 1966: Von den Vereinten Nationen wurden am 19. Dezember 1966 zwei völkerrechtlich verbindliche Menschenrechtskonventionen verabschiedet, der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte („Zivilpakt“) und der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte („Sozialpakt“). Beide Abkommen traten 1976 in Kraft, nachdem sie von einer ausreichenden Zahl von Staaten ratifiziert wurden.
  • 1979: Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau
  • 1993: Einrichtung eines UN-Hochkommissariats für Menschenrechte nach der Wiener Weltmenschenrechtskonferenz
  • 2000: Verabschiedung der Charta der Grundrechte der Europäischen Union am 7. Dezember 2000 in Nizza

1948?

Das ist gerade einmal etwas mehr als 60 Jahre her. Übrigens, um etwas konkreter zu sein: Die Erdölförderung wurde in Saudi-Arabien 1938 aufgenommen, 1944 dann der Ölexport. Wie gesagt, etwas mehr als 60 Jahre, OK, 70 Jahre, richtig gut in Mathe war ich noch nie…

Was ich damit sagen will?

Naja, es ist eben nicht so einfach, wie es manchmal gerne dargestellt wird, wie wir es manchmal gerne hätten.

Menschen in westlichen Ländern, die (ich meine die Länder) sich in der Vergangenheit nicht zwingend mit Ruhm bekleckert haben, nehmen sich heraus, aus der Ferne über ein System zu urteilen, dass sie nur aus eben dieser Ferne kennen. Ein System, dass innerhalb kürzester Zeit eine Entwicklung durchlaufen hat und weiter durchlaufen wird, für die wir hier in Westeuropa Jahrhunderte gebraucht haben.

Und die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die UN-Generalversammlung ist gerade einmal 70 Jahre her.

Jetzt wollte ich eigentlich schreiben, dass ich immer noch rauche und dass ich es verdammt schwer finde, damit aufzuhören und dass eine persönliche Veränderung manchmal echt hart ist und lange dauert. Dann wollte ich noch die Frage stellen, wie lange bitte die Veränderung einer gesamten Gesellschaft dauert.

Das schreibe ich aber jetzt nicht. Passt irgendwie nicht so zu Menschenrechten.

P.S.:  

Das bedeutet überhaupt nicht, dass ich die in Saudi-Arabien stattfindenden Menschenrechtsverletzungen gutheißen würde. Alles andere als das! Aber es bedeutet, dass manche Urteile schnell gesprochen sind, wenn man nur aus einer Perspektive auf ein Problem schaut.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Große Veränderungen brauchen Zeit. Und sie brauchen Bewusstheit.
    Jedenfalls dann, wenn sie tatsächlich eine innere Entwicklung (eines Individuums oder einer Gesellschaft) sein sollen und nicht nur das Überstülpen von neuen Kleidern.

    Auch wenn es mir auf den ersten Blick schwer fällt, bei Saudi-Arabien mit dem von dir geforderten differenzierten Blick hinzusehen: Danke für den Gedankenanstoß!

    Ja, es ist oft eine Hilfe, mal bereit zu sein, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Und eine derartige Besonnenheit hilft gerade zur Zeit bei derartig vielen eskalieren Konflikten, die derartig massiv in Medien vorgeführt werden, etwas die Ruhe zu bewahren.
    Mehr dazu?
    Hier:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/07/02/alle-an-deck-kein-eisberg-in-sicht-kein-eisberg-in-sicht-so-so/

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