Teufelskreis der Sozialwirtschaft: Warum Ehrlichkeit eine echte Alternative ist!

Teufelskreis klingt ja ziemlich übel.

Als Teufelskreis wird ein System bezeichnet, in dem mehrere Faktoren sich gegenseitig verstärken (positive Rückkopplung) und so einen Zustand immer weiter verschlechtern.

Was bitte soll so dramatisch sein, dass es als Teufelskreis bezeichnet werden kann?

Fachkräftemangel: ein echter Teufelskreis!

Ganz klar: Es ist der Fachkräftemangel, der viele Organisationen aktuell schon betrifft und zukünftig verstärkt betreffen wird.

Das ist nicht neu:  „Pseudo-Bewerbungsgespräche“ werden geführt, da es niemanden auszuwählen gibt. Einrichtungen müssen schließen, da es einfach keine Menschen mehr gibt, die entsprechend ausgebildet sind. Vor allem aber sinken die Qualitätsstandards, weil es nicht mehr um Professionalität geht, sondern einzig um Sicherstellung der gesetzlichen Pflichtaufgaben. 

Noch einmal zusammengefasst:

Organisationen der Sozialwirtschaft stehen vor der Herausforderung, einem steigenden Bedarf nach sozialen Dienstleistungen (bspw. in der Pflege oder in der Kinderbetreuung) bei gleichzeitig abnehmendem Fachkräfteangebot adäquat gerecht werden zu können. Die Entwicklungen sind besonders brisant, wenn die regional sehr unterschiedlichen Auswirkungen des demografischen Wandels in Betracht gezogen werden. So zeigt der Fachkräftemangel insbesondere in ländlichen Regionen schon jetzt enorme Auswirkungen bei in diesen Regionen gleichzeitig schneller steigendem Bedarf nach sozialen Dienstleistungen.

Insbesondere unter Bezugnahme auf die gesundheitliche Versorgung ergeben sich hier in Zukunft Probleme. Viele Akteure in ländlichen Regionen stehen vor Problemen der zunehmenden Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung sowie des Fachkräftemangels und der Ausdünnung der öffentlichen Infrastruktur und suchen entsprechend nach neuen Lösungen zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung.

Die demografische Entwicklung führt in Verbindung mit der Landflucht in manchen ländlichen Regionen bereits zu Versorgungsengpässen, die es für Organisationen der Sozialwirtschaft notwendig machen, über innovative Angebotskonzepte nachzudenken und diese umzusetzen.

Extrembeispiele sind bereits heute aufgrund des Fachkräftemangels schließende Organisationen.

Zu wenig und zu schlecht!

Der Fachkräftemangel wird jedoch nicht allein durch die demografischen Entwicklungen hervorgerufen wird. Hinzu kommen Attraktivitätseinbußen der Sozial-, Pflege- bzw. Gesundheitsberufe, die mit den Schlagworten von schlechten organisationalen Rahmenbedingungen, geringem Einkommen und Perspektivlosigkeit hinsichtlich der Aufstiegschancen zusammengefasst werden können.

Als Folgen des Fachkräftemangels lassen sich branchenübergreifend ein Rückgang von Investitionen, eine Arbeitsverdichtung und -automatisierung sowie negative Auswirkungen auf die Innovations- und Wachstumspotenziale herausarbeiten.

Die sinkende Attraktivität der Arbeit in diesen Dienstleistungen (Lohnhöhe, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Belastungsniveau usw.) im Vergleich mit anderen Berufsfeldern führt nicht nur zu Nachwuchsproblemen, sondern auch dazu, dass viele Beschäftigte diese Berufsfelder wieder verlassen.

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Zur Lösung der Schwierigkeiten bedarf es der Einsicht in die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen. Das allein eröffnet schon einmal neue Denkweisen, die es ermöglichen, über neue Lösungsansätze nachzudenken.

Albert Einstein liefert hier den entsprechenden Hinweis: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

So sind die heutigen Probleme sozialwirtschaftlicher Organisationen hinsichtlich der Gewinnung von Fachkräften entstanden durch Herangehensweisen, die auf einem Angebotsmarkt an Fachkräften basieren.

Konkret: Vormals gab es ein enormes Angebot an Fachkräften, die auf der Suche nach einer Arbeitsstelle, auch im Sektor der Gesundheits- und Sozialwirtschaft, waren. Das hat sich radikal gewandelt. Inzwischen sind die Organisationen mehr oder weniger verzweifelt auf der Suche nach Mitarbeitenden. Von „geeigneten Mitarbeitenden“ spricht kaum noch jemand.

Es braucht somit Lösungen, die völlig neu gedacht werden. Es reicht für die Organisationen nicht mehr aus, Stellenanzeigen zu schalten und darauf zu hoffen, dass es schon Mitarbeitende geben wird, die sich darauf bewerben.

Aber was dann?

Wenn die Einsicht in diese Schwierigkeiten erfolgt ist, besteht die Möglichkeit eines „Employer Branding“, also der Möglichkeit, die Organisation als attraktiven Arbeitgeber darzustellen und sich damit von anderen Wettbewerbern (nicht nur aus dem eigenen Sektor, übrigens) im Arbeitsmarkt positiv zu positionieren.

Bei der „Darstellung der Organisation als attraktiver Arbeitgeber“ darf es aber keinesfalls bleiben! 

Wahnsinnig tolle Versprechungen  werden gemacht, die der Realität in den Organisationen aber nicht im Geringsten standhalten. Tolle, flexible Arbeitsbedingungen, tolles Team, Perspektiven, der Mensch im Mittelpunkt blablabla… Und die Realität sieht dann aus wie das genaue Gegenteil von dem, was in der Anzeige stand:

Der Mensch wird zum Mittel. Punkt! Mehr nicht, ohne Rücksicht auf Verluste!

In Zeiten der sozialen Medien ist dies ein enormes Problem: Ungeschminkt werden die Erfahrungen, die mit dem Arbeitgeber gemacht wurden, in den sozialen Netzwerken breitgetreten. Die Fassade ist zusammengebrochen, mehr Schein als Sein und das wird jetzt auch noch breitgetreten.

Ehrlichkeit als neues Prinzip!

Mich wundert ja in Krisensituation, bspw. bei Politikern, das vehemente Abstreiten jeglicher Schuld. Kurze Zeit später wird dann klar: Es war doch, ganz einfach, gelogen.

Für Organisationen folgt daraus:

Warum nicht von Beginn an ehrlich?

Organisationen, und gerade Organisationen der Sozialwirtschaft, müssen ehrlich mit den Menschen umgehen! (das Beispiel VW erwähne ich hier mal lieber erst gar nicht)…

Ehrlichkeit bedeutet hier, die Möglichkeiten und die Grenzen der Organisationen so aufzuzeigen, dass diese für jeden, für Außenstehende, für Politiker, für Spender, für die Gesellschaft ebenso wie für die Mitarbeitenden deutlich werden.

Für Organisationen der Sozialwirtschaft scheint Ehrlichkeit aber noch kein wirkliches Konzept zu sein. Viel eher werden die Leistungen so beschrieben, dass möglichst viele Geldgeber gewonnen werden können. Viel eher wird versucht, mit Mitteln, die in erwerbswirtschaftlichen Organisationen funktionieren, die „Leistungsfähigkeit“ der Organisation nach außen zu verkaufen, auch wenn jedem halbwegs denkenden Menschen klar ist, dass die Komplexität der Arbeit mit Menschen nicht in „Normen, Regelungen, Prozessen“, in einem starren, ressourcenfressenden Qualitätssicherungssystem abzubilden ist.

Ehrlichkeit bedeutet jedoch nicht, sich einzig auf die Grenzen der Arbeit zu fokussieren. Ehrlichkeit bedeutet nicht, permanent herumzulamentieren, dass die Arbeit mit den begrenzten Mitteln nicht zu schaffen ist. Ehrlichkeit bedeutet nicht, jedem auf die Nase zu binden, dass alles schlecht ist.

Ehrlichkeit bedeutet vielmehr, sich seiner eigenen Professionalität und der Professionalität oder dem „Warum“ der Organisation, zu vergewissern.

Warum sonst, bitteschön, sollte jemand für die Leistung bezahlen? Ehrlichkeit bedeutet, die Grenzen aufzuzeigen und innerhalb dieser Grenzen echte Lösungen zu erarbeiten. Und Ehrlichkeit bedeutet, dies nach außen darzustellen.

„Tue Gutes und rede darüber.“

Konkrete Ansätze, Ehrlichkeit als Prinzip der eigenen Organisation zu etablieren, liegen wiederum in den ach so schlimmen Sozialen Medien: Es entwickeln sich – wenn auch in einer noch mehr als überschaubaren Zahl – immer mehr Blogs und Unternehmensseiten, die nicht nur die geschönte „Schauseite“ der Organisation darstellen, sondern wirkliche Einblicke in die Organisation liefern, Geschichten erzählen, die Menschen mitnehmen.

Warum aber sollte man jetzt als Organisation auch noch anfangen, so etwas wie einen Blog zu betreiben?

Vorteile einer ehrlichen Darstellung für die Organisation:

  1. Die Organisation wird dadurch nach außen, bspw. für zukünftige Fachkräfte, aber auch für Politiker und Leistungsträger, transparent und sichtbar.
  2. Außerdem werden organisationsintern Prozesse des organisationalen Lernens ermöglicht, die es ohne diese transparente Kommunikation nicht geben würde. Wenn die Geschäftsführung einen Beitrag veröffentlicht, der mit der Realität in der Organisation so gar nichts zu tun hat, wird dies mit Sicherheit etwas auslösen. Hier bedarf es wiederum der Ehrlichkeit, sich diesen Prozessen zu stellen und daraus die Organisation weiterzuentwickeln.
  3. Und dann ergeben sich auch noch Möglichkeiten der fachlichen Entwicklung bzw. des „Lernens voneinander“, der Vernetzung und des Austauschs: Andere Organisationen können sich gute Ideen abschauen und diese für ihre eigene Arbeit anpassen und weiterentwickeln.

Aber gebe ich da nicht zu viel preis über unsere Organisation? Wer liest das denn alles? Und die Konkurrenz schläft nicht! Wenn die jetzt lesen, was wir so Tolles tun…

Ja, Konkurrenz ist ein Thema in der Sozialen Arbeit, aber ganz ehrlich: Eigentlich sollte es doch um Menschen und die Lösung sozialer Probleme gehen, oder?

Übrigens sind die Kosten für einen Blog oder eine „lebendige Unternehmenswebsite“ echt überschaubar. Verglichen mit dem Mehrwert, der sich dadurch ergeben kann, sind die Kosten sogar vollständig zu vernachlässigen.


Beispiele gesucht?

Schaut doch mal auf dem Blog des Stadtteilzentrums Steglitz vorbei, oder dem Blog der Caritas, der sich mit der Frage der Digitalisierung der Caritas beschäftigt. Ein Blick lohnt sich auch in den Blog „Jugendwohnen Kladow“.

Kennt Ihr noch mehr Blogs von sozialen Einrichtungen?


 

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11 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Obacht geben! Warum es um mehr als die Digitalisierung Sozialer Arbeit gehen muss! – IdeeQuadrat

  2. Pingback: Wohin denn eigentlich? – Eine Vision für innovative Organisationen der Sozialwirtschaft – IdeeQuadrat

  3. Pingback: Corporate Blogs für Organisationen der Sozialwirtschaft, oder: Innovationsfähigkeit einfach steigern! |

  4. Lieben Dank für die Erwähnung meines Blog, lieber Hendrik. Habe ich mich sehr drüber gefreut. Dir weiterhin gutes Gelingen.
    PS: Wenn Du Interesse an einem Relink hast, kannst Du gerne Deine Setup bei mir auf dem Blog vorstellen. Hat TMampel auch schon gemacht 🙂

    • Lieber Lars,

      das habe ich gerne gemacht (ein wirklich toller Blog von Dir, lese ich immer wieder gerne!).

      Ich überlege mal an dem Setup. Aktuell ist jedoch enorm wenig Zeit (zwischen Familie, Arbeit und Master), aber ich würde mich ggf. wieder zum Herbst hin melden 😉

      Dir eine Gute Woche und LG

      Hendrik

  5. Hat dies auf Zeitzuteilen rebloggt und kommentierte:
    Wieder ein treffender Beitrag von Hendrik Epe über Fachkräftesicherung, Unternehmensblogs und ehrliche Unternemenskultur. Sehr anregend!

  6. Hat dies auf mampels welt rebloggt und kommentierte:
    Holla ….. da hat Hendrik Epe mal wieder „ins Schwarze getroffen“: „Für Organisationen der Sozialwirtschaft scheint Ehrlichkeit aber noch kein wirkliches Konzept zu sein. Viel eher werden die Leistungen so beschrieben, dass möglichst viele Geldgeber gewonnen werden können. Viel eher wird versucht, mit Mitteln, die in erwerbswirtschaftlichen Organisationen funktionieren, die „Leistungsfähigkeit“ der Organisation nach außen zu verkaufen, auch wenn jedem halbwegs denkenden Menschen klar ist, dass die Komplexität der Arbeit mit Menschen nicht in „Normen, Regelungen, Prozessen“, in einem starren, ressourcenfressenden Qualitätssicherungssystem abzubilden ist.“

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