Warum Transparenz für Organisationen der Sozialwirtschaft so wichtig ist!

Wie steht es um die Transparenz in Ihrer Einrichtung? Wie steht es um die Transparenz der Maßnahmen Ihrer Einrichtung in Bezug auf die Öffentlichkeit? Ist das, was Sie und Ihre Mitarbeitenden tagtäglich tun für Sie selbst und Ihre Mitarbeitenden transparent? Oder gar die Klientel? Und warum muss es überhaupt transparent sein?

Der Beitrag gibt Antworten auf die Frage, warum Transparenz ein wichtiges Thema vor allem für Organisationen der Sozialwirtschaft ist und legt dar, wer bei dem Thema Transparenz in Organisationen der Sozialwirtschaft involviert ist.

Hintergrund für den Artikel ist die Beschäftigung mit der Freiburger Quartierarbeit, der es – so mein Eindruck – anscheinend nicht hinreichend gelungen ist, Transparenz über die geleistete Arbeit für alle Beteiligten herzustellen. Genauer nachlesen lassen sich die Probleme hier.

Warum ist Transparenz ein wichtiges Thema für Organisationen der Sozialwirtschaft?

Organisationen der Sozialwirtschaft stehen in der Öffentlichkeit. Ursache davon ist vornehmlich, dass sich diese Organisationen extern finanzieren. Oder anders:

Externe Finanzierung

Die Kostenträger erwarten den verantwortungsvollen Umgang mit den zur Verfügung gestellten Mitteln. Das ist insofern ein Unterschied zu erwerbswirtschaftlichen Organisationen, als dass bspw. ein Unternehmer, wenn er denn will, mit dem Geld machen kann, was er will. Ob das gut geht oder nicht, muss der Unternehmer verantworten. Wenn die Firma pleitegeht, ist das ärgerlich, es mögen Arbeitsplätze verloren gehen, es ist ggf. moralisch verwerflich. Aber die Verantwortung dafür trägt der Unternehmer oder das Unternehmen.

Öffentliches Interesse

Organisationen der Sozialwirtschaft agieren außerdem in Teilbereichen unserer Gesellschaft, die von öffentlichem Interesse sind. So ist es spannend, zu erfahren, wie die Organisationen aktuell bspw. die Integration der Flüchtlinge bewerkstelligen. Es ist interessant zu erfahren, wie die Gelder eingesetzt werden, um damit Straftaten von Jugendlichen zu verhindern. Und wenn es bspw. im Jugendamt zu schrecklichen Vorfällen kommt, Vernachlässigungen oder gar dem Tod von Kindern, dann ist der öffentliche Aufschrei – verständlicherweise – riesig.

Rechtfertigungsdruck

Für die Organisationen der Sozialwirtschaft stellt sich damit die Aufgabe, das, was sie tun, zu rechtfertigen. Nachzuweisen, wohin die Gelder fließen. Die Wirkung ihrer Aktionen, Projekte und Maßnahmen darzulegen. Das ist legitim.

Ich als Steuerzahler will natürlich wissen, was mit meinen Geldern passiert.

Jetzt ist es aber so, dass die Wirkung Sozialer Arbeit nicht so einfach nachzuweisen ist. Es ist nicht so, dass allein die Quantität geführter Beratungsgespräche die Vergabe von weiteren Geldern rechtfertigt.

Gleichzeitig ist es jedoch so, dass die Wirkungen des einzelnen Beratungsgesprächs ebenfalls nicht kausal auf die weiteren Schritte im Leben eines Klienten zurückgeführt werden können. Oder die Frage, welche Wirkung denn jetzt der Schachabend im Stadtteilzentrum auf die Entwicklung des Stadtteils hat, ist kaum zu beantworten. Auch hier kann man wiederum quantitativ die Menge der Teilnehmer bestimmen und als Maßstab anlegen. Wenn jeden Abend mindestens zehn Menschen kommen, dann ist es ein Erfolg? Keine Ahnung! Kann sein, muss aber nicht!

Deutlich wird:

Nicht nur die Einrichtungen selber müssen wissen, was sie tun. Es sind darüber hinaus unterschiedlichste Stakeholder, Anspruchs- oder Interessengruppen daran interessiert, was passiert.

Wer ist beim Thema Transparenz aber genau involviert?

Zunächst ist es natürlich aus wirtschaftlicher Sicht bedeutsam, dass die Organisationen der Sozialwirtschaft wissen, für was sie ihr Geld einsetzen! Wie viel Geld haben wir zur Verfügung? Wie viele Mitarbeitende haben wir? Wie viele Autos stehen im Fuhrpark, wie viele davon brauchen neue Winterreifen? Und noch viele Fragen mehr, die sich wunderbar über Controlling-Maßnahmen klären, berechnen und steuern lassen. Spannender und deutlich bedeutsamer als die quantitativ messbaren Aspekten sind jedoch die Interessengruppen der Organisation, oder neudeutsch, die:

Stakeholder

Als Interessengruppen der Organisation lassen sich interne und externe Stakeholder fassen, angefangen von den Mitarbeitenden über den ggf. ehrenamtlichen Vorstand bis hin zu Interessengruppen, die nicht direkt in die Institution involviert sind (bspw. Förderer, Kooperationspartner, Beiräte). Hinzu kommen dann die Kostenträger, die wissen wollen, für was das zur Verfügung gestellte Geld verwendet wird und ganz allgemein, die Gesellschaft, wer auch immer das so genau ist.

Fangen wir mal hinten an:

Externe Interessengruppen

Kostenträger

Kostenträger können neben den Städten, Gemeinden, Projektgeldern auch Spender oder Sponsoren, auch – ganz gewagt – im Crowdfunding die Menschen sein, die Geld zur Verfügung stellen.

Die Kostenträger erwarten in Organisationen der Sozialwirtschaft keine möglichst hohen Gewinne, die erwirtschaftet und dann ausgeschüttet werden. Nein, es geht um die Wirkung, die mit den zur Verfügung gestellten Geldern für die Klienten und möglichst auch für die Gesellschaft erzielt wird. Eine Messung ist – wie bereits angesprochen – definitiv schwieriger, aber nicht unmöglich. Das ist aber ein anderes und grundsätzlich eigenes Thema: Wirkungsmessung. So verfolgen Organisationen der Sozialwirtschaft im Gegensatz zu Organisationen der Erwerbswirtschaft kein strategisch ökonomisches, sondern ein normativ-kritisches Anspruchsgruppenkonzept, was die Wirkungsmessung so schwierig macht, selbst wenn quantitative Daten vorhanden sind. Was unter dem Anspruchsgruppenkonzept zu verstehen ist, lässt sich bspw. bei Lambers nachlesen.

Öffentlichkeit

Wie oben schon kurz angerissen kommt weitergehend die interessierte Öffentlichkeit oder „die Gesellschaft“ als – ziemlich große und diffuse – Interessengruppe hinzu. Diese ließe sich weiter in unterschiedliche Funktionssysteme unterteilen. So ist bspw. das Schulsystem an den Wirkungen sozialer Organisationen direkt interessiert, da Schulen mit diesen zusammenarbeiten. Gleiches gilt bspw. für das Gesundheitssystem oder konkret Psychiatrien, Krankenhäuser, Physiotherapiepraxen. Aber auch der einfache Bürger, Max Mustermann, interessiert sich dafür, was mit seinen Steuergeldern passiert.

Konkurrenz

Transparenz und Konkurrenz ist ein Problem: Aus organisationaler Perspektive ist Transparenz vornehmlich negativ angesehen:

Wenn wir jetzt auf einmal damit beginnen, nach außen (wo ist das eigentlich?) darzustellen, was wir tun, sehen es a) unsere Konkurrenten und kopieren uns und werden dann besser als wir, klauen uns die Klienten und wir sind weg vom Fenster. Hinzu kommt, dass b) auch noch die Kostenträger (s.o.) viel besser Bescheid wissen könnten, was wir so alles mit dem Geld anstellen. Sie könnten dann irgendwie unzufrieden sein und uns Gelder streichen. Also machen wir mal lieber alles nicht so transparent.

Warum Konkurrenz insbesondere in Organisationen der Sozialwirtschaft aber keinen Sinn macht, habe ich schon einmal hier beschrieben!

Nur kurz: Wenn Sie wissen, warum Ihre Organisation existiert, macht der Konkurrenzgedanke keinen Sinn mehr. Und Organisationen der Sozialwirtschaft existieren vornehmlich zur Lösung oder Bearbeitung sozialer Probleme. Es macht viel mehr Sinn, die Kräfte zu bündeln und zusammen an den Problemen zu arbeiten, anstatt sich gegenseitig durch Intransparenz zu blockieren. Netzwerke sozialer Organisationen hätten wiederum auch mehr Macht gegenüber zunehmenden Kosteneinsparungen durch die Kostenträger.

Weitere externe Interessengruppen

Als weitere externe Interessengruppen lassen sich alle Beziehungen zu Menschen, Organisationen oder wem auch immer heranziehen, die keinen unmittelbaren, direkten Einfluss auf die Arbeit der Organisation haben. Zu nennen sind bspw. politische Gruppierungen (Parteien) oder auch externe Fachberatungen nennen. Auch diese Interessengruppen haben ein mehr oder weniger nachvollziehbares – eben – Interesse daran, zu erfahren, was in Ihrer Organisation passiert.

Interne Interessengruppen

Mitarbeiter

Die wichtigsten internen Interessengruppen sind aus meiner Perspektive zumindest, die Mitarbeiter. Der Absatz hier ist aufgrund dieser Bedeutung auch etwas länger als die obigen…

Transparenz wird aus der Perspektive der Mitarbeiter leider oftmals als Kontrolle empfunden: Irgendjemand will wissen, was ich wann wie lange mache! Da will mir jemand in die Karten schauen! Und da sich Soziale Arbeit so verdammt schlecht erklären lässt, dass ich noch nicht einmal selbst weiß, warum ich was mache, soll bloß niemand von außen kommen und reinschauen! Neben dem, dass diese Denk- und Handlungsweise einen tiefen Einblick in die Vertrauenskultur der Organisation bietet, hat sie in meinen Augen leider auch massiv mit dazu beigetragen, dass soziale Berufe gesellschaftlich so begrenzt gut angesehen sind bzw. zumindest in einigen Bereichen so schlecht bezahlt sind:

Wenn es nicht gelingt, auch Fachfremden in möglichst einfachen Worten zu erklären, was getan wird, wird es schwierig, dafür mehr Geld zu verlangen.

Transparenz aus Perspektive der Mitarbeitenden gegenüber der Öffentlichkeit kann aus meiner Sicht dazu führen, dass die Mitarbeitenden endlich sprachfähig werden. Es wird – wenn man denn ein wenig übt – endlich möglich, seine eigene Arbeit zu beschreiben, darüber zu erzählen und damit auch klar zu machen, wo der Mehrwert sozialer Arbeit liegen kann. Damit wäre dann auch die Gesellschaft bereit, professioneller Sozialer Arbeit mehr Anerkennung zu zollen, was sich wiederum in einer höheren Entlohnung äußern kann.

Transparenz gegenüber den Mitarbeitenden aus Perspektive des Managements ist aber ebenfalls nicht besonders hoch angesehen:

Wenn wir jetzt auch noch die Mitarbeiter mit allen Informationen versorgen, werden die vielleicht nervös! Die kommen doch gar nicht damit klar, sie wissen viel zu wenig über die komplizierten Zusammenhänge, die hinter den Zahlen stehen. Wir können doch nicht die Mitarbeiter, am Besten noch angefangen bei der berühmten Putzfrau, über alle unsere Interna informieren. Das geht nun wirklich zu weit!

Echt jetzt? Ist das wirklich so? Oder machen sich die Menschen in den Organisationen nicht sowieso Gedanken zu dem, was vor sich geht?

Ehrlich gesagt ist es doch völlig normal, sich über seinen Bereich, in dem man tätig ist, Gedanken zu machen. Angehörige pädagogischer Professionen sind hier noch dazu ganz besonders hellhörig und aufmerksam, da sie schon aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer täglichen Arbeit ein offenes Ohr für Gefühle, Empfindsamkeiten und Ungerechtigkeiten – auch innerhalb der eigenen Organisation – haben (sollten).

Hinzu kommt, wie in jedem Unternehmen, dass es doch die Mitarbeitenden sind, die wissen, wie alltägliche Prozesse zu verbessern sind. Und diese spüren auch ganz schnell und deutlich, wie es um die Organisation steht, oder: Sie vermuten es zumindest. Wäre es hier nicht sehr viel sinnvoller, die Mitarbeitenden einzubinden, ihnen die notwendigen Informationen bereitzustellen, deren Wissen und und Fähigkeiten für neue Ideen und Innovation zu nutzen, ihnen Freiheit zu gewähren und die hierarchische Denkweise aufzugeben!

 

Und die Klienten?

Spannend ist auch noch die Perspektive der Klientel! Macht es Sinn, die Klienten umfassend zu informieren? In meinen Augen macht es nicht nur Sinn, sondern es ist – im Sinne des Empowerments – geradezu geboten!

Dazu schreibt Mechthild Seithe auf ihrem Blog:

„Transparenz ist für mich ein Arbeitsprinzip, dass meiner Meinung nach keine Grenzen haben sollte- natürlich auf die Arbeitsinhalte bezogen. Ich denke nicht, dass ich das Recht habe Informationen für meine Klienten zu zensieren.“

Management

Bleibt eigentlich nur noch das Management. Macht Transparenz aus Perspektive des Managements Sinn? Ich glaube, dass ich dazu nicht mehr schreiben muss, oder?

 

 

Fazit

Ganz kurz:

Transparenz ist wesentlich für Organisationen der Sozialwirtschaft!

Dabei sind die unterschiedlichen Interessengruppen der Organisation einzubeziehen: Die Mitarbeiter, die Klientel, die Öffentlichkeit, die Kostenträger, die Politik usw.

Allein diese kurze Aufzählung macht jedoch die Schwierigkeit von Transparenz in sozialen Organisationen deutlich:

Wer will was wie wissen? Und warum überhaupt?

Damit ist es wichtig, zu betonen, dass Transparenz nicht bedeutet, irgendwas irgendwie in die Welt zu pusten. Das wäre einfach, führt aber maximal zu Chaos und – wiederum – Unverständnis. Und genau das soll ja verhindert werden. Hintergrund ist hier die enorme Komplexität Sozialer Arbeit, die es so schwer macht, Transparenz für alle Interessengruppen gleichermaßen herzustellen.

Falls Sie übrigens darüber nachdenken, aus guten Gründen mehr Selbstorganisation und Mitbestimmung in Ihrer Organisation einzuführen (oder besser: zu leben), dann ist Transparenz sowieso unabdingbar: Nur dann, wenn die Mitarbeitenden wissen, wo der Hase lang läuft, können sie auch entsprechend selbstorganisiert agieren. Ansonsten wird Selbstorganisation zur Farce.

Und wie jetzt?

Offen bleibt aber noch, welche Wege für mehr Transparenz in Organisationen gegangen werden können.

Dazu finden Sie hier den Beitrag, welche Wege zu mehr Transparenz gegangen werden können!

P.S.: Hier noch der Hinweis zu einem spannenden Projekt, dass sich die Transparenz in sozialen Organisationen explizit auf die Fahne geschrieben hat: http://soziago.de/

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  2. Pingback: Ein Weg zu mehr Transparenz in Organisationen der Sozialwirtschaft – IdeeQuadrat

  3. Toller Artikel…. mein erster Impuls: Warum werden an Organisationen der Sozialwirtschaft so viel strengere (moralische) Maßstäbe angelegt, als bei anderen Unternehmen? Strassenbauunternehmen z.B. haben bezgl. ihrer Finanzierung eine ähnliche „Staatsquote“ wie Sozialunternehmen – aber kein Mensch interessiert sich dafür, wie die die Kohle verwenden…. warum wird hier mit so unterschiedlichen Maß gemessen?

    • Danke Dir!

      Kleiner Versuch der Beantwortung Deiner Frage:

      In meinen Augen liegt es am Anspruchsgruppenkonzept sozialer Organisationen:

      Helmut Lambers (2015) schreibt dazu: „Das strategisch-ökonomische Anspruchsgruppenkonzept folgt der Funktionslogik ökonomischer Rationalität. Die Normativität des Entscheidens wird durch die Logik des Marktes bestimmt. Das normativ-kritische Anspruchsgruppenkonzept folgt der Funktionslogik ethischer Vernunft. In diesem Konzept versucht sich die Normativität des Entscheidens der Logik kritischer Vernunft und Menschensorge zu unterstellen (…). Erwerbswirtschaftliche Unternehmen verfolgen dagegen in der Regel ein strategisch-ökonomisches Anspruchsgruppenkonzept. Ethik hat hier keinen Platz, es sei denn, es gibt einen Markt dafür.“ Heißt konkret: Wenn ich einen normativ hinterlegten Grundanspruch habe („Es ist moralisch gut, was ich tue“), werden auch deutlich strengere moralische Ansprüche an die Organisation angelegt. Spannend ist die Frage aber, wie „Sozialunternehmen“ oder Social Entrepreneurs hier zu bewerten sind. Diese versuchen mit Marktlogiken eine soziale und damit normativ aufgeladene Dienstleistung zu erbringen. Wie wird das dann bewertet?

      Hm…

      Dir einen guten Abend

      Hendrik

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