Über die Kunst von Paula und Max, oder: Braucht es den Mensch 4.0 in der Arbeit 4.0?

Immer, wenn ich zum Thema der Weiterentwicklung der Arbeit lese, höre oder sehe, bleibt es letztlich an der Frage hängen, wie die Menschen in einer sich radikal verändernden Welt agieren.

Da nehmen Computer die Arbeitsplätze weg. Maschinen kommunizieren untereinander. Digitalisierung trifft alles und jeden, mal härter, mal weniger hart. Flexibilität ist gefordert, logisch.

Gleichzeitig geht es immer darum, mehr Sinn in die Arbeitswelt einfließen zu lassen, mehr Möglichkeiten der Selbstorganisation, Mitbestimmung, Demokratie und Ganzheitlichkeit.

Wie wollen wir den Weg in die Zukunft gestalten?

Ich bin überzeugt davon, dass die Frage danach, ob der Weg in die Zukunft richtig oder falsch ist, nicht beantwortet werden kann. Beantwortet werden kann die Frage, wie wir den Weg gestalten.

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Deutlich wird bei dem Weg aber, dass er immer mit Menschen zu tun hat. Logisch, mit wem auch sonst?  Damit einher geht die Frage, welche Kompetenzen denn die Menschen brauchen, um in einer unsicheren Zukunft je individuell erfolgreich agieren zu können. Es gibt unterschiedlichste Artikel, die unterschiedlichste Kompetenzen beschreiben, um in einer VUCA-Welt zurecht zu kommen. Ich selbst habe einen Artikel dazu verfasst, den ihr hier nachlesen könnt. 

Braucht es Abstufungen?

Immer wieder aber lese, höre oder sehe ich Beiträge dazu, dass es Abstufungen braucht in der Neugestaltung der Arbeitswelt. Abstufungen, damit auch die weniger motivierten Menschen noch mitkommen. Abstufungen, damit einerseits die Hochmotivierten, Leistungsorientierten, Flexiblen und gleichzeitig die „traditionellen“ Mitarbeiter eine Chance bekommen. Gerade habe ich dazu einen Podcast gehört, ein Interview mit  einer innovativen Firma, die irgendwas mit nachhaltiger Energie macht. Klingt gut, macht Sinn.

Die Motivierten kommen mit neuen Freiheiten gut klar. Die Motivierten lieben die neue Selbstbestimmung. Die Motivierten gehen den Weg in die Zukunft mit. Die Motivierten können sich aussuchen, wann, wie und von wo sie arbeiten, solange das Ergebnis stimmt.

Kreativität bedeutet, den Kaffee auch mal ohne Zucker zu trinken

Aber es gibt eben auch diejenigen, die nicht so richtig performen, oder? Jeder kennt doch den Schnarcher vom Büro nebenan? Denjenigen, der immer mal wieder einen Tritt in den Allerwertesten braucht, damit er wieder funktioniert? Denjenigen, der nur unter klaren Vorgaben so funktioniert wie gefordert? Jeder kennt den berechtigt klischeebehafteten Blick in die Amtsstuben dieses Landes, in denen Menschen arbeiten, die mit voller Begeisterung abheften und für die Kreativität bedeutet, den Kaffee auch mal ohne Zucker zu trinken?

Genau!

Und für diese Menschen braucht es Möglichkeiten, in einer sich radikal verändernden Welt ihren alten Stiefel fahren zu können. Also braucht es einerseits neue Wege für die Motivierten und andererseits braucht es Möglichkeiten, auch die nicht so Motivierten mitzunehmen! Richtig!

Richtig?

Was ein Blödsinn

In meinen Augen ist das totaler Quatsch! Wer einmal Kinder beobachtet hat, die vertieft und mit voller Begeisterung mit zwei Stöcken bewaffnet einen kompletten Nachmittag verbracht haben, der sieht, dass Menschen nicht „so oder so“ sind. Natürlich, jeder hat Stärken und Schwächen in anderen Bereichen. Das eine Kind klettert auf die höchsten Bäume, kotzt aber, wenn es nur eine Schere sieht. Das andere Kind malt mit vollem Elan tagelang Häuser, das andere Kind kann mit drei Jahren Automarken am Motorgeräusch unterscheiden.

Für jeden, der mehr als ein Kind hat (oder zumindest für längere Zeit beobachtet hat) wird deutlich, dass jedes Kind und damit – wir sind doch irgendwie alle noch Kinder – jeder Mensch von sich aus begeistert ist oder zumindest war – im wahrsten Sinne des Wortes: Jeder Mensch verfügt über einen Geist, der ihn antreibt, einen Geist, der ihm sagt, was gut ist, was Spaß bringt und einen Mehrwert in der je aktuellen Situation. Jeder Mensch ist von sich bzw. von seinem Geist aus motiviert.

Und dann gehen wir in Kindergärten, in denen Schere schneiden für alle Kinder angesagt ist. Ob es begeistert oder nicht, egal! Es werden im Winter Schneemänner gemalt, im Frühling Osterhasen. Die hängen dann im Flur aus, mit Namen darunter. Und ganz ehrlich: die Osterhasen von Paula und Max sehen immer Scheiße aus! Paula und Max können nicht so gut malen. Dafür sollen sie ja üben, verdammt noch mal. Damit das endlich mal klappt.

Paula und Max wissen doch schon längst Bescheid!

Aber: wissen Paula und Max es nicht selber, dass sie nicht so gut malen können wie Julia?

Nach dem Kindergarten gehen sie in die Schule! Und da geht der Spaß erst richtig los: Die Bilder von Paula und Max werden jetzt zumindest objektiv bewertet! Noten, von 1 bis 6, für ihre Osterhasen. Naja, eher von 4 bis 5, sie können eben immer noch nicht so gut malen wie Julia, die immer eine 1 bis 2 hat. Das Ganze nennt sich „Kunst“ und führt dazu, dass Paula und Max Kunst scheiße finden. Und zwar nachhaltig. Auch wenn das simultane Produzieren von Osterhasen nichts mit Kunst zu hat. Gleiches gilt für Deutsch, Englisch, Mathe. Ja klar, Mathe, kann man wenigstens objektiv bewerten! Nein, kann man nicht.

Aber darum geht es nicht.

Es geht darum, dass die Kinder lernen, ihre Begeisterung für Motorengeräusche als „nicht wertvoll“ bewerten. Es geht darum, dass die Kinder beginnen, sich zu vergleichen. Julia ist eben immer noch besser in Mathe. Es geht darum, dass die Kinder beginnen, die Anforderungen von außen als wirklich wichtig zu begreifen. Der Lehrer sagt was, dann muss das ja wichtig sein.  Nach der Schule kommt dann Ausbildung, von mir aus auch Studium. Der Lehrer wird ersetzt durch den Chef. Er sagt etwas, und dann muss man zumindest so tun, als wäre das wirklich wichtig. Ob es das nun für eine VUCA-Welt wirklich ist, interessiert nicht. Es ist eben der Chef.

Schubladendenken abschaffen!

Mich nervt es immer wieder, dass Menschen in den Köpfen anderer Menschen eingeteilt werden in motiviert und weniger motiviert, in kreativ und weniger kreativ, in begeistert und weniger begeistert. Ich erwische mich selbst immer wieder dabei. Ich würde mich sogar als großen Schubladendenker bezeichnen. Und das nervt mich selber. Ich versuche, mich mit meinem Menschenbild auseinanderzusetzen. Denn ich glaube: Nur darum geht es:

Es geht um das Bild des Menschen, das wir in unsere Köpfe gebrannt bekommen haben, von Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, Chefs und noch vielen anderen Menschen (das Bild vom Onkel Doktor wackelt zwar, ist aber immer noch mehr als verfestigt).

Es geht darum, dieses Bild so zu verändern, dass wir wieder den Menschen sehen können, dem es in die Wiege gelegt ist, in komplexen Umwelten zu kooperieren, Lösungen zu suchen und zu finden und Neues zu gestalten. Der Mensch als Mensch, von sich aus motiviert und innovativ, in seiner je aktuellen Umgebung so agierend, wie es für ihn sinnhaft ist.

Wenn uns das gelingt, braucht es keinen Menschen 4.0 für Arbeit 4.0. Es braucht „nur” ein neues Menschenbild.

Oder welches Bild habt Ihr im Kopf?

Und was das ganze mit der Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft zu tun hat, müsste man sich denken können, oder?


Falls Ihr mehr über meine Gedanken zur Entwicklung der Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft erfahren wollt, sprecht mich an, schreibt eine Mail oder tragt doch einfach Eure E-Mailadresse oben ein. Ihr bekommt dann jeden neuen Artikel umgehend in Euer Postfach.

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10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  3. Hallo Hendrik,
    gratuliere zu deinem Artikel. Wir erproben das , was du beschreibst, in unserem Kolloquium im Zentrum für Kunsttransfer TU Dortmund. Wir begreifen uns als Team von Studierenden, hören 60 Minuten zu. Es geht um künstlerische Prozesse und die Vorstellung der eigenen Arbeit. Wir konzentrieren uns im Vortrag zwischen den Zeilen zu lesen, Nebenbemerkungen zu erfassen, hellwach wahrzunehmen, visuell mitzuschreiben, um die persönlichen Stärken aufzuspüren. Oft sind sie versteckt unter Handwerk und Klischees. Wenn es uns gelingt mitunter unter den Bergen von Material dem Kern nahe zu kommen, spüren wir es sofort: beim Vortragenden kommt Begeisterung auf, wie du es schilderst, wenn unsere Wahrnehmungen die persönliche Stärke aufspüren.
    Super natürlich die persönlichen Stärken so früh wie möglich kennen zu lernen. Wir kümmern uns um nonlineares Denken! Sollte wesentlich früher beginnen, ganz deiner Meinung!

    • Vielen Dank für die Blumen 😉

      Wow, Euer Projekt klingt wirklich spannend… Ja, es geht irgendwie um Potentialentfaltung, ob auf personaler oder auf organisationaler Ebene…

      Danke für Deinen Post und Dir ein gutes Wochenende, das Wetter passt ja noch in Dortmund (in Olpe ist es jedenfalls ganz prima…)

      Ach ja, und Fußball ist auch noch…

      Hendrik

  4. Sehr schöner Artikel! Während meiner Ausbildung zur Theaterpädagogin behandelten wir an einem Abend Persönlichkeitstypen und ich hatte das Gefühl, ich hätte den heiligen Gral gefunden.:D
    Mit diesem Wissen ausgerüstet dachte ich, dass es doch ein leichtes sein müsste, auf jeden individuell einzugehen, jeden kreativ werden zu lassen in seinem Fachgebiet, aber so einfach war es gar nicht. Denn das eigene Menschenbild stand im Weg. Und ich bin da ganz auf deiner Seite, da müssen wir alle dran arbeiten. Stück für Stück und kontinuierlich.

    • Moin Sarah,

      ja, ich denke auch, nur Stück für Stück kann es in die richtige Richtung weitergehen! Dir viel Spaß bei Deinem Weg…

      Und natürlich einen guten Tag!

      Hendrik

  5. Veränderungen im Arbeitsleben und Motivation – passt das zusammen, Realität oder etwas was wir in unseren rigiden Arbeitswelten von heute (und gestern) nicht schon längst verloren haben?

    Hat nicht jeder (na fast jeder) von uns mal mit dem Arbeiten gegen Bezahlung aus zwei grundsätzlichen Gründen begonnen:

    1. Geld verdienen, um die wesentlichen Dinge im Leben bezahlen zu können
    2. das zu machen, wofür man schon immer leidenschaftlich “brannte”

    Bei mir traf beides zu und ich muss sagen, dass ich seit dem Start ins Arbeitsleben stets dort war, wo ich meine Person, Erfahrungen und Kenntnisse aktiv einbringen konnte.

    Doch was passiert, wenn sich der Kontext, der Chef und Organisationsstruktur ändert? Wird man noch so arbeiten dürfen wie zuvor? Mit den gleichen Freiheiten und transparenten Zielsetzungen?

    Wenn es, so nun durch Digitalisierung (zuvor möglicherweise durch Automatisierung und erfolgreich umgesetzte Prozessoptimierung, die zu Stellenfreisetzung führten) zu veränderten Kontexten, Unternehmensherausforderungen und Zukunftsstrategien kommt, wie wird das Bedürfnis der MitarbeiterInnen nach aktiver Teilhabe ohne Angst um Arbeitsplatz adäquat entgegengekommen sowohl von den KollegInnen als auch den Führungskräften.

    Agieren nicht zu viele dann erst recht in engem Kästchendenken und dem St.-Florians-Prinzip (Hauptsache es passiert mir nichts Negatives) und nicht mehr so neugierig, offen den sich auftuenden Veränderungen gegenüber wie dies Paula, Max und auch wir selbst noch alle konnten? Auch wenn es schon Jahrzehnte her sein mag, wir sollten uns stets darin erinnern, was die Stärken von Kindern sind wenn ihre Leidenschaft (z.B. Radfahren zu lernen, Computer zu bedienen, oder zu kochen und Erdbeeren anzubauen) entfacht ist.

    Wie lässt sich Leidenschaft im Arbeitsleben entfachen? Welchen aktiven Teil kann jeder persönlich beitragen und wie müssen Führungskräfte mit dieser sich scheinbar unvereinbaren “Unkontrollierbarkeit” der Entwicklungen umgehen?

    Dass es geht zeigen Beispiele wie Westaflex, Zappos und andere Unternehmen in Nah und Fern – warum also nicht auch um die Ecke in Ihrer Stadt oder Ihrem Dorf?

    • Lieber Ralf,

      ganz herzlichen Dank Dir für Deinen tollen und ausführlichen Kommentar! Das freut mich! Und ja, es kann anders gehen, aber der Weg ist ein weiter, da die meisten Konzepte, Tools und Maßnahmen von allen möglichen Beratern meist an dem eigentlichen – eben der Entwicklung des Menschenbildes – vorbeigehen…

      Dir einen guten Tag (und Wochenende ist ja auch bald 😉

      Hendrik

  6. Toller Artikel.
    Es gibt tatsächlich viele Menschen, die mit den aktuellen Veränderungen in der Arbeitswelt schwer zurechtkommen und irgendwie mitgenommen werden müssen. Aber “Sonderwege” für “traditionelle” Arbeitnehmer sind tatsächlich ganz großer Quatsch.
    Nach meiner Erfahrung wurden die meisten Schnarchnasen nicht als solche geboren. Den meisten wurde die Begeisterungsfähigkeit und Eigeninitiative doch systematisch abgewöhnt. Das ging, wie im Artikel beschrieben, in der Schule los und setzte sich im Arbeitsleben fort: Motivation war eine Floskel in Vorstandsreden, Kreativität wurde nie wirklich gefordert und honoriert, Eigeninitaitve wurde von der bisherigen Unternehmenskultur im Keim erstickt … Und nun wundert man sich, dass die Leute nicht aus dem Stand wieder auf “begeistert” umschalten können.
    Die Unternehmen sollten keinen Schnarchnasenweg erfinden sondern sich überlegen, wie sie die abtrainierte Motivation ohne größere Kulturschocks wieder reanimieren.

    • Yes! Ohne weitere Worte! Genauso! Auch wenn der Weg dahin wohl nicht ganz einfach wird. Aber ganz ehrlich: Wenn wir (von mir aus Deutschland) wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann ist die Kreativität, die Innovationsfähigkeit der Mitarbeiter das einzige Kapital…

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