Warum ist zukunftsfähige Organisationsgestaltung gerade für Soziale Organisationen so wichtig?

Wie gesagt – siehe letzter Beitrag – bin ich gerade auf der Suche nach einem Thema für meine Master-Thesis.

In diesem Zuge und überhaupt beschäftigt mich – falls ihr meinen Blog schon etwas länger verfolgt – zunehmend die Frage, wie Organisationen der Sozialwirtschaft so gestaltet werden können, dass diese zukunftsfähig sind. Und an diesen Beschäftigungen will ich Euch doch gerne teilhaben lassen…

Was meine ich mit zukunftsfähig?

Die Sozialwirtschaft und damit die darin agierenden Organisationen stehen vor massiven Herausforderungen. Zu nennen sind bspw. der Fachkräftemangel, steigende Anforderungen, zunehmende Komplexität und noch so einiges mehr.

Buzzwords, ja, aber leicht zu hinterlegen, so, dass konkreter Handlungsbedarf entsteht. Das könnt ihr etwas detaillierter gerne noch einmal hier oder hier lesen. Die mit den beschriebenen Herausforderungen einhergehenden Auswirkungen auf die Organisationen der Sozialwirtschaft sind – so jedenfalls meine Auffassung – gravierend.

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Zu Beginn lohnt es, sich noch einmal bewusst zu machen, was der Zweck Sozialer Arbeit ist.

Dazu gibt es verschiedene Auffassungen, aber eigentlich geht es immer um die Lösung wie auch immer gearteter Sozialer Probleme.

Soziale Organisationen existieren, um Soziale Probleme zu lösen oder jedenfalls um Angebote und Dienstleistungen zur Lösung der oder zum Umgang mit Sozialen Probleme zu liefern.

Etwas einfach formuliert vielleicht, trifft den Kern aber ganz gut, oder?

Das Problem Sozialer Probleme besteht jedoch darin, dass sich diese Probleme nicht lösen lassen. Oder warum gibt es sonst immer noch Armut in Deutschland (und darüber hinaus)? Krankheit? Vernachlässigte Kinder und Jugendlichen? Usw.?

Hat die Soziale Arbeit eigentlich auf ganzer Linie versagt? Eben, weil Soziale Probleme nicht weniger sondern eher mehr geworden sind?

Der Gedanke bedeutet aus einer anderen Perspektive, dass sich – wenn sich Soziale Probleme lösen ließen – auch die Existenzberechtigung der jeweiligen Organisationen erledigt hätte. Es braucht keine Jugendhilfeeinrichtungen mehr, wenn es keine Jugendlichen mit Hilfebedarf mehr gibt. Es braucht keine Drogenhilfe, wenn es keine Drogenabhängigen mehr gibt. Es braucht keinen ASD, wenn Familien nicht mehr durch Mitarbeitende des Jugendamtes betreut werden müssten.

Das ist ja nunmal wirklich – Quatsch! Es gibt Soziale Probleme, es gibt sogar immer mehr. Angeführt sei hier nur die aktuell dringende und in Zukunft wichtige Aufgabe der Integration von Flüchtlingen, bei der die Soziale Arbeit eine umfassende Rolle spielen kann und – in meinen Augen zumindest – muss.

Was soll das mit Organisationsgestaltung zu tun haben?

Nun ja, so wie ich es bislang oft erlebt habe, sind gerade junge SozialarbeiterInnen, Hochschulabgänger, Absolvierende der Sozialen Arbeit hoch motiviert. Idealismus steht ganz oben auf der Tagesordnung. Welt verändern, besser machen, Probleme lösen, gestalten und nicht verwalten, Menschen helfen! Das ist die Motivation, mit der die Menschen angetreten sind und einen Großteil ihrer wertvollen Zeit im Studium verbracht haben.

Und dann kommen sie in die Praxis.

„Praxisschock“

Allein das Wort lässt einen schon zweifeln, ob hier alles so richtig läuft.

Innerhalb kurzer Zeit haben wir – wieder etwas überspitzt – Probleme mit frustrierten, überforderten, mit desillusionierten Mitarbeitern.

Es gibt, das darf hier nicht unerwähnt bleiben, einige Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, die ihren Job lange Zeit richtig gut und gerne machen. Aber in der Breite, der Mehrheit – und bitte korrigiert mich, wenn ich komplett daneben liege – sieht die Welt der Sozialen Arbeit eher etwas depressiv aus: Wenn man nicht wirklich krank wird (Burn-Out oder ähnliches) dann versucht man, sich an die Gegebenheiten anzupassen oder, dritte Möglichkeit, man geht.

Damit haben wir Organisationen, in denen kranke oder unmotivierte Menschen versuchen, kranken oder unmotivierten Menschen zu helfen.

Der Slogan des DBSH passt da ganz gut: 

Damit nicht die durch soziale Netz fallen, die es knüpfen sollen. 

Die anderen, motivierten, fitten, engagierten, nicht kranken Menschen gehen. Sie verlassen das System, arbeiten in anderen Bereichen. Viele meiner Freunde und Bekannte aus dem Sozialsektor, mit denen ich studiert habe, sind oder wollen raus, zumindest aber in die Verwaltung, das Management. Weg von der Basis.

Wenn das Gesamtsystem nicht so einfach zu ändern ist – Stichworte wie gesellschaftliche Aufwertung, angemessene Entlohnung, bessere, nachhaltigere Finanzierung, um nur ein paar zu nennen – dann ist es in meinen Augen dringend notwendig, die Organisationen zu ändern und zu „guten“ Organisationen zu machen und damit – sozusagen “bottom-up” – das System zu verändern!

Wir brauchen Soziale Organisationen, in denen es sich lohnt, zu arbeiten.

„Lohnen” bedeutet in erster Linie nicht monetär (auch wenn das ein schöner Nebeneffekt wäre), „lohnen” bedeutet mehr:

  • “Lohnt sich die Arbeit, die ich tue, für mich?“
  • „Macht es Sinn, meine wertvolle Lebenszeit hier und nicht bspw. im Bett zu verbringen?”
  • „Kann ich meine Kompetenzen, meine Arbeitskraft, meinen Willen zur Übernahme von Verantwortung hier so einbringen, wie ich mir das vorgestellt habe?”
  • „Gibt es Entwicklungsmöglichkeiten, um hier, in dieser Organisation, professionell aber auch persönlich, menschlich, zu wachsen?“
  • „Kann ich hier, in dieser Organisation, meine Arbeit so gestalten, wie ich aufgrund meiner Ausbildung denke, dass es richtig ist?”
  • „Kann ich hier, in dieser Organisation, neue Wege gehen, die bislang noch niemand gegangen ist? Kann ich innovativ sein?“
  • “Ist das, was ich gerade tue, zukunftsfähig?”

Wie beantwortet Ihr für Euch diese Fragen? Mit Blick auf Eure Kolleginnen und Kollegen? Mit Blick auf Cheffe? Alles gut? Oder gibt es doch Potential, etwas zu tun?

Ich gehe davon aus, dass es Potential gibt und nicht „alles in Butter“ ist, was es auch kaum sein kann.

Wenn es also schon die Organisationen der Sozialwirtschaft (manchmal) nicht schaffen, das Lohnenswerte für ihre Mitarbeiter verständlich zu machen, wie bitte sollen diese Mitarbeiter dann einen guten Job machen, motiviert sein, die Welt verändern? Wie sollen sie “begeistert sein” von dem, was sie tun?

Das geht nicht!

Dabei haben wir es in der Sozialwirtschaft doch eigentlich recht leicht!

So fällt es deutlich schwerer, den Sinn einer bspw. Klopapier produzierenden Organisation für die Mitarbeiter deutlich zu machen… Wobei, hier liegt der Mehrwert ja wortwörtlich auf der Hand…

Wo liegen aber die Herausforderungen für Soziale Organisationen, zukunftsfähig zu sein?

Dazu werde ich mir im nächsten Artikel Gedanken machen… Ich bin gespannt…

Aber vielleicht habt ihr schon Anregungen? Dann immer her damit…



Organisationen kommen uns häufig vor wie träge Maschinen. Menschen sind die Zahnräder. Das Geld ist das Öl, damit die Zahnräder ineinander greifen und möglichst nicht quietschen.

Kaputtes Zahnrad? Austauschen!

Keine Lust, weiter am Rad zu drehen? Gehen oder „low performen“, Dienst nach Vorschrift, Kaninchen züchten!

Zu wenig Öl? Mehr fordern oder weniger leisten!

Motivation? Wenn überhaupt, dann durch mehr Öl, extrinsisch, sozusagen.

Mitbestimmung? Engagement? Sinn? Innovation? Flexibilität?

Fehlanzeige!

Das ist alles sicherlich etwas überspitzt, oder wie geht es Euch?

In meinen Augen lohnt es sich entsprechend, darüber nachzudenken, wie Soziale Organisationen anders, besser, sinnvoller und zukunftsfähiger gestaltet werden können.

Mit dem vorliegenden und ggf. folgenden Beiträgen will ich versuchen – sozusagen in loser Reihenfolge – Antworten auf die folgenden Fragestellungen zu liefern:

  • Warum ist zukunftsfähige Organisationsgestaltung gerade für Organisationen der Sozialwirtschaft so wichtig? (der vorliegende Beitrag, falls ihr unten angefangen habt…)
  • Welchen Hindernisse auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen Organisationsgestaltung lassen sich spezifisch für Organisationen der Sozialwirtschaft ausmachen?
  • Was bedeutet zukunftsfähige Organisationsgestaltung eigentlich?
  • Und wie ist es trotz einiger Hindernisse machbar, die Organisation zukunftsfähig zu gestalten?

P.S.: Falls Ihr mehr über meine Gedanken zur Entwicklung der Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft erfahren wollt, tragt doch einfach Eure E-Mailadresse oben ein.

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4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Die 4 größten Hindernisse auf dem Weg zu zukunftsfähigen Organisationen der Sozialwirtschaft |

  2. Lieber Hendrik,
    ich freue mich so, dass ich auf deinen Blog gestoßen bin und finde ihn großartig. Ich interessiere mich für all diese Themen, absolviere ein ganz ähnliches Masterstudium und bin beeindruckt, wie Du es schaffst, diese ganzen theoretisch manchmal recht trockenen Themen in spannende Blogposts zu verwandeln.
    Gerade im Hinblick auf deine Masterthesis ist mir aber auf gefallen, dass du z.B. beim Thema oben, viele Sachen in einen Topf wirfst. Die haben sicher auch alle was, mit einer zukunftsfähigen sozialen Organisation zu tun, aber es lohtn sich bei manchen Themen genauer hin zu schauen.
    Z.B. fühlt sich die theoriegeleitete Soziale Arbeit durchaus nicht dazu berufen, soziale Probleme an sich zu lösen (dazu empfehle ich dir Peter Pantucek-Eisenbacher: Bedrohte Professionalität und Mechthild Seithes Schwarzbuch Sozialer Arbeit). Nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis, glaube ich, dass ein Sozialarbeiter, der sich mit den Fragen beschäftigt “was ist Soziale Arbeit?” (Menschenrechtsprofession, die gesellschaftliche Auswirkungen sozialer Ungerechtigkeit bearbeitet) “welche Funktionen hat soziale Arbeit?” (Schnittstellen-/Netzwerkfunktion, siehe z.B. Brigitta Zierer “Theorie- und Erfahrungsgeleitetes Handeln” , politische Funktion – prekäre Lebenslagen erkennen, benennen, Lösungen aufzeigen und Betroffene aktivieren), weiß was er kann und was er nicht leisten kann und damit auch aktive Burnout-Prophylaxe betreibt, weil er nicht meint, die ganze Welt retten zu müssen.

    Weiterhin ist dieser ganze Widerspruch Theorie und Praxis ja ein großes Thema für sich, aber ich glaube, dass hier wichtige Anhaltspunkte für eine zukunftsfähige Organisationsgestaltung im sozialen Sektor liegt. Beide – Theorie und Praxis- müssen endlch erkennen, wie sie gemeinsam voneinander profitieren können. Dazu empfehle ich wieder Brigitta Zierer, aber auch Hüttemann und Sommerfeld mit ihrer Forschungs-/Evidenzbasierten Praxis.

    Ansonsten bin ich gespannt, auf die folgenden Beiträge.
    Liebe Grüße,
    Antonia

    • Hey Antonia,

      lieben Dank Dir für Deine motivierenden Worte! Es freut mich, wenn es Dich freut 😉 Und ich gebe Dir vollkommen recht: Einige Themenkomplexe, die in meinen Beiträgen “angerissen” werden, sind so einfach, wie ich es hier schreibe, in der Realität nicht. Das ist jedoch vornehmlich dem geschuldet, dass ich explizit keine “wissenschaftlichen Abhandlungen” mit meinem Blog verfolge, sondern lieber “etwas provozierend” zum Nachdenken anregen will. Die Feinheiten kommen dann in der Master-Thesis, wobei sich diese dann wahrscheinlich nicht mehr ganz so flüssig lesen lässt 😉

      Dir noch einen schönen Sonntag!

      Hendrik

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