New Social Work – eine Skizze

Die aufmerksamen LeserInnen meines Blogs bekommen meine Irrungen und Wirrungen mit: Was ist der Fokus meines Blogs? Wo soll es hingehen, damit ich nicht doch irgendwann Fashion-Blogger werden muss, wie es einmal ein kurzer Gedanke war…

New Work und Soziale Arbeit

Das Thema New Work und die Übertragung der Denk- und Handlungsweisen der New-Work-Bewegung auf die Soziale Arbeit beschäftigt mich ja schon seit Beginn des Blogs. Aber irgendwie blieb es – für mich vor allem – immer noch irgendwie sehr unspezifisch, was denn das leider oftmals als Buzzword verwendete Wort „New Work“ in Verbindung mit Sozialer Arbeit eigentlich ausmacht. Hiermit will ich den Versuch einer Einordnung liefern, die dann auch – hoffentlich – für meine weitere Arbeit an dem Blog handlungsleitend sein wird.

Das ursprüngliche Konzept New Work

Das Konzept „New Work“ geht auf den amerikanischen Professor Frithjof Bergmann zurück, der New Work als Alternative zu unserem bisherigen und zunehmend an seine Grenzen geratenen Lohnarbeitssystem beschreibt. Frithjof Bergmann ist seit 1958 an der University of Michigan in Ann Arbor tätig, wurde dort Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie, später auch für Anthropologie. 1999 wurde er emeritiert. Außerdem ist er Gastdozent an der Universität Kassel. Konkret, allerdings sehr verkürzt geht es Bergmann in seinem Konzept „New Work“ darum, dass das Lohnarbeitssystem, so wie wir es kennen, schon von Grund auf zu den in unserer Gesellschaft zunehmend verstärkt auftretenden Problemen führt.

Markus Väth schreibt dazu sehr passend:

„Der New Work – Begründer Frithjof Bergmann stellt das Lohnarbeitssystem radikal in Frage und übt deutliche Kritik am heutigen Kapitalismus. Er ist Philosoph und will das Wesen der Arbeit vom Kopf auf die Füße stellen. Nur ein bisschen „agil sein“ oder „digital transformieren“ geht im Sinne des New Work daher genauso wenig wie „ein bisschen schwanger sein“.

Das Konzept basiert darauf, das frühkapitalistische System der Lohnarbeit zu ersetzen durch ein System, das aus den drei Teilen

  • Erwerbsarbeit (1/3),
  • High-Tech-Self-Providing (Selbstversorgung, 1/3) und
  • einer Arbeit, die man wirklich, wirklich will (1/3) besteht.

Hintergrund der Entwicklung des Konzeptes ist die Feststellung, dass die „klassische“ Erwerbsarbeit aufgrund der Automatisierungsprozesse zurück gehen wird. Um aber die Arbeitsplätze nicht gleich zu verlieren, sondern eine finanzielle Basis für alle zu schaffen, soll im Konzept ein Drittel aus der noch zur Verfügung stehenden klassischen Erwerbsarbeit bestehen. Damit werden auch Anschaffungen möglich, die nicht durch eigene Arbeit oder nachbarschaftliche Netzwerke erzeugt werden können.

Das zweite Drittel der zur Verfügung stehenden Zeit wird mit Selbstversorgung auf technisch höchstem Niveau zugebracht. Konkret geht es also nicht darum, ein paar Kartoffeln im eigenen Garten anzubauen. Es geht darum, mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten Dinge des täglichen Lebens (angefangen von der Kartoffel bis hin zu bspw. technischen Geräten) herzustellen. Hinzu kommt, dass sich die Menschen zunehmend verstärkt Gedanken um den tatsächlich sinnvollen Konsum machen, wodurch sich der Bedarf automatisch reduziert.

Als dritte Säule der Neuen Arbeit steht die Arbeit, die die Menschen „wirklich, wirklich machen wollen“. Ausgehend davon, dass Arbeit grundsätzlich niemals endet, wenn man Arbeit als über das Lohnarbeitssystem hinausgehend definiert (bspw. Familie, Pflege…), ist dieser Bestandteil des Konzepts „Neue Arbeit“ als wesentlich anzusehen. Wikipedia schreibt dazu: „Da Bergmann einen revolutionären Prozess zur Überwindung des Lohnarbeitssystems ablehnt, kann die Veränderung nur nach und nach erfolgen durch Menschen, die sich an dem orientieren, was sie wirklich, wirklich wollen und sich so allmählich unabhängiger machen vom Lohnarbeitssystem durch Selbstversorgung.“

Falls Ihr Euch näher mit dem Konzept beschäftigen wollt, empfehle ich Euch einmal das Buch von Markus Väth „Arbeit – die schönste Nebensache der Welt. Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert.“ zu dem ich hier bereits eine Rezension verfasst habe.

New Work ist mehr als Arbeit 4.0

Wenn man den „Klassiker“ der New Work Literatur: „Neue Arbeit, neue Kultur“, von eben dem schon erwähnten Frithjof Bergmann liest, wird deutlich, dass das Konzept weit über ein wenig Organisations-Makeup, weit über ein wenig Arbeit 4.0, hinausgeht. Deutlich wird, dass New Work im Grunde eine grundlegende Änderung des Gesellschaftssystems bewirkt, da eben nicht nur die Arbeitsprozesse auf der Ebene der Organisationen (Meso-Ebene) betroffen sind, sondern der Mensch in seinen sozialen Zusammenhängen (Mikro-Ebene) ebenso wie der gesellschaftliche Kontext (Makro-Ebene) mit berücksichtigt werden müssen.

New Social Work

Ich will hier den New Work Begriff nicht hinsichtlich der drei verschiedenen Ebenen analysieren. Das wäre wahrscheinlich eher eine wissenschaftliche Abschlussarbeit als ein Blog-Artikel, auch wenn es spannend wäre und sich ein paar einleitende Worte zu den einzelnen Ebenen wahrscheinlich nicht vermeiden lassen. Ich will versuchen, gleich einen Schritt weiterzugehen und die Frage zu stellen:

Was ist „New Social Work“ auf der Makro-, Meso- und Mikro-Ebene?

New Social Work im gesellschaftlichen Kontext

Auf gesellschaftlicher Ebene werden die großen Themen angesprochen. Welche Megatrends lassen sich erkennen? Welche Auswirkungen haben diese auf die Gesellschaft? Gesellschaftlich relevante Themen sind hier natürlich die Digitalisierung, aber auch der demografische Wandel, der breit und kontrovers diskutierte Fachkräftemangel und noch so einige Themen mehr. Fokussiert auf die Arbeitswelt sind die industriellen Revolutionen und der Weg unserer Gesellschaft von einer landwirtschaftlich geprägten über eine Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft hin zu einer Wissensgesellschaft als Themen anzuführen.

Und im Kontext einer „New Social Work“ ist die Frage im Zentrum:

Welche Auswirkungen haben die gesellschaftlich relevanten Themen auf die Gestaltung des breiten Feldes der Sozialen Arbeit? Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Soziale Arbeit, welche Auswirkungen haben demografische Veränderungsprozesse auf die Soziale Arbeit usw.?

Dabei ergibt sich das Problem, dass „die“ Soziale Arbeit kaum greifbar ist und als Profession und Disziplin „von der Wiege bis zur Bahre“ alle alle Altersstufen und damit einhergehend auch alle Bereiche der Gesellschaft umfasst. Heiko Kleve schreibt hierzu passend:

„In sozialarbeiterischen Organisationen geht es eben nicht nur um Soziale Arbeit, nicht nur um professionelle Hilfe oder Nicht-Hilfe, sondern eben auch um Recht, Politik, Wissenschaft, vielleicht sogar um Kunst und Religion und zweifellos um Geld, um Wirtschaft.“

Auch wenn es aufgrund der Heterogenität Sozialer Arbeit oftmals schwer ist, auf der Makro-Ebene zu bleiben und nicht auf die Meso-Ebene („Bei uns in der Organisation machen wir das aber so und so!“) abzurutschen, ist Soziale Arbeit eine politische Profession, die an den in der Gesellschaft herrschenden Bedingungen arbeiten und diese im Sinne der ihr anvertrauten Menschen gestalten muss. Das passiert leider viel zu selten, so mein Eindruck. Die Auseinandersetzung der Professionellen in den Organisationen mit den sich gesellschaftlich ergebenden Veränderungen ist aber unabdingbar, um professionelle Soziale Arbeit leisten zu können.

Passiert diese Auseinandersetzung nicht, bleibt die Soziale Arbeit maximal Spielball anderer Funktionssysteme.

New Social Work auf Ebene der Organisationen

Dieser Bereich ist der wohl mit den aktuellen Diskussion zu New Work am meisten in Verbindung gebrachte. Kurz zusammengefasst steht die Frage im Vordergrund: Wie wollen wir arbeiten? Und dabei liegt mein Fokus natürlich auf der Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft. Im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen, insbesondere zu Unternehmen der Privatwirtschaft, unterliegen Organisationen der Sozialwirtschaft aus meiner Sicht anderen, komplexeren (Rahmen-)Bedingungen, die eine eigene Auseinandersetzung mit den Fragen von „Arbeit 4.0“ bedürfen.

Allein der Hinweis auf das sozialwirtschaftliche Leistungsdreieck oder die Komplexität der Arbeit mit Menschen in besonderen Lebenslagen verdeutlicht dies. Gleichzeitig aber, und das ist für mich oftmals erschreckend, agieren die Organisationen deutlich starrer, deutlich hierarchischer strukturiert als privatwirtschaftliche Organisationen. Anstatt neue Wege zu suchen, wie die Soziale Arbeit in den Organisationen menschlicher und gleichzeitig zielführender gestaltet werden kann, werden noch mehr Regelungen, noch mehr Einschränkungen, noch mehr Kontrollen eingeführt, um damit die absurde Vorstellung von der Kontrollierbarkeit sozialer Systeme aufrecht zu erhalten.

Das Ergebnis sind Organisationen, die neben dem individuellen Burnout kurz vor oder schon mitten im organisationalen Burnout stecken. Die völlige Überlastung bei gleichzeitig weiter ansteigenden Anforderungen und wegbrechenden personellen Kapazitäten zeigt sich am Ende in qualitativ schlechten Leistungen für die Nutzerinnen.

New Social Work als Alternative

Und es gibt Alternativen:

Agiles Management, kollegiale Führung, Unternehmensdemokratie und noch viel mehr Konzepte, Ideen, Herangehensweisen lassen sich als vornehmlich auf Selbstorganisation, Selbstbestimmung und Autonomie setzende Management-Modelle erkennen, die versuchen, die zunehmende Komplexität der Arbeit (und zwar nicht nur der Sozialen Arbeit) in den Griff zu bekommen.

Wie (und ob) diese Modelle, die dahinter stehenden Prinzipien und organisationalen Praktiken auf Organisationen der Sozialwirtschaft angewandt werden können, wo hier Probleme und Risiken, aber auch Chancen und Möglichkeiten liegen, ist Teil der Meso-Ebene von New Social Work.

Der Mensch und New Social Work

Hier Mensch steht – oh nein, nicht schon wieder – im Mittelpunkt von New Social Work. Echt jetzt? Naja, vielleicht muss man das etwas differenzierter betrachten.

Konkret beschäftigt sich die Soziale Arbeit und damit auch die Organisationen der Sozialwirtschaft mit Menschen. In der deutschsprachigen Definition Sozialer Arbeit heißt es, dass die Soziale Arbeit, neben anderem, die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen zum Ziel hat.

Schon allein dieser kleine Ausschnitt aus der Definition zeigt ein wesentliches Dilemma: Wie soll die Autonomie und Selbstbestimmung der Menschen gestärkt werden, wenn die Mitarbeitenden in oftmals konträr dazu liegenden Arbeitsverhältnissen stecken? So sind die meisten von uns durch Erziehung, durch unser Bildungssystem, Schule und Hochschule, durch unsere Ausbildung und durch die vorherrschende Sichtweise auf Arbeit in unseren Organisationen nicht im geringsten auf Selbstbestimmung und Autonomie vorbereitet. Schon im Kindergarten malen alle Pinguine, wohl wissend, dass die Pinguinmalkompetenzen durchaus unterschiedlich ausgeprägt sind. Über Schule brauchen wir gar nicht zu sprechen und das Hochschulsystem steht zu Teilen berechtigt in der Kritik. Un die Organisationen – auch und gerade die Organisationen der Sozialwirtschaft – funktionieren gut in der Verwaltung von Immergleichem (siehe die Pinguine). Damit ließen sich wiederkehrende Anforderungen gut, schnell und in immer gleichbleibender Qualität bearbeiten. Neue, komplexe Herausforderungen erfordern jedoch eben genau dieses selbstbestimmte, autonome Handeln.

Menschen kommen aber nur dazu, autonom handeln zu können, wenn sie sich in dem, was sie tun sicher sind, wenn sie die Informationen haben, die sie benötigen, wenn sie überhaupt handeln, und damit entscheiden, dürfen.

Führung und Leitung als Ausgangspunkt

New Social Work fokussiert damit konkret auf die Menschen in den Organisationen. Noch konkreter fokussiert New Social Work vornehmlich auf die Führungs- und Leitungskräfte in den Organisationen. So sind zwar alle Menschen in der Sozialen Arbeit gefordert, Selbstbestimmung und Autonomie ihrer Klientel zu ermöglichen. Die Bedingungen dafür aber müssen von den Führungs- und Leitungskräften gestaltet werden. Erst wenn sich die Führungs- und Leitungskräfte auf einen neuen Weg der Organisationsgestaltung, der Zusammenarbeit, des Miteinanders mit den Grundwerten „Selbstbestimmung und Autonomie“ einlassen können, wird es für die Mitarbeitenden möglich, diese Grundwerte auch in ihrer Arbeit zu leben und damit an ihre Klientel zu vermitteln.

Laloux schreibt dazu:

„The CEO must look at the world through an Evolutionary-Teal lens for Teal practices to flourish. There are several examples of organizations that have operated with Teal practices and then quickly reverted to traditional management approaches when a new CEO came in who saw the world from an Orange perspective.“

Ob man jetzt der Struktur von Laloux folgt, ob man andere Herangehensweisen wählt: Die Feststellung, dass das Management, die Führungskräfte die Haltung der Selbstbestimmung und Autonomie einnehmen müssen, um zu einer nachhaltigen Veränderung der Organisation zu gelangen, findet sich an vielen Stellen. Das ist ein grundlegendes Problem von Change-Management-Prozessen: Wenn die Führung nicht überzeugt ist von der notwendigen Veränderung, wird die Veränderung scheitern und eher mehr Schaden hinterlassen als nutzbringend sein.

Zusammenfassung

Abschließend noch einmal kurz:

  • New Social Work fokussiert auf die drei Ebenen Gesellschaft, Organisation und Mensch
  • Auf Ebene der Gesellschaft steht die Rolle der Sozialen Arbeit in einer sich zunehmend schneller verändernden Welt im Fokus (bspw. Digitalisierung und Soziale Arbeit, demographischer Wandel und Soziale Arbeit, Globalisierung und Soziale Arbeit etc.).
  • Auf Ebene der Organisationen steht die Frage danach im Zentrum, wie Organisationen der Sozialwirtschaft so gestaltet werden können, dass sie den sich zukünftig stellenden Anforderungen „proaktiv“ widmen können.
  • Auf Ebene des Menschen stehen im Ansatz des New Social Work die Führungskräfte im Fokus: Wie lässt sich eine neue Haltung der Führungskräfte sozialer Organisationen, die auf Autonomie und Selbstbestimmung als Grundwerte setzt, entwickeln?

Ich hoffe, damit den Fokus des Blogs und meiner dahinterstehenden Arbeit etwas deutlicher fokussiert zu haben. Das Thema ist so breit, dass es genug zu tun gibt. New Social Work in dem von mir skizzierten Sinn ist aber vor allem so relevant für die Zukunft (von Organisationen) der Sozialen Arbeit, dass sich eine Auseinandersetzung damit mehr als lohnt.

Ich bin gespannt auf Deine Rückmeldung dazu: Was braucht es noch, wo sind Lücken? Was sind die nächsten Schritte?

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