Wie die Sozialwirtschaft von Social Entrepreneurship lernen kann – und umgekehrt!

Social Entrepreneurship

Die Sozialwirtschaft steht unter dem Druck permanenter Veränderung.

So habe ich in meinen letzten Beiträgen immer wieder versucht, die Veränderungen herauszuarbeiten und zu beschreiben.

Schlagworte wie der Fachkräftemangel, Generationenmanagement, zunehmende Komplexität, Veränderung der Arbeitswelt usw. müssen kaum noch weiter erläutert werden und treffen die Organisationen der Sozialwirtschaft in unterschiedlicher Intensität – aber:

Sie treffen!

Das ist unausweichlich.

Neben den eigenen Problemen gibt es da auf einmal noch die coolen Jungs und Mädels aus dem Bereich des “Social Entrepreneurships”!

Sozialunternehmer!

Da kommen hoch motivierte, engagierte, in völlig anderen Bereichen gut ausgebildete, meist junge Menschen und „wildern“ in klassischen Feldern der Sozialwirtschaft. Bieten Programme an, um „die Gesellschaft zu verbessern”! „Impact“ zu liefern“!

Die Welt zu verändern!

Die Welt zu verändern?

Gibt es doch gar nicht! Dürfen die das denn? Die machen das einfach…

Ich will hier gar nicht erläutern, was genau unter „Social Entrepreneurship“ zu verstehen ist. Das können andere viel besser. Nachlesen kann man das zum Beispiel hier oder hier oder hier.

Ein interessantes, die Bewegung des „Sozialunternehmertums“ eher kritisch und aus Sicht der Sozialwirtschaft beleuchtendes Buch ist übrigens hier zu finden.

Aber ich frage mich, ob es nicht möglich ist voneinander zu lernen?

Ein Lernen der „etablierten“ Sozialwirtschaft von den Social Entrepreneurs und – das ist mir wichtig – GENAUSO ein Lernen der Social Entrepreneurs von der etablierten Sozialwirtschaft?

Einfach, um besser zu werden. Auf beiden Seiten!

Werfen wir doch mal einen Blick darauf, was die „etablierte” Soziale Arbeit braucht, um zukünftig weiterhin ihren Stellenwert in der Gesellschaft zu halten, ihren Mehrwert für die Gesellschaft zu bieten und ggf. sogar zu steigern und ihrem eigentlichen Zweck – der Lösung Sozialer Probleme – gerecht werden zu können:

1. Organisationen der Sozialwirtschaft brauchen Räume und Möglichkeiten, in denen Innovation möglich ist.

Na klar, Innovation!

Klingt super, das Wort! Wie Bullshit-Bingo!

Aber bei näherer Betrachtung sind Organisationen allgemein und Organisationen der Sozialwirtschaft im Besonderen schon allein strukturell nicht dafür gemacht, Innovationen zu ermöglichen. Wichtiger ist die Sicherung des „Status quo“, die Sicherung dessen, was ist.

Systematisch betrachtet: Autopoiesis, Selbsterhaltung.

Organisationen der Sozialwirtschaft haben insbesondere ein Problem mit Innovation, da viele dieser Organisationen aus sehr traditionellen, großen, trägen und hierarchisch geprägten Organisationen hervorgehen.

Caritas, Diakonie, aber auch das Rote Kreuz usw., sind im Bild der Öffentlichkeit nicht dafür bekannt, innovativ zu sein. Von den Verwaltungen und Ämtern müssen wir gar nicht reden, das öffentliche Bild ist festgezurrt.

OK, Innovation, wäre schon schön! Aber warum denn eigentlich?

Naja, ich bin davon überzeugt, dass vieles, was die Organisationen in den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelt und angeboten haben, wirklich gut ist! Aber:

“Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht das Anbeten der Asche“!

Feuer bewahren! Begeistern! Und: Mit der Zeit gehen! Und die Zeit ändert sich rasant!

Allein der Begriff der Digitalisierung, ohne diesen hier näher zu definieren, bringt so viele Bilder in die Köpfe der Sozialarbeiter, dass diesen ganz schwindlig wird. Mir auch.

Andere Begriffe?

  • Wie agieren wir mit Blick auf den Fachkräftemangel?
  • Wie agieren wir mit Blick auf älter werdende Belegschaften?
  • Wie agieren wir mit Blick auf einen Wertewandel in der Gesellschaft insgesamt und bei den jüngeren Generationen im Besonderen?
  • Wie agieren wir mit Blick auf eine Gesellschaft, die zunehmend zur „Wissensgesellschaft“ wird und unsere Klientel vollends abzuhängen droht?
  • Wie agieren wir mit Blick auf zunehmende Flüchtlingsproblematiken?
  • Wie agieren wir mit Blick auf sich verändernde ökonomische Ansprüche an Organisationen der Sozialwirtschaft?

Ich bin sicher: Diese Liste ließe sich verlängern.

Fest steht jedoch:

Um angemessen und zukunftsorientiert agieren (und nicht reagieren) zu können, braucht es neue Wege, die die alten Wege verlassen:

Wer nicht vom (alten) Weg abkommt, bleibt auf der Strecke!

Innovation muss immer radikal und konstruktiv zerstörerisch sein.

Dem stimme ich zu!

Hier findet Ihr übrigens einen (ebenfalls) kritischen Beitrag zur Innovationsfähigkeit der Sozialwirtschaft.

Und hier eine Beschreibung des Paritätischen Gesamtverbandes zum Thema Innovation.

2. Soziale Arbeit braucht einen Kern!

What? Kern? Ich kenn einen, den mein’ ich aber nicht!

Nein, es geht mir hier darum, unmissverständlich klar und deutlich zu machen, was wir tun!

In einem Satz!

Ohne Zweifel!

Mit Stolz geschwellter Brust!

Vielleicht: Wir lösen Soziale Probleme!

Punkt und Ende!

Ja, da stöhnen die Wissenschaftler: Was ist mit der ganzen Diskussion um Professions- und Disziplinentwicklung? Menschenrechte, oder doch lieber soziale Probleme? Oder was völlig anderes? Das ist so einfach doch gar nicht zu sagen! Eine Profession im Prozess, oder eine Semi-Profession oder gar keine?

Ganz ehrlich: Haben uns diese Diskussionen im Alltag weitergebracht?

Ich bezweifle gar nicht, dass diese Diskussionen auf einer wissenschaftlichen Ebene notwendig sind und zu einer Weiterentwicklung beitragen.

Aber bezogen auf den Alltag, die Umsetzung, die Arbeitsebene in den Organisationen, bedarf es vielleicht eines „Arbeitskerns“ mit dem sich alle so in etwa zufriedengeben können.

So kenne ich bspw. keinen BWLer, der sich permanent Gedanken darum macht, was seine Profession ausmacht, was seine Identität ist etc. Und bei denen ist es mindestens so unklar, wie bei uns: Angefangen von der Psychologie über die Mathematik bis hin zur Ethik mischen unterschiedlichste Disziplinen in der BWL herum, ohne dass es jemanden stört.

Sie machen einfach und tun so, als wäre das alles ganz einfach und klar.

Hintergrund meiner vielleicht etwas naiven Vorstellung eines gemeinsamen, einfachen Kerns ist die, dass es darüber möglich wird, aus dem „Jammertal“ der Sozialen Arbeit zu entsteigen:

Oh, wie es uns doch schlecht geht! Keiner mag uns wirklich, noch nicht einmal wir selbst! Lehrer sind doof, die Geldfuzzis stinken, Politiker sowieso, die Ärzte haben auch keine Ahnung, Psychologen schon gar nicht usw.

Und Geld fehlt uns auch, schlecht bezahlt, arm wie die Kirchenmäuse… Oh, wie es uns schlecht geht!

Vielleicht würde sich die Diskussion darum erledigen. Vielleicht würde man dahin kommen, wieder einfach zu:

Machen!

Und zwar richtig! Probleme lösen und nicht versuchen, alte Pfründe zu sichern.

3. Soziale Arbeit braucht Wirkungsmessung!

Ja, da isser wieder mit dem Kapitalismusgequatsche! Wirkungsmessung!

Impact, auf neudeutsch!

Das geht doch gar nicht, mit unserem Klientel, mit dem wenigen Geld, in unserem Umfeld, mit den blöden Politikern, mit den Fuzzis vom QM, usw. usw. usw…

Habe ich eben was von Jammertal geschrieben?

Da ist es! Jammer-Grand-Canyon!

Klaus Grunwald und Elke Steinbacher schreiben dazu, dass „die Soziale Arbeit (…) bezogen auf die Themen ‚Ökonomie‘ und ‚Organisation‘ bzw. ‚Management‘ vor vielfältigen und gravierenden Herausforderungen” steht.

Genannt werden unter anderem das Wettbewerbs-, Vergabe- und Beihilferecht der europäischen Union, Veränderungen in den Steuerungsmechanismen der einzelnen Nationen und die mehr als komplexen Stakeholder-Konstellationen und gleichzeitig eine fortschreitende Modernisierung der Gesellschaft und die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise.

„Eine spezifische Herausforderung stellt jedoch die Auseinandersetzung mit der Ökonomisierung der Gesellschaft im Allgemeinen und der Sozialen Arbeit im Besonderen dar.“

Ja, Ökonomisierung ist Thema! Und ob man es befürwortet oder nicht, es passiert einfach!

Und hier muss die Soziale Arbeit einen guten Umgang finden. Es hilft wenig, kapitalismuskritisch die Ökonomisierung zu verteufeln, genausowenig wie es hilft, sich den Vorgaben des Marktes voll und ganz zu unterwerfen.

Es braucht einen Weg, unseren Weg. Dieser bewegt sich aus meiner Sicht zwischen den Polen.

Und da gehört Wirkungsmessung dazu.

Wir müssen nachweisen, warum wir für was wie viel Geld verlangen. Wir müssen aber nicht die einfachen Instrumente der BWL übernehmen. Das geht nämlich tatsächlich nur sehr begrenzt und führt zu großem Unmut.

Aber eigene Instrumente (die es schon gibt) nutzen, macht Sinn.

4. Soziale Arbeit braucht Fachkräfte!

Na, logo, Ausbildung und so. Ist doch klar…

Aber so einfach, wie es zunächst scheint, ist es in meinen Augen nicht. So sehe ich aktuelle keine wirkliche Weiterentwicklung der Ausbildung im Bereich der Sozialen Arbeit. Das habe ich hier schon einmal mit Blick auf den Wandel der Arbeitswelt näher beschrieben.

Fachkräfte sind Menschen, die – neben ihrem Wissen und ihren Kompetenzen – im permanenten Wandel den Kopf oben halten und Chancen sehen. Dinge machen. Neu starten, auch wenn der Ausgang völlig ungewiss ist.

So ist es ziemlich absehbar, dass sich die Anstellungsmöglichkeiten und die Arbeit auch in Organisationen der Sozialwirtschaft perspektivisch und vielleicht sogar radikal wandeln wird.

Da muss man dann kreativ sein, wenn man gestalten will.

In meinen Augen ist diese Kreativität – das „Chancen-Sehen“ – lernbar. In der Ausbildung, im Studium, in Weiterbildungen.

Leider gibt es jedoch in den wenigsten Curricula der Studiengänge der Sozialen Arbeit Anteile bspw. in Fragen der Unternehmensgründung.

Nicht tiefergehend und umfassend. Dafür bedarf es dann spezifischer Weiterbildungen. Aber Impulse dahingehend, was wie möglich ist, wenn ich eine Soziale Organisation erfolgreich gründen will.

Oder Design Thinking: Entwicklung von innovativen, neuen Dienstleistungsformaten für die Klientel.

Oder oder oder…


ZUSAMMENfassend:

  • Innovation,
  • Kern,
  • Wirkungsmessung und
  • Fachkräfte.

Das ist vielleicht eine ziemlich subjektive, vielleicht auch deutlich zu einfache Aufzählung. So ist Soziale Arbeit bspw. auch ohne politische Rahmenbedingungen nicht denkbar.

Aber: Ansetzen müssen wir bei uns selber, sonst wird das nix.


Und wie kann hier jetzt Social Entrepreneurship helfen? Was kann die Soziale Arbeit von den Sozialen Unternehmern lernen?

In meinen Augen ist das recht einfach. Aber der Reihe nach:

1. Innovation:

Ohne Innovation gäbe es den Bereich des Social Entrepreneurship nicht. Neue Wege gehen, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Wie soll das gehen, ohne Innovation?

Wenn man sich ein wenig mit Social Entrepreneurship in Deutschland befasst, wird deutlich, dass es – gefühlt – ein größeres Unterstützungsnetzwerk gibt als Organisationen, die Unterstützung brauchen.

Ein paar Namen:

Ashoka
Social Impact Lab
The Changer
– …

Alle bieten Programme an, Soziale Unternehmer zu unterstützen, neue Dinge auf den Weg zu bringen, Geschäftsmodelle zu entwickeln, Räume zu ermöglichen etc.

Sie feiern sich und die Menschen, die aus diesen Unterstützernetzwerken hervorgehen.

Geil!

Wieder eine Neugründung, mal schauen, was daraus wird. Scheitern? OK! Neu machen! Weiter!

Wo – mit Blick auf die Soziale Arbeit – findet sich dieses „Geil“ wieder? Wo wird gefeiert? Wo werden Räume ermöglicht, um mit neuen Ideen scheitern zu dürfen?

Davon kann sich die Soziale Arbeit eine gehörige Scheibe abschneiden.

Lasst uns Soziale Arbeit zu etwas „Geilem“ (komisches Wort) machen! Sexy, anziehend und noch viel mehr!

2. Kern

Die Jungs und Mädels, die sich da als „Soziale Unternehmer“ feiern lassen, denken keinen Meter über die Frage nach der Entwicklung der Disziplin und der Profession nach!

Denkste mal!

Und es funktioniert trotzdem! Oder gerade deswegen?

Da arbeiten Juristen mit Medizinern mit BWLern mit Schreinern mit Psychologen mit whatever zusammen!

Um was zu bewegen! Mehr nicht!

Da gab es mal einen netten Karnevalsspruch aus Düsseldorf:

“Net quake! Make!“ (ist Dialekt, nicht englisch).

Auch hier wieder die Soziale Arbeit im Blick: Es gibt viele gute Initiativen, viele hoch engagierte Menschen in der Sozialen Arbeit, die versuchen, den Karren voranzubringen. Die machen! Aber leider – auch hier wieder sehr subjektiv – erkenne ich das nicht im Gros:

Lieber Jammern über schlechte Arbeitsbedingungen, wenig Geld, wenig Möglichkeiten, wenig Disziplin, wenig Profession, wenig Identität, wenig Kern. Wer sind wir eigentlich und wenn ja, wie viele?

Das sollten wir vielleicht lassen und uns lieber ein wenig mehr feiern!

3. Wirkungsmessung

Die Sozialen Unternehmer sind aus mindestens zwei Gründen darauf angewiesen, permanent nachzuweisen, welche Wirkung ihr Tun hat:

  • Einmal bekommen sie sonst schlicht und einfach kein Geld von irgendwelchen Spendern, Stiftungen, EU-Förderungen etc.
  • Und dann können sie das, was sie tun, auch nur rechtfertigen, wenn klar ist, welche Wirkung das hat. Sonst macht das ganze Sozialgequatsche nämlich keinen Sinn. Ich kann zwar Bier für den guten Zweck verkaufen. Wenn der Zweck davon aber gar nichts mitbekommt, sollte ich es besser selber trinken.

Und so wird bspw. über den SROI gesprochen, den Social Return on Investment.

Huhaaaa, wieder so böse Wörter. Aber es sagt: Welchen Nutzen stiftet das eingesetzte Geld? Eine – auch für Kapitalismuskritiker – mehr als berechtigte Frage.

Ja, ich weiß, ich erzähle da vielen Menschen in Organisationen der Sozialwirtschaft nicht wirklich was Neues. Auch hier steht immer die Frage, wie Mehrwert mit den eingesetzten Mitteln erzielt wird, im Vordergrund.

Gleichzeitig habe ich aber auch genug Beispiele gesehen und gehört, bei denen es nicht mehr darum ging, Mehrwert zu stiften. Es ging einzig darum, zu überleben:

Koste es, was es wolle!

Und das kann kein guter Weg sein.

Es geht darüber hinaus auch noch darum, wie ich verkaufe, welche Wirkung ich erzielt habe, wie es nach außen dargestellt wird. Vielleicht bin ich gerade in Feierlaune, was zu bezweifeln ist, hier im überfüllten ICE Richtung Norden, aber auch hier wieder:

Warum feiert sich die Soziale Arbeit so selten? Warum werden gute Ergebnisse so selten eindrücklich nach Außen präsentiert? Das passiert meist in Randbereichen, und wenn dann so, dass niemand versteht, worum es wirklich geht…

Dazu findet ihr hier übrigens ein tolle Projekt, das sich explizit der Zusammenarbeit von Sozialarbeitern und Journalisten widmet, um so die Hürden in der Außendarstellung der Sozialen Arbeit zu überwinden versucht.

Nein, einfache Sprache, große Bilder, so dass auch der letzte Journalist versteht, dass Kickerspielen mehr ist als Kickerspielen und Flüchtlinge durchaus ein Handy besitzen dürfen, um wenigstens etwas Kontakt nach Hause zu halten! Große Sachen machen, auf die Ka… klopfen! Das darf man, das dürfen andere auch! Und wir haben wenigstens allen Grund dazu!

Und darstellen kann man das Ganze dann übrigens mit Hilfe des Social Reporting Standards. Nähere Infos dazu hier.

4. Fachkräfte

Fachkraft bedeutet, dass Menschen spezifische, tiefgehende Kompetenzen auf bestimmten Gebieten aufweisen.

Menschen, die als Fachkraft bezeichnet werden, müssen brennen für ihr Thema, müssen begeistert sein, von dem, was sie tun.

Und hier – bei dieser Begeisterung – denke ich, ist es mehr als hilfreich, auf die Sozialen Unternehmer zu schauen.

Ja, warum denn das? Die haben doch keine Ahnung, von dem was sie tun, es sind oft Fachfremde, BWLer auch noch, oder Physiker oder sowas Absurdes!

Und da soll man hinschauen und sich eine Scheibe von abschneiden?

Ja! Aus meiner Sicht ist – jedenfalls bei vielen – eine Begeisterung erkennbar, ein Glauben daran, dass ihre Idee die Welt tatsächlich verändern kann.

Diese Begeisterung vermisse ich in unserem Bereich leider oft.

Kurzer Exkurs zum Thema Begeisterung? Dann schaut mal hier rein!

Aber nur wenn diese Begeisterung existiert und nach außen gebracht wird, überzeuge ich junge Leute davon, dass es sich lohnt, Fachkraft zu werden. Das es „Sinn“ macht, sich bei einer Sozialen Organisation zu engagieren. Das es wirklich um die Bewegung der Welt geht und nicht darum, zu verwalten, was niemand sonst verwalten will.

Nun gut, das ist alles sicherlich nicht abschließend und vollständig, bei längerem Nachdenken fallen einem bestimmt noch mehr Dinge ein, wie die Soziale Arbeit von den „Social Entrepreneurs“ lernen kann, habe ich oben ja schon mal hervorgehoben.

Und umgekehrt? Oder: Was können Soziale Unternehmer von der Sozialen Arbeit lernen?

Eine Frage, die in meinen Augen im aktuellen Hype um die Sozialunternehmer mehr oder weniger vergessen wird. Deswegen hier mal meine Gedanken dazu:

1. Social Entrepreneuship braucht Breite!

So lässt sich – schon bei einem kurzen Blick auf die Zahlen – festhalten, dass die Social Entrepreneurs mit ihren Angeboten kaum Menschen erreichen. Muss man – im Vergleich zur Sozialwirtschaft – einfach mal festhalten!

Es ist nett, einen Dialog im Dunkeln zu veranstalten. Da arbeiten dann einige sehbehinderte Menschen mit nicht sehbehinderten Menschen zusammen, dass ist wirklich großartig.

Aber alleine die Einrichtungen für Menschen mit Behinderung der Caritas bieten Arbeits- und Lebensbedingungen für viele tausend Menschen.

Innovative Bildungsinitiativen erreichen sicherlich einige benachteiligte Jugendliche und sind in ihrer Herangehensweise außergewöhnlich.

Aber die Organisationen und Angebote der stationären und ambulanten Jugendhilfe erreichen wiederum vielmal mehr Jugendliche, die ebenfalls Unterstützung brauchen. Und diese Einrichtungen machen eine beeindruckend komplexe Arbeit beeindruckend gut – da kann ich aus eigener Erfahrung berichten.

Das Sozialwesen ist ein enormer Sektor in unserer Gesellschaft – wohl, weil die Sozialen Probleme nicht weniger werden. 

2. Social Entrepreneurship braucht Netzwerke!

Ich mache bislang die Erfahrung, dass viele, toll klingende Angebote der so gefeierten Social Entrepreneurs ziemlich allein im Wald stehen. Da gibt es hier eine Initiative für dies, hier eine Initiative für das, hier ein Projekt, da einen smarten Typen mit einer tollen Idee.

Aber eine wirkliche Zusammenarbeit ist noch nicht zu erkennen, auch wenn die oben aufgelisteten Angebote zur Begleitung der Initiativen versuchen, die Projekte bestmöglich zu unterstützen.

Das ist in meinen Augen insofern verständlich, als dass „Social Entrepreneurship“ oft bedeutet, dass einzelne Personen gefeiert werden. Das ist seltsam, entspricht aber der Vorstellung von „Innovatoren“:

Charismatische Menschen wie bspw. Steve Jobs, der für den Mythos von Apple steht, stehen im Rampenlicht.

 

Das wird bei den Social Entrepreneurs ebenfalls versucht, macht aber wenig Sinn, wenn es um die Lösung sozialer Probleme gehen soll. Hier wäre eine deutlich stärkere Vernetzung sicherlich zielführender. Das Feiern von einzelnen Menschen erachte ich hier als eher kontraproduktiv, da die Einzelnen alleine niemals Wirkungen erzielen können wie eine breite Masse an Organisationen, die ein ähnliches Ziel verfolgen.

Übrigens: Das war bei Steve Jobs auch nicht anders! Ohne seine Mitarbeiter, seine Teams, seine Partner (und seine Konkurrenz) hätte er wahrscheinlich weiter in seiner Garage gewurschtelt…

3. Social Entrepreneurship braucht Fachkompetenz!

Wieso das denn bitte? Oben steht doch, dass alles prima ist, Fachkompetenz in allen Richtungen! Interdisziplinarität und überhaupt?

Naja, bei näherer Betrachtung basiert die geleistete Arbeit oft auf enormen Engagement und hohem Idealismus.

Hier würde sicherlich eine, zumindest grundlegende, Auseinandersetzung mit rechtlichen, soziologischen, psychologischen, sozialarbeitswissenschaftlichen etc. Herangehensweisen nicht schaden.

Die enorme, jahrzehnte- und jahrhundertelange Erfahrung der (Wissenschaft der) Sozialen Arbeit ermöglicht hier ein Spektrum, dass faszinierende Ressourcen bietet.

Wie wäre es mit fokussierten Weiterbildungen, die die Spezifika der Sozialen Arbeit auf den Punkt bringen. Kurz, knapp, knackig.

Von der staatlichen Anerkennung oder ähnlichem rede ich hier überhaupt nicht. Aber ein Geschäftsmodell für Hochschulen mit dem Angebot von Weiterbildungen? Bspw. „Einführung in die Soziale Arbeit“? Oder einzelne Module? Methoden der Sozialen Arbeit? Hochschulische Kooperationen mit Organisationen der Sozialwirtschaft und Sozialen Unternehmern?


Gibt es auch ein Fazit?

Als Fazit lässt sich festhalten, dass ein Lernen voneinander – ein Lernen der etablierten Sozialwirtschaft von den Social Entrepreneurs und umgekehrt – zu besseren Ergebnissen auf beiden Seiten führt.

Bessere Ergebnisse in der Erreichung der angestrebten Ziele, aber vielleicht sogar eine klarere Konturierung der jeweils eigenen Spezifika:

  • Was ist Soziale Arbeit?
  • Wo ist der Unterschied zu den „Sozialunternehmern“?
  • Gibt es überhaupt einen wirklichen Unterschied?
  • Und ist der Hype um die Sozialen Unternehmer berechtigt oder eher als Laubfeuer zu sehen, das schnell wieder verlöscht?

Diese Fragen lassen sich einfacher beantworten, wenn man sie in Vergleich zu anderen stellt. Und da wird es aus meiner Sicht deutlich, wo die eigenen Stärken liegen, die sich auszubauen lohnen.

Ich habe mal versucht, ein paar Beispiele von Kooperationen zwischen Kooperation der etablierten Sozialwirtschaft und dem Bereich des Social Entrepreneurships zu finden. Hier meine Liste:

Und jetzt meine Frage an Euch: Kennt ihr mehr Beispiele erfolgreicher Kooperationen zwischen Sozialer Arbeit und Sozialunternehmern? Dann immer her damit…


P.S.: Falls Ihr mehr über meine Gedanken zur Entwicklung der Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft erfahren wollt, tragt doch einfach Eure E-Mailadresse oben ein.

Ihr bekommt jeden Artikel umgehend in Euer Postfach.

13 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Konkurrenz in Organisationen der Sozialwirtschaft – macht das Sinn? – IdeeQuadrat

  2. Pingback: Coworking als Innovationsraum zur Steigerung der Innovationsfähigkeit sozialer Organisationen | IdeeQuadrat

  3. Pingback: Innovation über Intrapreneurship, oder: Warum Sozialarbeiter unternehmerisch Denken sollten! |

  4. Pingback: Soziale Arbeit? #nichtwiedudenkst |

  5. Pingback: Man kann die Welt nicht alleine verändern! Naomi Ryland von The Changer im Interview! |

  6. Pingback: Die 4 größten Hindernisse auf dem Weg zu zukunftsfähigen Organisationen der Sozialwirtschaft |

  7. Pingback: Warum ist zukunftsfähige Organisationsgestaltung gerade für Soziale Organisationen so wichtig? |

  8. Ein wirklich sehr guter Artikel. Ich denke den Weg den du angesprochen hast, ist genau der richtige. Beide Seiten können voneinander lernen und sollten ihre Erfahrungen aus den unterschiedlichen Bereichen auch nutzen, so dass beide Seiten immer “besser” werden und mehr erreichen können.

    Danke.

    • Hey Matze, aber gerne doch… Und es gibt noch so viel zu lernen 😉

  9. Hat dies auf whatamission blog rebloggt und kommentierte:
    Today an interesting article in German about how the traditional social economy can profit from social entrepreneurship and vice versa.

    • Thanks for reblog!!! And looking forward to a future collaboration, perhaps 😉

      Greetings from Freiburg

    • A pleasure – great article! There’s probably a lot to learn from the traditional social economy as well as the whole business world for social entrepreneurs and vice versa. A future collaboration would be great 🙂

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: