Bleibt hungrig! oder: Warum Ihr die Zukunft im Blick haben solltet!

 

In einem Facebook Post habe ich vor Kurzem einen ziemlichen Abriss über die Frage gelesen, ob sich ein weiterführendes Studium oder – allgemeiner – ein Studium im sozialen Bereich, überhaupt lohnt. Ich zitiere:

„Viele gehen in so ein „Studium“, in dem es viel sozio-philosophisches Bla Bla gibt, um dann in Jobs zu landen, wo sie wenig Geld verdienen und kaum was Konkretes ausrichten können. Und wenn man die Nase voll hat, hat man kaum eine Möglichkeit, in einem anderen Beruf zu arbeiten. Das wird nie erwähnt. Und so nebenbei: stinklangweilige Fächer, und Praktika auf dem Jugendamt, Erziehungsheim und Jugendknast. Wow, toll. Da träumt doch jeder von. Spaß pur.“

Der Abriss geht weiter:

„Dieses „manchmal positives bewirken“ ist der Knackpunkt bei Sozialen Berufen: Man weiß, man kann eigentlich gar nichts ändern, tut sich das Elend von Menschen trotzdem an, und bekommt vielleicht noch einen Tritt in den Hintern als „Dankeschön“. Naja, schön für Sie, dass Sie gute Erfahrungen mit diesem „Beruf“ gemacht haben. Viele andere tun diese nicht, denn der Job ist sehr undankbar, und man (jedenfalls ich) kommt an einen Punkt, wo man sich fragt: Warum mache ich das eigentlich?“

Schlechte Erfahrungen

Keine Frage, das sind Verallgemeinerungen, ohne wirkliche Grundlage. Subjektiv dargestellte, wahrscheinlich mehr als schlechte Erfahrungen mit dem „Sozialwesen“.

Allerdings, und das hat mich zum nachdenken gebracht, lässt sich auch ein wahrer Kern identifizieren. Dieser wahre Kern ergibt sich durch die in meiner Master-Thesis näher analysierten Veränderungen, denen sich das Sozialwesen oder konkreter die Organisationen der sozialwirtschaft gegenüber sehen.

Ich habe diese Veränderungen in vorhergehenden Beiträgen bereits eher subjektiv beschrieben und komme inzwischen zu der Feststellung, dass ich mit meinen Beschreibungen von damals nicht ganz falsch sondern  beängstigend richtig gelegen habe.

Was kommt da auf uns zu?

Die Veränderungen, denen sich Organisationen der Sozialwirtschaft gegenüber sehen, lassen sich grob in allgemein, gesellschaftliche Veränderungen und spezifische Veränderungen für Organisationen der Sozialwirtschaft unterteilen:

Es lassen sich gesellschaftliche ebenso wie technologische Entwicklungen – sog. Megatrends – erkennen, die schon jetzt und zukünftig verstärkt Einfluss auf die Arbeit in Organisationen und damit auch auf Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft haben. In einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung aus dem Jahr 2013 wurden bspw. die folgenden Megatrends hinsichtlich ihres Einflusses auf die Veränderung der Arbeit untersucht:

  • Globalisierung
  • Digitalisierung
  • Individualisierung
  • Feminisierung
  • Wertewandel .

Hinzuzufügen ist aus meiner Sicht noch eine zunehmende Flexibilisierung der Lebensentwürfe.

Wenn die betrachteten „Megatrends“ zusammengenommen und in Bezug gesetzt werden zu den Entwicklungen von Organisationen der Sozialwirtschaft wird deutlich, dass sich diese Organisationen den Entwicklungen nicht entziehen können. Große, gesellschaftsverändernde Entwicklungen wie die Digitalisierung oder die Globalisierung verändern zwangsläufig auch die Art der Zusammenarbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft, die sich den Themen nicht entziehen können.

Schon jetzt die Zukunft im Blick haben!

Weitergehend ist bezogen auf weniger offensichtliche Megatrends, angefangen von der Flexibilisierung über Individualisierung bis hin zu Feminisierung oder dem Wertewandel, zu konstatieren, dass die Organisationen der Sozialwirtschaft von diesen Entwicklungen betroffen sein werden. Entsprechend müssen sich die Organisationen der Sozialwirtschaft auf sich verändernde Bedingungen schon jetzt einstellen und Strategien entwickeln, wie die Sicherstellung des Zwecks der Organisationen auch unter sich verändernden Rahmenbedingungen sichergestellt werden kann.

Allerdings ist auffällig, dass eine Behandlung der Megatrends mit einem spezifischen Bezug zur Sozialwirtschaft und den Auswirkungen dieser Trends auf die Arbeit in den Organisationen der Sozialwirtschaft bislang kaum stattfindet.

Spezifische Herausforderungen für Organisationen der Sozialwirtschaft

Neben den beschriebenen gesamtgesellschaftlichen Megatrends, die Veränderungen in den Organisationen der Sozialwirtschaft notwendig werden lassen, kommen spezifische Herausforderungen hinzu, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen. Die spezifischen Herausforderungen für Organisationen der Sozialwirtschaft lassen sich grob zwischen den mit der Ökonomisierung sozialer Dienste auf der einen Seite und den mit dem demografischen Wandel einhergehenden Herausforderungen auf der anderen Seite unterteilen.

Unter der Ökonomisierung lassen sich – mit einer negativ angehauchten Konnotation – insbesondere „anhaltende Restrukturierungs- und Regulierungsprozesse sowie fortwährender Kosten- und Wettbewerbsdruck“ (Becke/Bleses, 2016a, 4) fassen, wohingegen der demografische Wandel die Sozialwirtschaft von zwei Seiten, durch steigende Anforderungen aufgrund einer alternden Gesellschaft ebenso wie durch eine verringerte Zahl nachkommender Beschäftigter auf der betrifft.

Und weiter geht es mit der Privatisierung, neuen Qualitätsanforderungen, demografischen Entwicklungen, verschlechterten Arbeitsbedingungen, Versorgungsengpässen in ländlichen Regionen und insgesamt starren Grenzen zwischen den einzelnen Systemen.

Noch mehr Zukunft, die im Blick zu halten ist!

Der Blick auf die spezifischen Herausforderungen zeigt, dass schon allein aufgrund dessen dringender Handlungsbedarf für Organisationen der Sozialwirtschaft besteht, neue Wege zu gehen.

Zu einer wirklichen Herausforderung für Organisationen der Sozialwirtschaft wird es jedoch dann, wenn zusätzlich gesamtgesellschaftliche „Megatrends“ betrachtet werden. Die Globalisierung oder die Digitalisierung, Megatrends wie der Wertewandel, Feminisierung oder Individualisierung zeigen zwar keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Organisationen der Sozialwirtschaft.

Dies verleitet dazu, sich „in seinem eigenen Saft“ zu drehen und die größeren Entwicklungen zu ignorieren. Ohne eine Betrachtung dieser gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen jedoch ist eine zielführende Herangehensweise an die sich für Organisationen der Sozialwirtschaft schon jetzt und zukünftig verstärkt ergebenden Herausforderungen nicht möglich.

Organisationen der Sozialwirtschaft sind somit gefordert, innovative Wege und Möglichkeiten zu entdecken und umzusetzen, um aus eigenem Antrieb den oben beschriebenen Herausforderungen begegnen zu können. Erst wenn die Organisationen überzeugende Antworten auf die sich stellenden Herausforderungen liefern, wird es möglich, auch neue Forderungen an die Politik zu stellen. Die Verantwortung der Organisationen ist damit gefordert.

Ein Teufelskreis?

Noch einmal kurz zum Mitschreiben:

  • Gesellschaftliche Veränderungen zwingen (auch) Organisationen der Sozialwirtschaft dazu, sich anzupassen.
  • Hinzu kommen spezifische Entwicklungen in der Sozialwirtschaft, die schon jetzt und zukünftig verstärkt zu enormen Herausforderungen werden.
  • Wenn es den Organisationen der Sozialwirtschaft nicht gelingt, sich proaktiv mit den Veränderungen auseinanderzusetzen, entsteht ein Teufelskreis, der – wenn überhaupt – nur sehr schwer zu durchbrechen ist.

Und was macht jetzt der Hunger?

Steve Jobs, schon wieder. Neoliberaler Scheiß in einem Artikel über Soziale Arbeit! Nachtigall, ick hör dir trapsen!

Wenn man die Entwicklungen in der Sozialwirtschaft von außen betrachtet, vor allem aber, wenn man in der alltäglichen Arbeit die Auswirkungen der sich verändernden Umstände tagtäglich zu spüren bekommt, können schnell und berechtigt Zweifel aufkommen, warum man den Job gewählt hat, den man da jeden Tag ausfüllt.

Die zu Beginn geschilderte Facebook-Äußerung ist damit nicht ganz weit hergeholt. Es stellt sich Frustration ein: Die Organisation ist Mist, ich kann sowieso nichts bewegen, es macht alles keinen Sinn usw.

Beobachtet genau, wie es Euch gerade geht. Und bleibt hungrig!

Versucht Euch nicht, „zufrieden zu geben“ mit den Gegebenheiten. Es ist nichts alternativlos. Aber die Umsetzung innovativer Wege der Umgestaltung Sozialer Arbeit hin zu ihrem eigentlichen Kern braucht einen enormen Hunger! Werdet nicht satt!

Kleiner Nachtrag: 

Gestern wurde ich nach dem Mehrwert gefragt, den der Artikel hier bietet. Das ist eine spannende Frage, da ich doch hoffe, mit meinen Beiträgen immer einen Mehrwert zu liefern, zumindest für den ein oder anderen und manchmal sogar nur für mich.

Der Mehrwert dieses Beitrags liegt in meinen Augen vor allem darin, zu erkennen, dass die sich ergebenden Veränderungen in einer Komplexität auftreten, bei der es – wie es für Komplexität üblich – keine einfache Lösung geben kann. Für Organisationen der Sozialwirtschaft ist in meinen Augen relevant, die Entwicklungen zu beobachten und proaktiv mit diesen Veränderungen umzugehen. Und für die Beschäftigten in der Sozialen Arbeit heißt es, sich trotz der Veränderungen nicht vom Sozialen Bereich abzuwenden, sondern diesen verantwortlich mitzugestalten. So bieten sich gleichzeitig enorme Chancen, wirklich weiter zu kommen…


Übrigens lassen sich die oben beschriebenen Trends und Entwicklungen  wunderbar ausbuchstabieren und in Bezug zu Veränderungen der Sozialwirtschaft setzen. Das würde jedoch den Rahmen dieses Blogposts sprengen.

Falls Ihr oder Eure Organisation aber Interesse habt, genauer zu erfahren, was sich hinter den Begriffen verbirgt und welche Auswirkungen damit für die Sozialwirtschaft insgesamt und spezifisch Eure Organisation einhergehen, nehmt Kontakt auf. Gerne können wir uns in ungezwungener Runde und vor allem zugeschnitten auf Eure Organisation einmal dazu austauschen.

Falls Ihr ansonsten mehr über meine Gedanken zur Entwicklung der Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft erfahren wollt, tragt doch einfach Eure E-Mailadresse oben ein.

Ihr bekommt jeden neuen Artikel umgehend in Euer Postfach.

Oder Ihr schaut mal auf Facebook vorbei! Über ein “like” freu ich mich (und ein paar hoffentlich spannende Links gibt’s dazu)…

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  4. Liebe Anna-Lena,

    das meine ich: Das Sozialwesen (sehr sehr allgemein…) läuft Gefahr, auch die im Artikel geschilderten Veränderungen mit Maßnahmen zu reagieren, die in Profit-Organisationen schon längst wieder abgeschafft wurden. Es werden Hierarchien eingezogen, es werden Kennzahlen Systeme etabliert, es wird QM gemacht, dass es kracht… Alles in der Hoffnung, damit den sich verändernden, immer komplexer werdenden Bedingungen zu begegnen. Das ist in meinen Augen ein kompletter Irrweg, der dahin führt, dass engagierte Menschen den Bereich verlassen. Hier bedarf es eines Umdenkens: Was sind die Spezifika Sozialer Arbeit? Wie lassen sich diese in einer ökonomisch sinnvollen und damit effizienten und effektiven Art und Weise unterstützen? Und: wie lässt sich wirklicher Mehrwert für die Menschen, die mit Sozialer Arbeit zu tun haben, schaffen?

    Ich bin gespannt, ob das Umdenken gelingt, oder ob wirklich andere Professionen unsere Arbeit und Organisationen bestimmen…

    Heieiei, kein einfaches Thema…

    Dir trotzdem einen guten Sonntag…

    Hendrik

  5. Der Begriff Sozial-Wirtschaft stört mich als erstes. Wirtschaft ist für mich oft mit Macht und Geld verbunden.
    In der Sozialarbeit werden Fachkräfte gebraucht und zwar solche, die sich dazu berufen fühlen, die mit Herzblut an ihre Arbeit gehen. Alles andere kann sehr schnell un-sozial werden und als Job zum Gelderwerb betrachtet werden.

    • Hey,

      danke für Deinen Kommentar. Aber ganz ehrlich: Die Ablehnung, dass es im Sozialen Bereich um einen wirtschaftlich enorm bedeutsamen Teil der Wirtschaft handelt, führt zu den Problemen, die wir haben. Viel eher muss es in meinen Augen doch um eine Integration der komplexen Spezifika Sozialer Arbeit (und den darin agierenden Menschen und Organisationen) mit den Anforderungen an gute, und damit auch wirtschaftlich sinnvolle Arbeit gehen, oder?

      LG

      Hendrik

    • Natürlich hast du recht. Ich bin gerade einfach nur etwas abgegessen, denn wirtschaftlich ist alles um uns herum, alles dreht sich um Geld und Macht, auch in der Flüchtlingsdebatte.
      Ich habe selbst im sozialen Bereich gearbeitet, mit Herzblut und hatte Menschen um mich, die sich auch engagiert haben mit ihrem eigenen Herzblut.

      LG Anna-Lena (die vielleicht heute mal wieder der einen oder anderen Illusion hinterhertrauert 😉 ) .

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