Coworking als Innovationsraum zur Steigerung der Innovationsfähigkeit sozialer Organisationen

Irgendwie fasziniert mich dieses „Coworking“ ja. Die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit anderen, motivierten, engagierten Menschen, die Wege beschreiten , die (noch) nicht zum Normalen unserer Arbeitswelt gehören. Soloselbständige, Webentwickler, StartUps, zusammen an einem Ort, mit dem Zweck der Vernetzung und dem gegenseitigen Befruchten neuer, guter Ideen.

Die Frage ist, ob und inwieweit die Möglichkeiten des Coworkings auf die „klassische“ Soziale Arbeit übertragen werden können? (zum Unterschied zwischen klassischer Sozialer Arbeit und Social Entrepreneurship könnt Ihr hier einen kleinen Beitrag lesen).

Dazu vorab kurz zu der Frage, was Coworking denn eigentlich ist.

Was ist Coworking?

Coworking lässt sich – ganz kurz zusammengefasst – als eine Entwicklung im Bereich neue Arbeitsformen bezeichnen. “Freiberufler, Kreative, kleinere Startups oder digitale Nomaden arbeiten dabei zugleich in meist größeren, offenen Räumen und können auf diese Weise voneinander profitieren. Sie können unabhängig voneinander agieren und in unterschiedlichen Firmen und Projekten aktiv sein, oder auch gemeinsam Projekte verwirklichen und Hilfe sowie neue Mitstreiter finden.“

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„Coworking Spaces“ (unter https://www.coworking.de/ findet sich übrigens eine ganz nette, wenn auch nicht vollständige Übersicht über Coworking-Spaces in Eurer Umgebung) stellen Arbeitsplätze und Infrastruktur (Netzwerk, Drucker, Scanner, Fax, Telefon, Beamer, Besprechungsräume) zeitlich befristet zur Verfügung und ermöglichen die Bildung einer Gemeinschaft („Community“), welche mittels gemeinsamer Veranstaltungen, Workshops und weiterer Aktivitäten gestärkt werden kann. Dabei bleibt die Nutzung jedoch stets unverbindlich und zeitlich flexibel.

Man sieht, dass sich die Spaces weitgehend auf größere Städte verteilen, auch wenn die Karte – wie gesagt- nicht ganz vollständig ist. In Freiburg bspw. fehlt der Grünhof. Dazu aber später noch ein wenig mehr…

Eine ganz lustige Übersicht über die Geschichte des Coworking findet sich übrigens hier! Man sieht, dass die Geschichte (theoretisch jedenfalls) bis ins Jahr 1628 zurückverfolgt werden kann.

Aktuelle Entwicklungen deuten darauf hin, dass der Trend alles andere als vorbei zu sein scheint: “62% aller Coworking Spaces möchten in diesem Jahr ihre Räume erweitern oder weitere eröffnen, etwas mehr als bei der letzten Erhebung. Wie in jedem Jahr plant etwas mehr als jeder dritte (36%) mindestens einen weiteren Standort. Anders als vor zwei Jahren nimmt der Anteil der Coworking Spaces, die ihre bisherigen Räume ausbauen (27%) oder in größere Standorte umziehen (12%) allerdings spürbar zu.“ http://www.deskmag.com/de/coworking-spaces-vorhersage-umfrage-statistik-2016

Hier habt ihr noch ein paar spannende Links, für diejenigen, die sich näher damit beschäftigen wollen:

Fehlende Innovationsräume als wesentliche Innovationsbarriere sozialer Organisationen

Jetzt verfasse ich gerade meine Master-Thesis zur Thematik, wie die Innovationsfähigkeit in Organisationen der Sozialwirtschaft gesteigert werden kann, obwohl begrenzende Rahmenbedingungen vorliegen. Ich habe die begrenzenden Rahmenbedingungen als „Innovationsbarrieren“ bezeichnet, vor allem unter dem Denken, dass Barrieren überwunden werden können.

Innovationsbarrieren lassen sich auf unterschiedlichsten Ebenen und in unterschiedlichsten Bereichen von Organisationen der Sozialwirtschaft finden. Es ist wohl wenig überraschend, dass die Finanzierungslogiken sozialer Organisationen bspw. als eine bedeutende Innovationsbarriere anzusehen ist.

Eine weitere wesentliche Innovationsbarriere lässt sich im Fehlen von „Innovationsräumen“ festmachen. Unter Innovationsräumen verstehe ich zeitliche und räumliche Möglichkeiten, in denen sich innovationsorientierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Organisationen der Sozialwirtschaft geschützt Innovationen widmen können.

So lässt sich als eine der Bedingungsfaktoren für gelingende Innovationen festmachen, dass Zeiten, Räume oder einfach Möglichkeiten gegeben sein müssen, Ideen oder Annahmen zu testen, zu entwickeln, zu überarbeiten, zu ändern und auf die eigentlichen Bedürfnisse der Zielgruppe (die nicht unbedingt die Nutzer der sozialen Dienstleistungen sein muss) anzupassen. Es bedarf Räume und Zeiten, in denen Fehler nicht als Scheitern, sondern als Lernmöglichkeiten gesehen werden. Es bedarf Räume, die zum Experimentieren ausgelegt sind.

Sabine Depew schreibt in einem lesenswerten Beitrag, dass die Sozialwirtschaft doch einfach ein „Lab“ gründen sollte. Das ist – auch in meinen Augen – eine großartige Überlegung, wie Innovation in der Sozialwirtschaft vorangetrieben werden kann. Ein „Social Innovation Lab“ kann Anregung und Möglichkeiten eröffnen, neu über in der Sozialwirtschaft teilweise sehr festgefahrene Annahmen und Denkweisen zu reflektieren. Ein „Social Innovation Lab“ kann neue Wege in der Lösung sozialer Probleme aufzeigen und Pilotprojekte initiieren. Ein „Social Innovation Lab“ kann unterschiedliche Player der Sozialwirtschaft, Hochschulen, Praktiker, große und kleine Träger sozialer Organisationen mit dem Zweck der Innovation zusammenbringen. Sabine schreibt dazu:

Es braucht digital und analog einen Ort, wo Trends beobachtet, neue Technologien entwickelt und soziale Innovationen erprobt und erforscht werden. Die Zeit ist reif.

Yes, mehr als Zustimmung!

Aber:

Ein  „Social Innovation Lab“ ist eben zunächst einmal, rein quantitativ, nur „ein” Social Innovation Lab (auch wenn es spannende, digitale Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt). In meinen Augen könnte es mit einem “Think Tank Sozialwirtschaft” verglichen werden.

Die Landschaft der Angebote, Träger und Organisationen der Sozialwirtschaft ist jedoch extrem diversifiziert. Entsprechend sind die Bedarfe, Möglichkeiten und Herausforderungen der unterschiedlichen Organisationen ebenfalls enorm vielfältig: Ein in ländlichen Strukturen eingebetteter Caritasverband hat andere Bedarfe, muss mit anderen Herausforderungen umgehen, als ein in einer großstädtischen Struktur etablierter Träger verschiedener Einrichtungen der stationären Jugendhilfe. Die Arbeitsfelder der Pflege und der Kinderbetreuung unterscheiden sich hinsichtlich ihrer inhaltlichen Ausrichtung und der Notwendigkeiten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Nutzerinnen und Nutzer und anderer Stakeholder teilweise gravierend voneinander. Die Vielfalt der Sozialen Arbeit schlägt sich hier nieder. Die damit einhergehenden Probleme für die Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit sollten jedem Sozialarbeiter geläufig sein, sind in der Praxis jedoch weniger relevant.

Relevant ist da eher die Lösung der Herausforderungen der jeweiligen Organisation, des jeweiligen Trägers bzw. der jeweiligen Zielgruppe. Innovation kann und muss also immer rückzubinden sein in die Praxis, in die tägliche Arbeit. Innovation als Selbstzweck ist zumindest Blödsinn, wenn nicht sogar gefährlich.

Nutzung von Coworking als Lösung? 

Und hier kann – so jedenfalls meine These – die Nutzung von bereits existierenden Coworking-Spaces denkbar werden!

Dazu nur ein paar Fragen, die jede(r) für sich beantworten kann:

  • Wie wäre es, wenn sich die Sozialen Organisationen auf die Suche nach in der Nähe befindlichen Coworking-Spaces machen?
  • Wie wäre es, wenn man – bspw. als Caritas-Verband – einen oder zwei Schreibtische in einem Coworking-Space fest anmietet?
  • Wie wäre es, wenn man Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die wirklich gute Ideen haben, für einen bestimmten Zeitraum die Nutzung der Schreibtische freistellen würde?
  • Wie wäre es, wenn man die Räumlichkeiten der Coworking-Spaces als Experimentierraum für Innovation nutzen würde?
  • Wie wäre es, wenn man in den Coworking-Spaces mit völlig anderen, von der Sozialwirtschaft teilweise weit entfernten Querdenkern (aus anderen Disziplinen) zusammenarbeiten würde?
  • Der Sozialarbeiter mit dem Webentwickler?
  • Die Pflegekraft mit dem Foodtruck-Gründer?

Noch einmal zur Wiederholung:

Der Zweck von Coworking Spaces besteht darin, in meist größeren, offenen Räumen zusammenzuarbeiten und auf diese Weise voneinander zu profitieren. Als wesentliche Werte des Coworkings nennt Wikipedia Offenheit, Kollaboration, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Zugänglichkeit. Das passt doch großartig, wenn man an den Möglichkeiten für innovatives Arbeiten überlegt. Gemeinsam Projekte verwirklichen und Hilfe sowie neue Mitstreiter finden! Was will man mehr, wenn man versucht, seine Ideen zu testen und in das Lebens überführen?

Spannend wäre, wie gesagt, ein Versuch. Falls Ihr also jemanden kennt, der jemanden kennt, eine Organisation, Projekte der Sozialwirtschaft oder ähnliches, die versuchen, mithilfe des Coworkings neue Wege zu gehen, immer her damit.

COWorking

Abschließend noch ein paar kurze Überlegungen zu einer aktuell immer stärker diskutierten Frage:

Kann Coworking in ländlichen Regionen dazu genutzt werden, regionale Strukturen zu stärken?

Bislang – wie gesagt – befinden sich die meisten Coworking Spaces in größeren Städten (Berlin wollte ich jetzt nicht schreiben…). Aber welcher Nutzen kann von Coworking Spaces ausgehen, die sich in ländlichen Regionen ansiedeln?

Unter http://www.xpolitics.de/2012/01/16/coworking-ein-thema-fur-den-landlichen-raum/ findet Ihr dazu einen tollen Beitrag, der zwar nicht mehr ganz neu, gleichzeitig aber mehr als aktuell ist:

“Die Möglichkeiten, die sich aus mehr Flexibilität im Arbeitsleben ergeben, betreffen nicht nur den Einzelnen, sondern erlauben eine komplett neue Organisationsform von Familie und Gesellschaft. Auch und gerade in ländlichen Gegenden. Für normal Berufstätige ist das Leben hier herausfordernd. Vor Ort sind nicht viele Jobs und die tägliche Pendelei in die nächste Großstadt kostet viel Geld, Zeit und Nerven.

Für das Privatleben bleibt für Pendler nicht mehr viel übrig. Zurück in klassische Rollenbilder – der Mann im Büro, die Frau bei der Familie – wollen aber gerade junge Paare nicht und können es oft auch nicht, da beide Elternteile berufstätig sind.“

Ja, da kann ich mich ganz persönlich wiederfinden. So verbringe ich aktuell täglich etwa 1,5 Stunden (mehr oder weniger) sinnlos im Zug auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle und zurück.

Spannend für unser Thema – Coworking als Innovationsraum für Organisationen der Sozialwirtschaft – ist die obige Feststellung, dass die Bedarfe, Möglichkeiten und Herausforderungen der unterschiedlichen Organisationen in unterschiedlichen Umgebungen und Strukturen ebenfalls enorm vielfältig sind.

Wie wäre es also, wenn Organisationen der Sozialwirtschaft nicht nur existierende Coworking Spaces nutzen, sondern diese aktiv gestalten, wenn nicht sogar neu gründen und als Träger fungieren? Die angeführten Coworking-Werte sind in meinen Augen mehr als passend, um keinen Konflikt zu Werten der Organisationen der Sozialwirtschaft zu generieren.

Vielleicht noch etwas weit gedacht, aber die Grundüberlegung finde ich mehr als spannend…

Was meint Ihr?

 

 

 

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  4. Ach stimmt, da war ja während meines Urlaubs noch dieser Beitrag mit einem Aber… 😀 Aus dem wird vielleicht ein “und”, wenn dieser Artikel hinzu genommen wird: https://zeitzuteilen.Wordpress.com/2016/05/10/digitale-transformation/ In beiden Beiträgen habe ich zum Ausdruck gebracht, dass die Digitalisierung ein Beschleuniger eines dringend notwendigen Kulturwandels ist. Jedoch stehen die Verbände erst am Anfang. Die Digitalisierung wird langsam als nützlich erkannt und sie wird weitere dringend notwendige Reformen nach sich ziehen. Coworking ist eine super Sache. Sascha Foerster und Johannes Mirus zeigen auf Snapchat beinahe täglich, was dort möglich ist. Toll!

    • Hey und welcome back in the digital Alltag! 😉 Hoffe erholt?! Aber deinen Beiträgen nach zu urteilen muss es eine tolle Zeit gewesen sein?! Danke für Deinen Kommentar und ja, ein und wird sollte – wie so oft – die Lösung sein… Bin gespannt, was sich entwickelt… Die Zeiten stehen jedenfalls gut, wenn wir es gut gestalten…

  5. Hat dies auf mampels welt rebloggt und kommentierte:
    Hendrik Epe mal wieder…… An dem Thema arbeiten wir hier auch gerade – und es würde mich sehr interessieren, wie andere KollegInnen aus sozialwirtschaftlichen Unternehmen und Organisationen das Thema einschätzen und welche Erwartungen und Hoffnungen sie ggf. an ein solches Coworking-Konzept stellen würden……

  6. Pingback: Coworking Spaces in der sozialen Arbeit? | Förderband Nachhaltigkeit

  7. Für Social Entrepreneure gibt es die wunderbaren Social Impact Labs (z.B. in Berlin und Leipzig und Köln) http://socialimpact.eu/lab, in München erfüllt der HUB glaube ich eine ähnliche Funktion. Daneben gibt es noch ein paar andere Coworking Spaces, die gezielt soziale Innovationen fördern und nicht “nur” Raum, sondern auch Netzwerk, Wissen und Mentoring und Coaching für Gründer aus dem sozialen Bereich bieten. Leider fühlt sich die klassische soziale Arbeit vom Schlagwort Social Entrepreneurship in der Regel meistens nicht angesprochen. Die Sache mit dem Entrepreneur und dem Businessplan scheint wohl zu wirtschaftlich, obwohl ja auch die Träger der Sozialwirtschaft heutzutage kostensdeckend “wirtschaften” müssen.
    Hinzu kommt wohl, dass sie in diesen Coworking Spaces in der Regel die Newcomer rumdrücken. Wer es geschafft hat mit seiner Idee, nimmt sich aus irgendwelchen Gründen ein eigenes Büro.
    Ich denke, wichtig sind vor allem Innovationsräume innerhalb der Organisationen. Die MA sind ja meistens die Experten für ihr spezifizsches Aufgabenfeld. Sie kennen die Probleme am besten. Jetzt muss man ihnen nur noch den Raum, die Techniken und die Verantwortung dafür in die Hand geben, selbst Lösungen zu entwickeln. Und dann braucht es natürlich das Netzwerk und damit den Einfluss (was meistens die Führungskraft hat) zur Umsetzung.

    • Hey Antonia,

      danke für deine Rückmeldung. Ja, im Bereich Social Entrepreneurship ist das Coworking gang und gäbe. Aber in meinen Augen besteht eben ein ziemlicher Unterschied zwischen beiden Bereichen. Ich habe meinen Beitrag noch um den Link ergänzt, in dem ich beschreibe, was beide Bereiche voneinander lernen können. Vielleicht macht es das ein wenig klarer?

      Liebe Grüße

      Hendrik

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