Die 14 wichtigsten Kompetenzen für Soziale Arbeit und was das mit der Zukunft der Gesellschaft zu tun hat

15105597771_078e1a6a7d_zDie Welt ist verrückt.

Welch wahnsinnig toller Eingangssatz.

Wahrscheinlich finden sich viele Menschen, die mich in dieser Einschätzung unterstützen. Wir können uns umschauen, sozusagen eine 360 Grad-Perspektive einnehmen, wie es in vielen Bereichen so schön heißt. Und wir sehen überall Dinge, die sich unserer „Steuerung“ entziehen. Angefangen von unüberschaubaren klimatischen Veränderungen über Wirtschaftskrisen, die für den einzelnen überhaupt nicht mehr verstehbar sind bis hin zu – ganz aktuell – den Herausforderungen, die Flüchtlingsströme mit sich bringen.

Kontrollierbar? Keinen Meter!

Aktuell finde ich das Beispiel von VW immer noch sehr passend: Da werden Regelungen, Grenzwerte, aufgestellt, die einzuhalten sind. Da man als Megakonzern, der 100 Tausende von Beschäftigten umfasst, nicht mehr flexibel reagieren kann, um wirklich Neues zu schaffen, muss versucht werden, die Grenzwerte mit den vorhandenen Mitteln einzuhalten. Das klappt so lange so gut, bis jemand merkt, dass man die Grenzwerte nur einhält, weil man betrügt.

Völlig an der eigentlich angedachten Sache vorbei: Umweltschutz steht auf der Homepage. Die Realität existiert jedoch nur mit Betrug.

Jetzt stellt sich aber die Frage, ob die Welt wirklich so verrückt geworden ist, oder ob sich einfach nur ein paar Bedingungen geändert haben? So war es bis vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten wirklich noch möglich, zu planen, Strategien zu entwickeln und diese dann auch – dem Plan entsprechend – einzuhalten. Das hat sich radikal verändert. Insbesondere durch Globalisierungsbewegungen – die Welt ist ein Dorf – und die Digitalisierung ist alles mit allem irgendwie vernetzt, eng verbunden, nicht allein zu betrachten.

Hier hat das amerikanische Militär versucht, die dynamischen Entwicklungen mit dem Begriff VUCA auf einen Nenner zu bringen.

VUCA? Was ist das bitte?

VUCA bedeutet, dass die Welt in der wir leben, immer unberechenbarer (volatil), unsicherer, komplexer und ambivalenter (widersprüchlicher) wird. Was heißt das im einzelnen?

Volatil oder unberechenbar?

Volatil meint, dass die Veränderungen, mit denen wir umgehen müssen, im Gegensatz zu früheren Veränderungen, oft völlig unvorhersehbar sind und damit plötzlich, eben unberechenbar, „über uns hereinbrechen“. Beispielhaft sei wiederum auf die Flüchtlingskrise verwiesen: Wer hat absehen können, dass die Probleme in so kurzer Zeit so extreme Ausnahmen annehmen? Angefangen von den Idioten, die sich bei Bewegungen wie Pegida anschließen über die Frage, wie Integration gelingen soll bis hin zu wirklich existenziellen Fragen: Wann stirbt das erste Kind an einer deutschen Grenze, weil die Kapazitäten einfach erschöpft sind? Und vor einem Jahr? Da haben vielleicht ein paar Wissenschaftler oder Politiker besorgte Worte an besorgte Bürger gerichtet. Mehr aber nicht. Mehr oder weniger unvorhergesehen. Oder die Wirtschaftskrise, die wir alles andere als überwunden haben: Plötzlich brach eine Bank zusammen und hat unvorhersehbare, weltweite Entwicklungen ausgelöst, die von heute auf morgen bis hin zu Staatspleiten führte.

Unsicher?

Ja, sicher, unsicher! Was passiert morgen? Was passiert übermorgen? Werde ich meinen Job behalten? Werde ich in der Stadt wohnen bleiben, in der ich heute wohne? Werde ich mit meiner Frau zusammenbleiben? Was werden einmal meine Kinder machen? Was passiert mit meiner Arbeitsstelle? Wer bestimmt über das Schicksal? Was, also bitte, ist sicher? Genau, nichts (mehr). Das war früher tatsächlich einmal anders. Die generationenübergreifenden Karrieren gibt es heute nicht mehr, früher schon noch. Ich denke da bspw. an die „Opelaner„. Ja, da war unsa Oppa schon bei Oppel. Und Vadda auch! Und ich auch, natürlich. Bis das Werk mal eben so schließt.

Komplex?

Komplex sind Systeme, wenn sie nicht kompliziert sind. Ein Computer ist kompliziert. Verdammt kompliziert sogar. Aber er ist beherrschbar, steuerbar: Wenn ich Teil X austausche, dann passiert Y. Immer, wiederholbar, vorhersagbar, eindeutig. Komplexe Systeme aber funktionieren völlig anders: Wenn ich hier etwas ändere, passiert irgendwas. Ich kann aber nicht vorhersagen, was passiert. Wenn Cheffe also eine Mitarbeiterbefragung zur Zufriedenheit im Unternehmen ansetzt, passiert etwas. Das ist unausweichlich. Was aber passiert? Keine Ahnung. Mitarbeiterbefragung kann positiv aufgenommen werden („endlich kümmert sich mal jemand“), was dann zu einer vielleicht anderen Unternehmenskultur wird. Mitarbeiterbefragung kann aber auch genauso dazu führen, dass das Mißtrauen steigt: Um was geht es? Was will Cheffe mit den Ergebnissen? Entlassungen? Man kann sich viele Beispiele ausdenken, in denen Systeme nicht so reagieren, wie durch den „Impulsgeber“ beabsichtigt. Übrigens lassen sich hieraus spannende Fragen an das Management von Unternehmen stellen. Schaut doch mal in diesen kleinen Beitrag zum Thema „Systemtheorie“. Lohnt sich.

Ambivalent?

Das heißt: Widersprüchlich. Wenn ich das eine tue, bewirke ich damit auf der anderen Seite etwas genau Gegenteiliges.

Und jetzt? Stehen wir vor einer Welt, die nicht mehr zu beherrschen ist? Beherrschen? Komisches Wort.

VUCA und Soziale Arbeit

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass sich Menschen in der Sozialen Arbeit schon immer mit einer VUCA-Welt auseinandersetzen mussten.

Volatilität oder plötzliche Veränderungen? Wenn ich allein an die Jugendlichen denke, mit denen ich einen Teil meines bisherigen Arbeitslebens verbracht habe, da waren plötzliche Veränderungen an der Tagesordnung. Eben habe ich noch Fussball geschaut und eine Minute später steht die Polizei in der Bude und durchsucht die Zimmer der Jungs nach verbotenen Mittelchen. Eben noch lief es in der Schule gut, dann macht die Freundin Schluss und kurze Zeit später kann ich die Jungs in die Psychiatrie begleiten. Vorhersehbar? Keinen Meter. Die eindrücklichen Schilderungen des Umgangs mit plötzlichen Veränderungen bezogen auf die Unterbringung von Flüchtlingen, die Thomas Mampel aus Berlin schildert, sprechen eine ähnliche Sprache: Heute ruhig und geregelt. Und morgen? Und nächstes Jahr?

Unsicherheit? Naja, da muss ich nicht viel zu sagen. Mit Unsicherheit gehen wir immer und auf verschiedenen Ebenen um: Persönlich befinden sich (leider) viele Beschäftigte der Sozialen Arbeit in mehr oder weniger unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Und gleichzeitig gehen sie noch mit völlig unsicheren Arbeitskontexten um. Die Mitarbeiter des ASD gehen in eine Familie und müssen auf völlig unsicherer Basis entscheiden, wie mit dem Kind zu verfahren ist. Wenn es schief geht aka. das Kind stirbt kommen Fragen nach Verantwortung, nach den Schuldigen. Es Werden Regeln aufgestellt für Dinge, die nicht zu regeln sind. Qualitätsmanagement nur mal als ein Stichwort.

Komplex, dass habe ich hier schon öfter betont, sind die Systeme in denen sich Soziale Arbeit bewegt, immer (zumindest fast immer). So kann ich – mit Blick bspw. auf einen Jugendlichen – nie sagen, welches Ergebnis meine Intervention direkt hat. Meine Intervention, mein professionelles Handeln, ist gut. Aber kann ich nach zwanzig Jahren sagen, dass die erlebnispädagogischen Einheiten im Kanu in Frankreich dazu geführt haben, dass der Mensch so und so einen Weg eingeschlagen hat? Nie kann ich das! Mein Impuls war vielleicht ein Anstoß, in eine neue Richtung zu denken. Mehr aber auch nicht.

Und mit Widersprüchlichkeit muss sich Soziale Arbeit von Beginn an auseinandersetzen: Hier muss nur auf das doppelte (oder dreifache) Mandat Sozialer Arbeit verwiesen werden: Professionelle der Sozialen Arbeit „sind also den Bedürfnissen des Individuums sowie der Mikrosysteme genauso verpflichtet wie den Bedingungen des staatlichen Rechtssystems oder der aktuellen Sozialpolitik. Als drittes sind sie außerdem der eigenen Profession verpflichtet„. Mehr Widerspruch geht kaum.

Was lässt sich aus den Ausführungen folgern?

In meinen Augen, und das wird mir immer bewusster, sind die in der Sozialen Arbeit als „notwendig“ erachteten Kompetenzen genau die Kompetenzen, die für ein gelingendes Zusammenleben UND das Wirtschaften in der heutigen VUCA-Welt enorme Bedeutung haben.

Zum Thema Kompetenzen von SozialarbeiterInnen gibt es mehr als genug Literatur. Fraglich ist nur, woran man sich hält. Spannend (für den hier vorliegenden Beitrag zumindest) finde ich die Ausführungen von Herbert Effinger.

Effinger ist im Rahmen einer Absolventinnenbefragung an der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit Dresden der Frage nachgegangen, „welche Handlungskompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten den Kern sozialarbeiterischen Könnens bilden und welchen Anteil das Studium an deren Entwicklung hat. Befragt wurden Ehemalige, die in der Zeit zwischen 1995 und 2003 ihr Diplom erhielten.“

Nachtrag: Leider ist der Link zur Absolventenstudie nicht mehr im Netz verfügbar. Es vergisst also doch (mehr oder weniger, zumindest). Gleichwohl erachte ich die Ausführungen als passend und werde sie so stehen lassen.

Ergebnis der Studie war die folgende Liste von Kompetenzen (gelistet nach der Wichtigkeit):

  1. Zuhören können
  2. Sich in andere einfühlen können (Empathie)
  3. Mit anderen kooperieren können (Teamfähigkeit)
  4. Über sich und sein Arbeit reflektieren können (Reflexionsfähigkeit)
  5. Konflikte austragen können (Konfliktfähigkeit)
  6. Wissen, wo man wie, welche Ressourcen mobilisieren kann
  7. Sich schnell auf neue Situationen einstellen können
  8. Widersprüche aushalten können
  9. Sich entscheiden können (Entschiedenheit)
  10. Kritisch denken
  11. Sich distanzieren können
  12. Sich gut in Rechtsfragen auskennen
  13. Humor haben und einsetzen
  14. Über viel Fachwissen verfügen

Ja, fuck it (sorry für die Wortwahl)

Sich schnell auf neue Situationen einstellen können? Widersprüche aushalten können? Sich in unsicheren, widersprüchlichen Situationen entscheiden können?

Das ist es doch, was gebraucht wird, wenn man die Ausführungen zur VUCA-Welt betrachtet.

Ich bin ehrlich gesagt nicht überrascht.

Vielmehr habe ich schon länger das Gefühl, dass die in der Sozialen Arbeit seit Jahren und Jahrzehnten vermittelten und gelebten Kompetenzen die Kompetenzen sind, die für ein zukunftsfähiges Leben in unserer immer komplexer werdenden Gesellschaft gebraucht werden, und zwar in allen Bereichen und insbesondere in der Arbeitswelt.

Zukunftsfähig, nachhaltig und vor allem: Menschlich.

Ich bin überzeugt davon, dass die Soziale Arbeit einen wesentlichen Beitrag zu einer lebenswerten Gesellschaft, die zwar immer komplexer, widersprüchlicher, unsicherer, volatiler, eben VUCA, wird, die aber gerade dadurch umso spannender wird, leisten kann – einen wesentlichen Beitrag zu einer Gesellschaft, in der es sich zu leben lohnt.

Warum aber schaffen wir es nicht, unsere Kompetenzen auch so zu verkaufen? Effinger schreibt in der gleichen Veröffentlichung:

Es gibt wohl kaum eine andere Profession, die wie die Soziale Arbeit so ausdauernd und voller Selbstzweifel nach dem Eigentlichen ihrer beruflichen Handlungen fragt. Manchmal scheint es so, als wenn gerade die Beschäftigung mit dieser Frage das Eigentliche der Sozialen Arbeit ausmacht.

Lasst uns mit dem Selbstzweifel aufhören. Und zwar jetzt! Lasst uns selbstbewusst unsere Kompetenzen nutzen! Lasst andere Menschen teilhaben an dem, was manchmal so schwierig aushaltbar ist.

Lasst uns selbstbewusst gestalten! Lasst uns Wege entwickeln, wie wir uns eine Wirtschaft und Gesellschaft vorstellen. Lasst uns nicht hinter irgendwelchen „neuen Methoden“ herrennen und versuchen, diese auf unsere Arbeit zu übertragen. Lasst uns wachsam sein!

Svenja Hofert hat übrigens in einem wirklich lesenswerten Beitrag beschrieben, welche neuen Kompetenzen es braucht, um in dieser Welt agieren zu können. Ihr Fazit:

„Wenn eine Kompetenz in Zukunft für alle Menschen wirklich wichtig werden wird, dann ist es das Vermögen, verschiedene Wahrheiten und Widersprüche zu akzeptieren und nebeneinander stehen zu lassen. Das nennt sich Ambiguitätstoleranz. „

Ambiguitätstoleranz?

Kennen wir, oder?


Update:

Nach den enorm vielen positiven Rückmeldungen (für die ich mich bei Euch allen ganz herzlich bedanke) will ich Euch noch ein kleines Update zum Artikel geben:

Dass ich nicht der Einzige bin, der die oben beschriebenen Ideen hat (oder hatte) war mir mehr als klar. Und so hat sich Prof. Dr. Heiko Kleve gemeldet, der schon vor einigen Jahren zu dem Thema promoviert hat. Er empfiehlt als weiterführende Lektüre das Buch mit dem Titel „Ambivalenz, System und Erfolg – Provokationen postmoderner Sozialarbeit“:

Konzepte für die neue Soziale Arbeit

Der gesellschaftliche Wandel und der Umbau des Sozialstaates stellen die sozialarbeiterische Theorie und Praxis vor neue Herausforderungen: Sie müssen die klassischen Wege verlassen, ohne zu wissen, wo die neuen verlaufen und wohin sie führen. Wie ist unter diesen komplexen Bedingungen erfolgreiche Soziale Arbeit möglich?

Heiko Kleve schreibt die Theorie der Sozialen Arbeit fort. Dabei reflektiert er nicht nur Vielfalt, Uneindeutigkeit und Ambivalenzen. Vielmehr beschreibt er, wie Soziale Arbeit den Herausforderungen durch die Transformation des Sozialstaates erfolgreich begegnen kann. Dazu gehört u. a., mit knapper werdenden Mitteln effektiv und effizient umzugehen.

Die Verbindung aus theoretischer Reflexion und praktischen Fragen der Umsetzung zeichnet dieses Buch aus.

Na, wenn das mal nicht passt… Schaut doch mal selber! Lohnt sich sicher! Und, lieber Heiko Kleve, besten Dank für die Infos! 

Hier übrigens auch noch einmal ausführlich!

Freue mich auf weiteren Austausch…


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