#NewWork und Generationengerechtigkeit

Generationengerechtigkeit

New Work und Generationengerechtigkeit?

Kann das irgendwie zusammen gehören? 

Mehr Leben – Warum Jung und Alt zusammen gehören!

Ich sitze bei Henning Scherf, ehemaliger Bürgermeister von Bremen. Scherf hält in Freiburg einen Vortrag zum Thema „Mehr Leben – Warum Jung und Alt zusammen gehören!“

https://twitter.com/HendrikEpe/status/862365301802979329

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Ich senke den Altersschnitt im Raum erheblich, bin einer der Jüngsten. Somit meint er vermutlich mich, meine Kinder und meine Frau, wenn er von „den Jungen“ spricht, oder? Ich habe sogar einen meiner ersten Artikel auf diesem Blog zur Frage der Sozialen Arbeit und der Generation Y geschrieben, zu der ich mich – mehr mental als real – zugerechnet habe.

Ich bin zu dem Vortrag gekommen, da mein Vater Henning Scherf unbedingt einmal sehen wollte. Mein Vater ist Kernzielgruppe von Scherf, zumindest der Haarfarbe nach zu urteilen.

Worüber ich nicht schreiben will

Der Vortrag findet im Mehrgenerationenhaus EBW in Weingarten, einem „Problemviertel“ in Freiburg, statt.

Etwas unreflektiert geurteilt ist das einzige Problem jedoch, dass das Publikum zu großen Teilen aus hoch- und höchstgebildeten Menschen besteht. Die Professorendichte ist höher als in den Semesterferien an vielen Hochschulen. Damit spiegelt sich die gesellschaftliche Struktur des Stadtteils im Publikum so gar nicht wider. Aber darüber will ich gar nicht schreiben.

Ich will auch nicht darüber schreiben, dass Henning Scherf sichtlich genervt war von der im Anschluss an seinen Vortrag stattfindenden Podiumsdiskussion, in die das Publikum so gar nicht mit einbezogen wurde.  Die Moderatorin wollte ihr Programm durchziehen. Aus meiner in dem Kontext tatsächlich noch jugendlichen Perspektive kann ich ganz klar sagen, dass junge Menschen auf „politisches Blabla von oben“ (der Sozialbürgermeister von Freiburg war ebenfalls anwesend) keinen Bock mehr haben. Menschen (und nicht nur Junge) wollen mitreden und diskutieren.

Und ich will auch nicht darüber schreiben, dass Scherf selbst die Initiative ergreifen und das Mikrofon den Menschen im Raum reichen musste, um endlich die Diskussion zu öffnen, während die Beschäftigten lieber auf ihrem Stuhl sitzen blieben.

Auch will ich nicht von der aus meiner Perspektive halbgaren Homepage schreiben, die versuchen soll, www.Freiburg-generationenstark.de zu machen und Menschen zu verbinden. Als Gegenbeispiel sei hier nur die Plattform www.nebenan.de genannt, die die grundsätzlich gute Idee anders, offen und – das ist natürlich relevant – mit viel Kapital angeht.

Falls Du aber Interesse am Inhalt des Vortrags hast, kannst Du in diesem schönen Artikel nachschauen.

Worüber will ich denn jetzt aber schreiben?

Ich will darüber schreiben, dass wir aus demographischer Perspektive, aus der Perspektive von „Jung und Alt“, aus der Perspektive der Generationengerechtigkeit vor einem riesigen Problem stehen. Und ich will dieses Problem in den Kontext der Überlegungen einer „New Social Work“ stellen.

Alter!!!!

Neben diesem Satz meiner ältesten Tochter, der quasi alle ihre Gefühlsregungen ausdrücken kann, ist „Alter“ nicht ganz einfach zu definieren. „Alter“ lässt sich als biografische Größe sehen, muss demgegenüber aber nicht zwingend eine mentale Größe sein: „Junge Alte und alte Junge“, wobei „jung“ mit progressiv und „alt“ mit konservativ im Denken definieren.

Alter ist, definiert als biografische Größe, aber sicherlich ein in unserer Gesellschaft zunehmend gewichtigerer Faktor. Ich denke, ich muss hier nicht über den demographischen Wandel schreiben. Das wird jedem halbwegs wachen Menschen deutlich sein. Vielleicht nur eine Zahl: Im Jahr 2025 werden etwa 40% der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein:

„Nach der Variante der Bevölkerungsvorausberechnung, bei der eine annähernd konstante Geburtenhäufigkeit, ein moderater Anstieg der Lebenserwartung sowie ein positiver Wanderungssaldo von 200.000 Personen pro Jahr ab 2020 angenommen wird, wird sich das Generationenverhältnis weiter zu Lasten der Jüngeren verschieben. Der Anteil der unter 20-Jährigen wird zwischen 2011 und 2060 von 18,2 auf 15,7 Prozent zurückgehen, der Anteil der Personen, die 60 Jahre oder älter sind, wird hingegen von 26,6 auf 39,2 Prozent anwachsen. Die Bevölkerungszahl verringert sich bei dieser Variante bis zum Jahr 2060 von derzeit 81,8 auf 70,1 Millionen.“

Das Ende staatlicher Unterstützungssysteme

Wenn schon heute etwa 30 Prozent und in zehn Jahren dann 40 Prozent und mehr älter als 65 Jahre sein werden, ist die Rente nicht mehr sicher:

Soll bei zunehmender Alterung ein angemessenes Absicherungsniveau gewährleistet werden, dann ergibt sich eine steigende Beanspruchung des erwirtschafteten Produkts durch die Älteren. Dafür ist es unerheblich, aus welchen Quellen die Ausgaben der Älteren gespeist werden. Böckler-Stiftung

Hinzu kommen enorme Kosten, die auf das Gesundheitssystem zukommen. Schon jetzt und zukünftig noch verstärkt ergibt sich ein riesiges Pflegeproblem: Wir finden schon heute nicht mehr genug Pflegekräfte und werden dies in Zukunft auch nicht tun. Bei gleichzeitig ansteigenden Zahlen pflegebedürftiger Menschen.

Hier könnte man jetzt noch lange weitere Effekte der alternden Bevölkerung aufzählen. Wirklich problematisch finde ich bspw. den Aspekt, dass die „Alten“ unsere Politik bestimmen werden. Und: Selbst wenn die jungen Menschen zur Wahl gehen und „richtig“ wählen, haben wir keine Chance gegen die Masse an alten, wahlberechtigten Menschen, die lieber ihre „gute alte Zeit“ behalten wollen, als an einer radikalen Neuordnung unserer Gesellschaft interessiert sind.

Macht doch mal die Augen auf!

Gleichzeitig ist – bspw. auch bei dem Vortrag von Henning Scherf – auffällig, dass immer nur am bestehenden System herumgedoktert werden soll.

Ja, die alten Menschen sollten sich mehr engagieren! Ja, die Alten können die Jungen unterstützen. Ja, die Verhinderung von Einsamkeit und eine sinnvolle Aufgabe sind Garanten für ein langes Leben. Ja, neue generationenübergreifende Wohnformen von jungen und alten Menschen sind mehr als wichtig, sinnvoll und notwendig.

Aber das sind doch alles nur Tropfen auf heiße Steine einer sich radikal wandelnden Gesellschaft, nein, einer sich radikal wandelnden Welt.

https://twitter.com/HendrikEpe/status/862361439406882817

#NewWork und Generationengerechtigkeit

Ohne das New-Work-Konzept noch einmal in seiner Gänze darzulegen, hier die Essenz:

Das Konzept basiert darauf, das frühkapitalistische System der Lohnarbeit zu ersetzen durch ein System, das aus den drei Teilen

  • Erwerbsarbeit (1/3),
  • High-Tech-Self-Providing (Selbstversorgung, 1/3) und
  • einer Arbeit, die man wirklich, wirklich will (1/3) besteht.

Hintergrund der Entwicklung des Konzeptes ist die Feststellung, dass die „klassische“ Erwerbsarbeit aufgrund der Automatisierungsprozesse zurück gehen wird. Um aber die Arbeitsplätze nicht gleich zu verlieren, sondern eine finanzielle Basis für alle zu schaffen, soll im Konzept ein Drittel aus der noch zur Verfügung stehenden klassischen Erwerbsarbeit bestehen. Damit werden auch Anschaffungen möglich, die nicht durch eigene Arbeit oder nachbarschaftliche Netzwerke erzeugt werden können.

Das zweite Drittel der zur Verfügung stehenden Zeit wird mit Selbstversorgung auf technisch höchstem Niveau zugebracht. Konkret geht es also nicht darum, ein paar Kartoffeln im eigenen Garten anzubauen. Es geht darum, mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten Dinge des täglichen Lebens (angefangen von der Kartoffel bis hin zu bspw. technischen Geräten) herzustellen. Hinzu kommt, dass sich die Menschen zunehmend verstärkt Gedanken um den tatsächlich sinnvollen Konsum machen, wodurch sich der Bedarf automatisch reduziert.

Als dritte und auch in Augen von Bergmann wichtigste Säule der Neuen Arbeit steht die Arbeit, die die Menschen „wirklich, wirklich machen wollen“. Ausgehend davon, dass Arbeit grundsätzlich niemals endet, wenn man Arbeit als über das Lohnarbeitssystem hinausgehend definiert (bspw. Familie, Pflege…), ist dieser Bestandteil des Konzepts „Neue Arbeit“ als wesentlich anzusehen. Wikipedia schreibt dazu: „Da Bergmann einen revolutionären Prozess zur Überwindung des Lohnarbeitssystems ablehnt, kann die Veränderung nur nach und nach erfolgen durch Menschen, die sich an dem orientieren, was sie wirklich, wirklich wollen und sich so allmählich unabhängiger machen vom Lohnarbeitssystem durch Selbstversorgung.“

Und was hat das bitte mit Generationengerechtigkeit zu tun?

Wikipedia schreibt zu dem, was unter Generationengerechtigkeit zu verstehen ist:

„Der Begriff Generationengerechtigkeit steht für eine Vielzahl Diskussionen im wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereich, in denen die Wechselwirkungen des Handelns zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Generationen auf ihre Gerechtigkeit hinterfragt werden. Darunter fallen unter anderem die Problembereiche Umweltschutz und Staatsverschuldung, die Forderung nach einer Rentenreform oder gar nach einer möglichen Bevölkerungspolitik, sowie die Tatsache einer Altersdiskriminierung in den westlichen Gesellschaften, z. B. bei der Jobsuche, wie auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit.“

Die Probleme der Gesellschaft

Unter Generationengerechtigkeit lassen sich damit beinahe alle wirklich relevanten gesellschaftlichen Bereiche, die aktuell als „problematisch“ angesehen werden können, diskutieren: Klima und Umwelt, Arbeitswelt, Rente oder auch die schon angesprochene Schieflage im politischen System.

Nur basierend auf ersten, kurzen, vielleicht auch zu kurzen, Gedanken ist doch festzustellen, dass es so nicht weitergehen kann. Diese etwas sehr übergreifende Aussage lässt sich dahingehend spezifizieren, dass wir vor dem Problem stehen, dass sich die jüngere Generation in immer rigider strukturierten Organisationen abrackert, um überhaupt über die Runden zu kommen. Nebenbei werden Kinder versorgt, ist man für die Pflege von Angehörigen zuständig und hat – in vielen Branchen – gleichzeitig Angst vor Jobverlust, bspw. auch durch die Digitalisierung und Automatisierung.

Digitalisierung als Heilsbringer?

Digitalisierung und Automatisierung könnten neben allen Horrorszenarien auch als Heilsbringer angesehen werden: Es könnte so kommen – und die Wahrscheinlichkeit ist hoch – dass zu automatisierende Tätigkeiten auch automatisiert werden. Was alles zu den „zu automatisierenden Tätigkeiten“ zu rechnen ist, ist heute noch nicht wirklich abzusehen. Es geht nicht mehr nur um stupide, sich permanent wiederholende Routine-Aufgaben. Hervorgerufen durch die rasante Entwicklung der Digitaltechnik geht es auch um zunehmend komplexere Anforderungen, die durch selbst lernende Computer immer besser verrichtet werden können. Im Blick auf die Soziale Arbeit ist anzunehmen, dass diese natürlich nicht stirbt, aber sich eben auch verändern muss.

Schön wäre jetzt, wenn sich durch die Digitalisierung das Potential ergäbe, dass die wenigen jungen Menschen weniger arbeiten müssten. Aber sofort kommt die Frage nach der Finanzierbarkeit auf, die in einem bedingungslosen Grundeinkommen ihre (oder eine mögliche) Antwort findet.

Befreiung aus dem alten System

Zusammengefasst heißt das aber, dass wir uns endlich mal vom alten System befreien müssen: Rente mit 67? Aus meiner Perspektive – wenn alles so bleibt wie bislang – eher mit 76! Dazu Klimawandel durch absurden Konsum als Droge der westlichen Gesellschaft, insbesondere mit negativen Auswirkungen auf die Ärmsten der Armen.

Und so weiter und so fort…

Und mit Generationengerechtigkeit ist dann gemeint, dass sich die „älteren Bevölkerungsschichten“ (vielleicht die Menschen ab Renteneintrittsalter, hier muss man vorsichtig sein 😉 ) nicht zurücklehnen und ihre (wenigen) Kinder arbeiten lassen.

Mit Generationengerechtigkeit ist gemeint, dass sich die älteren Menschen auf den Weg machen, das zu finden, was sie im Sinne von Bergmann „wirklich, wirklich tun wollen“, um damit die Gesellschaft generationengerecht – und damit meine ich alle Generationen – zu gestalten.

Dazu braucht es ggf. Begleitung, da ich davon ausgehe, dass ältere Menschen, die mit 16 Jahren in die berufliche Ausbildung eingestiegen sind und dann 45 oder mehr Jahre in oftmals begrenzt potentialentfaltenden Berufen verbracht haben, nicht unbedingt wissen, was sie überhaupt wirklich, wirklich wollen.

Die Perspektive New Social Work

Und aus einer Perspektive des „New Social Work“ ergeben sich enorme Möglichkeiten, untergliedert in die Mikro-, Meso- und Makroebene.

So brauchen wir auf Makro-Ebene mutige Politiker, die nicht nur in der nächsten Wahlperiode denken, sondern darüber hinaus eine Perspektive für die Gesellschaft der Zukunft entwerfen und diese Vision mutig angehen. Es bedarf keiner Sonntagsreden, es bedarf Arbeit von Montag bis Samstag, um diese Visionen umzusetzen. Es bedarf auch die großen Wohlfahrtsverbände, die über ihre Netzwerke und über positiv verstandene Lobbyarbeit Politik im Sinne einer lebenswerten, generationengerechten Gesellschaft mitgestalten.

Auf Meso-Ebene brauchen wir soziale Organisationen, die das Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Jung und Alt ermöglichen. Es braucht Mehrgenerationenhäuser, Stadtteilzentren, Begegnungsmöglichkeiten, die attraktiv und modern zu „New Work“-Zentren werden und die Menschen – jung wie alt – auf dem Weg dahin begleiten, dass zu finden, was sie wirklich wirklich wollen. Braucht es Jugendzentren? Braucht es „Altenbegegnungsstätten“ oder „Erwachsenenbildungseinrichtungen“? Oder sollten wir auf organisationaler Ebene nicht eher daran überlegen, Grenzen und Dogmen zu überwinden, um damit zu Netzwerken gelingenden Lebens zu gelangen?

Auf Mikro-Ebene sind Netzwerke zu schaffen, die es ermöglichen, die Bevölkerung tatsächlich mitzunehmen. Dazu sind Vorträge wie von Henning Scherf, von mir aus auch Leuchtturmveranstaltungen wie der XING-New Work Award notwendig – als Multiplikator, um Menschen zu erreichen, die Netzwerke knüpfen können. In Unternehmen, in Nachbarschaften, in Quartieren und Stadtteilen. Auf Mikro-Ebene geht es auch darum, Menschen darin zu begleiten, das zu finden, was sie wirklich, wirklich tun wollen, um – wie gesagt – mit der daraus erwachsenden Leidenschaft einen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können.

https://twitter.com/HendrikEpe/status/862372429972353024

Lassen sich Tandems von „Jungen“ und „Alten“ bilden? Welche Rolle hat die Stadtplanung und Dorfentwicklung in diesem Kontext? Kindergärten und Altenpflegeheime bauen allein ist sicherlich die falsche Lösung!

Abschließend noch der Aspekt, dass materieller Reichtum in unserer Gesellschaft extrem ungleich verteilt ist. Auf der einen Seite finden sich biografisch alte Menschen, die vor Geld nicht laufen können. Auf der anderen Seite wird Altersarmut zu einer zunehmend größeren Herausforderung für unsere Gesellschaft. Gefühlt geht es „den reichen Alten“ zu großen Teilen um Besitzstandswahrung und nicht um die Entwicklung der Gesellschaft. Hier wäre der Ansatz, im Sinne einer gesellschaftlichen Entwicklung, die Angst vor Macht- und Besitzverlust aufzubrechen und die Gesellschaft auch mit dem vorhandenen Reichtum weiter zu entwickeln, oder zumindest die eigenen Altersgenossen zu unterstützen.

Und als Fazit?

Als Fazit lohnt es sich, weiterzudenken und zu machen.

Mehr nicht?

Und das bei den vielen Worten?

Nein, zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr. Nur ein Impuls, um darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft leben wollen und werden.

Und eine Anregung an Dich, mitzudiskutieren und ins Gespräch zu kommen:

  • Wie können Jung und Alt zusammenleben?
  • Und wie können wir hier alle Menschen mitnehmen?
  • Welche Best-Practice-Beispiele gibt es?

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  1. Pingback: Neun Gründe für mehr Mitbestimmung in sozialen Organisationen - IdeeQuadratIdeeQuadrat

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