Kontrollwahn!

Kontrollwahn

Der folgende Beitrag befasst sich mit dem vorherrschenden Kontrollwahn in allen Bereichen unserer Gesellschaft. So steht unsere Welt vor gravierenden Herausforderungen, die sich als verschiedene Megatrends und Mega-Probleme ausdrücken lassen. Beispielhaft Digitalisierung als Trend und Klimawandel als Problem. Es lassen sich weitere Trends und Probleme anführen, die Auswirkungen auf unser Leben haben und verstärkt haben werden.

Hier wird mit Kontrolle, mit Absicherung, mit Verträgen und Regelungen versucht, die Komplexität dieser Begebenheiten in den Griff zu bekommen.

Wenn man jedoch einerseits die Trends, andererseits die Megaprobleme näher analysiert, stellt man recht schnell fest, dass die Komplexität der Gegebenheiten ein Ausmaß angenommen haben, das es nicht mehr ermöglicht, mit einfachen, kausalen Antworten, mit Kontrolle, mit Absicherung, mit Verträgen und Regelungen zu reagieren.

Radikal neu

Dabei ist es irrelevant, welche Trends oder Probleme angeschaut werden: Die digitale Transformation krempelt die Art und Weise, wie wir arbeiten, wie wir kommunizieren und insgesamt wie wir leben radikal um. Aus dem Blick sozialer Organisationen krempelt der demographische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel zusätzlich die Art und Weise um, wie in diesen Organisationen gearbeitet wird.

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Global betrachtet: Wir liefern Waffen nach Saudi-Arabien und bitten anschließend um Spenden für die krepierenden Menschen im Jemen. Und dann wundern wir uns noch über Menschen, die zu uns nach Europa kommen? Wir spüren die Auswirkungen des Klimawandels, wenn wir bei 19 Grad Weihnachten feiern, fahren aber unsere Kinder jeden Morgen 500 Meter zum Bahnhof (da fasse ich mir an die eigene, nicht ganz kleine Nase).

Was tun?

Ich – und damit bin ich Gott sei Dank nicht ganz alleine – bin der Überzeugung, dass die hier nur minimal angerissenen gesellschaftlichen Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können. Die Komplexität ist nicht bewältigbar durch „von oben“ (wo immer das sein soll) vorgegebene kausale Lösungen. Dies mag in der Vergangenheit (mehr schlecht als recht) funktioniert haben. In Zukunft wird es nicht mehr funktionieren.

Das sieht man an völlig entgrenzten Möglichkeiten digitaler Kommunikation im Kleinen und den globalen Auswirkungen des Klimawandels im Großen. Das sieht man an sich neu entwickelnden Möglichkeiten der Zusammenarbeit, an Entwicklungen wie der Sharing Economy, an Überlegungen eines nachhaltigen Lebens in hoffentlich breiteren Teilen der Bevölkerung auf der einen und nationalistischen Abschottungstendenzen auf der anderen Seite. Das sieht man auch an den Herausforderungen der Flüchtlingsthematik, die nicht lokal zu denken geschweige denn zu lösen sind. Mauern zu bauen, Obergrenzen in einer globalisierten Welt zu fordern, Menschen wie Trump und Erdogan? Einfach nur absurd und schwer nachzuvollziehen!

Ich bin der Überzeugung, dass nur durch die Annahme der Komplexität und des gemeinsamen Experimentierens Lösungen für die Herausforderungen gefunden werden können. Das heißt: Neu Denken, Ausprobieren, neue Wege gehen, Fehler machen, Scheitern muss normal werden, um dadurch den möglichen Lösungen ein Stück näher zu kommen. Ich denke, ihr wisst, was ich meine.

Genug der Vorrede, jetzt zum eigentlichen Thema, das den Vorannahmen einer komplexen Welt eigentlich widerspricht:

Kontrollwahn

Vor dem oben skizzierten Hintergrund lässt sich in unserer angeblich ach so hochentwickelten deutschen Gesellschaft (ich betone dies, da es noch wichtig wird) im Gegensatz zu den skizzierten Lösungen (Gemeinschaft, Selbstorganisation, Communities…) feststellen, dass in beinahe allen gesellschaftlich relevanten Bereichen der – so habe ich es hier bezeichnet – Kontrollwahn um sich greift.

Unter Kontrollwahn verstehe ich den überall zunehmenden Versuch, sich persönlich ebenso wie auf organisationaler Ebene gegen alle denkbaren Risiken im Vorhinein abzusichern.

Konkret:

Professor*innen nehmen Forschungsaufträge nicht mehr an, da der Dokumentations- und Verwaltungsaufwand absurd hoch ist. Wer sich damit auskennt: Forschungsanträge der europäischen Union sind bzgl. des administrativen Aufwands tatsächlich einfach nur die Hölle. Mitarbeiter*innen unterschiedlichster Branchen sind zunehmend damit belastet, Vorgaben zu erfüllen, zu dokumentieren, die Prozesse des QM einzuhalten, Abrechnungen korrekt abzurechnen, anstatt ihre eigentliche Arbeit zu machen. Arbeitszeiten müssen en Detail erfasst werden, damit absurd hoch bezahlte Wirtschaftsprüfer nur ja keinen kleinen Fehler entdecken. Lehrer*innen ebenso wie Erzieher*innen kämpfen in verkrusteten Systemen mit und gegen Eltern, die bei kleinstem Fehlverhalten umgehend mit Klagen drohen.

Über Pflegekräfte und deren Situation brauchen wir sowieso kein Wort verlieren.

Kontrollwahn in Organisationen der Sozialwirtschaft

Für Soziale Organisationen verdeutlicht Barbara Bayer die Thematik eindrücklich:

„Verwaltung von (Sozial)-Unternehmen:

Arbeitsschutz:

  • Gefährdungsbeurteilung schreiben für jeden Arbeitsplatz,
  • Arbeitsplatzbeschreibung, ob potentielle Gefährdungen für Schwangere/Stillende vorliegen
  • Dokumentationspflichten, wenn dann tatsächlich eine Schwangere/Stillende im Betrieb arbeitet

Datenschutz (schon bezogen auf Rechtslage ab 25.5.2018):

  • Datenschutzfolgeabschätzungen für einzelne Arbeitsprozesse
  • Auftragsverarbeitungsverträge, wenn man sich Dritten zur Erstellung, Nutzung personenbezogener Daten bedient
  • Löschkonzepte formulieren

Qualitätsmanagement:

  • fast jedes Buch des SGB (und damit in jedem Bereich der sozialen Arbeit) verpflichtet zu QM bzw. ist der Nachweis von QM Voraussetzung um Geld/Aufträge von Kostenträgern zu bekommen

Dokumentations- Verfahrenspflichten bezogen auf einzelne Bereiche:

  • Pflegedokumentation (SGB XI)
  • Hilfeplan (SGB VIII)
  • Gesamtplanverfahren (SGB XII)
  • Teilhabeplanverfahren für Reha-Träger ab 1.1.2018 (SGB IX)

… usw usw usw…“

Der Auszug ist eine der Antworten auf folgenden Tweet:

https://twitter.com/HendrikEpe/status/939156002468966400

Wenn man die Ausführungen von Barbara liest stellt sich die Frage:

Business-Theater

Lars Vollmer bezeichnet die mit dem Kontrollwahn einhergehenden Tätigkeiten als „Theater“, das branchenübergreifend die Gesellschaft, die Organisationen und die Menschen selbst lähmt: Business-Theater spielen um eine Fassade aufrechtzuerhalten, die hinsichtlich ihrer wirklichen Wertschöpfung komplett sinnlos ist.

Ich will einzelne Berufsgruppen ja nicht diffamieren, aber ich habe schon das Gefühl, dass die Juristen im Schulterschluss mit den Wirtschaftsprüfern – quasi in einem letzten Aufbäumen gegen deren Abschaffung aufgrund der Digitalisierung – noch einmal alles auspacken, was sie haben. Alles und jeder kleine Schritt muss rechtlich haarklein geregelt und abgesichert sein, bevor er dann für – wie gesagt – horrende Summen geprüft wird.

Zur Differenzierung ist anzuführen, dass selbstverständlich viele Regelungen zum Arbeitsschutz etc. ihre Berechtigung haben, das nur als kleine Ergänzung. Aber auch hier ist abzuwägen, welche der Regelungen wirklich sinnvoll sind und welche Regelungen nicht im Verhältnis zum Aufwand stehen.

Warum eigentlich?

 

Die Frage nach dem Warum lässt sich vielleicht beantworten, wenn die Antworten zu meinem Twitter-Post (Danke an alle Beteiligten) in den Blick genommen werden.

Dabei lässt sich grob zwischen einer persönlichen und einer organisationalen Ebene unterscheiden, die dann aber doch wieder zusammen kommen:

Von Ute Schulze und Guido Bosbach wird die persönliche Ebene des Kontrollwahns aufgegriffen:

https://twitter.com/schulze_ute/status/939160009757347840

Auch Reiner Knudsen nimmt die persönlichen Ebene in den Blick:

Schuld und Scham, darüberliegend vor allem Angst und fehlendes Vertrauen. Das Ganze kombiniert mit einer Undurchschaubarkeit und gefühlt fehlender Selbstwirksamkeit aufgrund der Komplexität der Gegebenheiten. Wahrscheinlich kennt jeder entsprechende Gefühlszustände? Die Konsequenz bei länger andauernden Zuständen?

Genau: Burnout!

Organisationen und Kontrollwahn

Die Gedanken von Ute, Guido und Reiner sind völlig unproblematisch auf organisationale Kontexte übertragbar:

Angst vor Fehlverhalten und Fehlern, insbesondere bei den Geschäftsführungen, stehen einer positiven, innovativen, ganzheitlichen und sinngetriebenen  Entwicklung der Organisation diametral entgegen. Blockade- und Sicherheitsdenken oben führt zu Dienst nach Vorschrift und innerer Kündigung unten.

Hinzu kommt das Misstrauen in die Selbstorganisationsfähigkeiten der Mitarbeitenden, wahrscheinlich aufgrund fehlender Kompetenzen im Umgang mit Komplexität, wie Tobias es beschreibt:

Ja, ich habe ebenfalls manchmal das Gefühl, dass wir uns da in einer Spirale befinden, die sich mit „mehr desselben“ um Probleme von morgen mit den Werkzeugen von gestern kümmert und stetig beschleunigt.

Nein, ich darf keinen Ordner verschieben, solange der Vorgesetzte sein Einverständnis nicht gegenüber der sich gegenüber der Organisationsleitung abgesicherten IT gegeben hat. Nutzen für die Wertschöpfung? Null. Zeitaufwand? Hoch! Spaß? Minus zehn! Mißtrauen basiert vornehmlich auf Fehlverhalten einzelner, für die die gesamte Belegschaft in Sippenhaft genommen wird. Warum? Falsche Frage…

Zu den fehlenden Kompetenzen liefert Christoph Schmitt einen Ansatz:

Selber denken lernt man wie? Das ist wohl eine der entscheidenden Fragen.

Und die Gesellschaft?

Jetzt aber zurück zu den oben geschilderten großen, komplexen Herausforderungen:

Wenn wir hier in Deutschland (deswegen die Betonung oben) kontrollgetrieben, angstbesetzt und misstrauisch weiter agieren, werden wir von den Entwicklungen knallhart überrollt. Aus wirtschaftlicher Perspektive: Unsere deutsche Arroganz als Superduperindustrienation gerät schneller ins Wanken, als wir Tesla oder China aussprechen können, mit all den bekannten Folgen.

Aus meiner beruflichen Perspektive nur ein Beispiel: Da gibt es eine spannende Ausschreibung des BMBF zur „Zukunft der Arbeit: Arbeit mit Menschen“. Vielleicht mag sich der ein oder andere ja mal ein Bild machen von den gestellten Anforderungen, dann hier klicken! Ich bin spätestens dort ausgestiegen, wo es um die Einreichung eines detaillierten Arbeits- und Kostenplans sowie eines Gantt-Charts mit der Darlegung entsprechender Meilensteine im Blick auf die Zukunft der Arbeit ging. Das passt einfach nicht zusammen:

Ich kann nicht über die Zukunft der Arbeit nachdenken und diese gestalten, wenn ich im Vorhinein einen festen Plan im Kopf habe. Ja, ich muss mich möglichst gut auf Unvorhergesehenes vorbereiten. Aber ich kann es nicht planen, ich kann mich nicht mit Gantt-Charts für die Komplexität und die Veränderungen absichern. Hinzu kommt, dass niemand normales (hier schließe ich jedoch von mir auf andere) auf die Idee kommt, die ganzen Texte zu lesen, geschweige denn, sich den Inhalt zu merken.

Vertrauen in Menschen?

Und aus menschlicher Perspektive: Wo haben wir verlernt, zu vertrauen? In uns, in unsere Fähigkeiten und unsere Mitmenschen? Und wie kann es gelingen, wieder zum Vertrauen zurückzukommen, um darauf basierend gemeinsam den Weg hin zur Lösung der wirklich wichtigen Herausforderungen angehen zu können? Vielleicht auch, wie es im Tweet oben von Christop Schmitt zum Ausdruck kommt:

Beispiele, wie es auch anders geht

Abschließend will ich darauf hinweisen, dass dieser ganze Kontrollwahn unverständlich ist, wenn man die vielen guten, mutmachenden Beispiele in den Blick nimmt, die wiederum branchenübergreifend zu finden sind. Coworking- und Maker-Spaces, Communities, die sich mit der Zukunft aus sozialer ebenso wie aus ökologischer Perspektive befassen, raus aus den eigenen Filterblasen, die diese platzen lassen, POP, wie das Motto der diesjährigen Republica.

Explizit ist bspw. Uwe Lübbermann mit Premium Cola hervorzuheben, der bislang keinen einzigen Vertrag mit Produzenten oder Lieferanten abgeschlossen hat, oder das gesamte „Augenhöhe-Filmprojekt“ mit einer neuen Initiative zum Thema „Augenhöhe macht Schule“ oder viele andere Beispiele anderer Branchen (Gore, Zappos und wie sie alle heißen).

Ehrlich gesagt vermisse ich explizite Initiativen in Organisationen der Sozialwirtschaft ziemlich, auch wenn Vertrauen, Ganzheitlichkeit und Sinn ebenso wie Selbstorganisation sich als eigentliche Identität sozialer Organisationen bezeichnen lassen.

Natürlich bewege ich mich in meiner eigenen Filterblase. Aber, und das abschließend an Euch:

Organisationen der Sozialwirtschaft, die anders, neu, besser arbeiten, die ihre Kund*innen ins Zentrum stellen, die sinngetrieben und ganzheitlich arbeiten, neue Wege gehen, Organisationen, die Kontrolle durch Vertrauen ersetzt haben?

Hier bin ich Euch und Ihnen wirklich dankbar über Beispielorganisationen, die ich auch gerne hier im Blog vorstellen werde.

Mutige vor!

Ich freu mich drauf!


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  • Sie möchten Ihre Organisation in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels für sich, Ihre Klient*innen und Ihre Mitarbeitenden weiterbringen?
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  • Sie sind auf der Suche nach Antworten auf Fragen eines sinnvollen Organisationsdesigns, nachhaltiger und lebendiger Projektentwicklung und -management und der Zukunft der Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft?

Nehmen Sie doch Kontakt auf und wir besprechen, wie ich Sie mit meiner Expertise unterstützen kann.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hendrik, DANKE! Ein Super-Artikel der viel Potential für zusätzliches Denken liefert.

    Eine kleine Geschichte von meinem großen blauen Ex-Arbeitgeber. Wir, die wir Geschäftsbereich-Controlling machten wurden von einem Projektleiter – völlig zurecht – als „Zahlenwichser“ beschrieben, weil wir völlig den Kontakt zum realen Leben verloren hatten.

    Noch schlimmer erwischte es die Kolleginnen und Kollegen, die sich um Compliance zu kümmern hatten. Fast jeder hat die gehasst und sie selber haben vermutlich ihre Aufgabe gehasst.

    Und wirtschaftlich ist was dabei herumgekommen? Frustrierte Mitarbeiter und frustrierte Kunden, weil sich unser Unternehmen wegen seiner ganzen Regeln und seinen Regelüberwachern nicht mehr flexibel bewegen konnte.

    Das kreative Potential der Mitarbeiter ging unter in der verbissenen Angst, bloß keine Regel zu verletzen. Schade eigentlich.

  2. Liebe Barbara,

    ehrlich gesagt hat mir die Passage mit dem „Juristenbashing“ auch am Meisten Bauchschmerzen bereitet. denn ich gebe Dir recht: Es sind nicht die Menschen in den Organisationen, die sich die absurden Dinge ausdenken und aus Spaß an der Freude ihre Kolleg*innen quälen. Es sind, wie du es mehr als treffend beschreibst, gesetzliche Vorgaben zum Schutz der Verbaucher*innen.

    Vielleicht überarbeite ich den Punkt oben noch einmal.

    Bis dahin aber Dir ganz lieben Dank für Dein Mitdenken und Kommentieren!

    So kommt Leben in die Sache 😉

    Dir noch einen guten Sonntag

    Hendrik

  3. Replik einer Juristin 😉

    „.. dass die Juristen im Schulterschluss mit den Wirtschaftsprüfern – quasi in einem letzten Aufbäumen gegen deren Abschaffung aufgrund der Digitalisierung – noch einmal alles auspacken, was sie haben. Alles und jeder kleine Schritt muss rechtlich haarklein geregelt und abgesichert sein, bevor er dann für – wie gesagt – horrende Summen geprüft wird.“

    Es ist ja nicht so, dass sich Juristen und Wirtschaftsprüfer sich aus purer Lust solche „Zügel“ ausdenken. Hier „schlägst“ Du die Falschen. Juristen, BWLer und/oder Verwaltungsleute in Unternehmen generell – und damit eben auch in Sozialunternehmen – achten darauf, dass rechtlich zwingende (!) Vorgaben erfüllt werden um Schaden in Form von Bußgeldzahlungen, Strafverfahren, gerichtliche Auseinandersetzungen vom Unternehmen ferngehalten werden. Sie gelten damit oft als „Spielverderber“ der kreativen Köpfe, die neue Ideen einbringen und die dann wegen der rechtlichen Vorgaben „gebremst“ werden.

    Die rechtlichen Vorgaben kann man aber nicht wegdiskutieren, man darf sie auch nicht ignorieren. Jedes Unternehmen, das dies tut, ist zum Scheitern verurteilt, denn es leugnet die Realität, in der es wirtschaftlich tätig werden will (und ja auch Sozialunternehmen werden wirtschaftlich tätig).

    Die erste Frage, die man sich aber stellen muss ist, weshalb gibt es so viele Vorgaben?

    Wir leben in einer verrechtlichten Gesellschaft und Ausgangspunkt für diese rechtlichen Vorgaben gründen oft auf Forderungen der Gesellschaft, des Verbrauchers … also von uns allen (in Sozialunternehmen kommen dann noch andere Anspruchsgruppen dazu, insbesondere die Kostenträger).

    Hier einige Beispiele:
    Kommt es in einer Firma zu einem Datenleck, weil die Firma gehackt und Kundendaten abgezogen wurden – sofort ist der gesellschaftliche Aufschrei groß: Wie konnte das passieren? Warum wurde das nicht gemeldet? Kann man das nicht „regulieren“?
    – Folge: das Datenschutzrecht wurde nochmals verschärft, was die Strafen angeht, wenn ein Unternehmen solche Vorfälle nicht oder nicht fristgerecht an die Aufsichtsbehörde meldet (Meldung an Aufsichtsbehörde – da kannst Du Gift drauf nehmen, dass das Unternehmen mit einer größeren Untersuchung mit Vorlage der Unterlagen zu rechnen hat). Das Unternehmen ist gut beraten, seine Datenschutzunterlagen, -dokumentation auf Stand zu haben (bzw. überhaupt mal zu erstellen) und alles daran zu tun, um solche „Gaus“ zu verhindern; die neuen Bußgeld sind extrem happig.

    Oder: „Recht auf Vergessen“ ist und war ein großes Thema in den Medien und führt auch immer wieder zu großen Aufschrei in der Bevölkerung, dass so etwas doch möglich sein muss.
    – Folge: Ab Mai 2018 müssen Datenschutzfolgeabschätzungen für Prozesse innerhalb des Unternehmens und Löschkonzepte für personenbezogene Daten vorgelegt bzw. implementiert werden. Das ist ein großer „Spaß“ für das Unternehmen, wenn es Prozessbeschreibungen erstellen muss (da ist fast jede Abteilung jedenfalls zeitweise involviert) und die IT das Löschkonzept umsetzen muss (sofern es die Systeme zulassen – falls nicht, müssen neue Systeme angeschafft werden .. aber das ist ein anderes Thema ..).

    Zum Datenschutz ließe sich noch viel mehr schreiben, was auch Sicht des Verbrauchers gut ist, aber aus Sicht der Unternehmen viel (Verwaltungs-)Arbeit mit sich bringt.

    Was ich damit zeigen will: die zwingenden (!) gesetzlichen Vorgaben wurden geschaffen, um den Verbraucher (noch) besser zu schützen. Wie bzw. mit welchem Aufwand Unternehmen das bewältigen, interessiert hier erst einmal nicht. Wenn eine Prüfung der Aufsichtsbehörde kommt und die Vorgaben sind nicht erfüllt, gibt es eine aufs Dach bzw. zahlt das Unternehmen Bußgeld.

    Ähnliches gilt für den Arbeitsschutz bzw. Mutterschutz:
    Immer wieder wurde gefordert (insbesondere auch aus dem Krankenhaus-/Pflegebereich), dass schwangere Frauen länger arbeiten sollen dürfe, nicht sofort ein Beschäftigungsverbot ausgesprochen wird, sondern zunächst der Arbeitgeber schauen muss, ob die Frau auf einem anderen Arbeitsplatz, ggfs. in einer anderen Abteilung weiter arbeiten kann.

    Folge: Dieser Forderung kam der Gesetzgeber jetzt nach. Ab Jahreswechsel gilt das neue Mutterschutzgesetz, das diese Forderung umsetzt.

    Das ist super für die Frauen als Arbeitnehmerinnen, denn „schwanger ist bekanntlich nicht krank“ und die Frau kann jetzt mehr mitbestimmen.

    Für das Unternehmen bedeutet das aber noch mehr „Papierkrieg“, noch mehr Gefährdungs- Arbeitsplatzbeurteilung schreiben, noch mehr Korrespondenz mit der Aufsichtsbehörde, noch mehr Jonglieren mit dem Stellenplan.

    Ich kann die Beispiele auch auf den „sozialen“ Bereich erweitern: Wer erinnert sich nicht an die Empörung der Medien, wenn wieder krasse Vorkommnisse von verwahrlosten oder zu Tode gekommenen Kindern (Kevin, Bremen 2016) ans Licht kommen. Sofort wird der gesellschaftliche Ruf laut nach Verschärfung der Gesetze. Hier wird immenser Druck bei den Jugendämtern aufgebaut, von Seiten der Gesetzgebung „reflexartig“ Prüfungen verschärft, Dokumentationspflichten erweitert usw.
    Oder das ungeliebte Thema „Qualitätsmanagement“. Findet jeder doof. Fakt ist aber, dass jedes Sozialunternehmen – wenn es denn mit öffentlichen Geldern / Kostenträgern arbeiten will/muss – ein solches betreiben und auch nachweisen muss (Beispiele stehen ja schon in Deinem Beitrag). Grund dieser Vorgaben ist: Klienten/Patientensicherheit und sicher auch Kontrolle der Kosten (Wirken die Hilfen für die öffentliche (Steuer-)gelder gegeben werden. Beides Argumente, die aus den gesellschaftlichen Nachfragen resultieren.

    Fazit: Der Gesetzgeber ist in einer Zwickmühle. Einerseits versucht er, den Stimmen des Verbrauchers, Arbeitnehmers, Patienten … zu folgen und Schutzvorschriften zu bauen, andererseits weiß er wohl selbst, dass die deutsche Wirtschaft (auch die Sozialwirtschaft) „überbürokratisiert“ ist. Deswegen gibt es ja zunehmend „Entbürokratisierungsgesetze“ (wobei ich noch nicht gesehen habe, dass diese dann „entbürokratisieren“, meist wird noch alles schlimmer …).

    Die zweite Frage, die sich stellt ist, wie geht das Unternehmen schlauerweise vor, wenn es die Vorgaben erfüllt?

    Das Unternehmen muss sich damit auseinandersetzen. Und zwar die ganze Organisation. Die Regelungen müssen ineinandergreifen, auf Bestehendem muss aufgebaut werden. Innerhalb des Unternehmens muss ein Klima geschaffen werden, damit nicht jedes Handeln/Nichthandeln per Betriebsvereinbarung, Stempelkarte etc. geregelt werden muss.

    Auch hier einige Beispiele:

    Datenschutzfolgeabschätzung (siehe oben), Qualitätsmanagement, Risikoabschätzungen der IT und alle Dokumentationen, die (zumindest als Grundlage) Arbeitsprozesse beschreiben. Oft „muckelt“ jede Abteilung, die mit der Erfüllung dieser Aufgaben betraut ist, isoliert vor sich hin, erfindet das Rad neu, fängt an, von vorne zu „auditieren“, zu beschreiben. Warum nicht die Unterlagen nehmen, die es – von anderen Abteilungen gibt – und entsprechend anpassen? Warum nicht die zu beschreibenden/beschriebenen Arbeitsprozesse zum Anlass nehmen, sich abteilungsübergreifend zusammenzusetzen und zu besprechen, ob diese Arbeitsweise, diese Abläufe im Unternehmen wirklich noch zu dem passen, wie man in Zukunft arbeiten möchte?

    Oder Beispiel Arbeitszeit: Es gibt ja so etwas wie „Vertrauensarbeitszeit“, man muss ja nicht per Stempelkarte fixe Arbeitszeiten vereinbaren. Allerdings bedarf es hier – wie der Name ja schon sagt – „Vertrauen“ und zwar Vertrauen der Führung gegenüber den Arbeitnehmern, Vertrauen der Arbeitnehmer gegenüber der Führung, aber auch Vertrauen unter den Arbeitnehmern.
    Oder wieder das ungeliebte Qualitätsmanagement: warum die hier entwickelten Konzepte, Methoden, Instrumente nicht einmal ohne Vorurteil betrachten, herausfinden, welches zum Unternehmen passt und dadurch ein Werkzeug zu erschaffen, um fachlich erreichte Standards dauerhaft im Unternehmen zu verankern? Das bedingt dann aber natürlich organisationsweit ein stetige Auseinandersetzung mit den Prozessen und wenn notwendig einer Änderung und Weiterentwicklung. Kann das nicht aber Innovationen in das Unternehmen hineintragen?

    Und noch ein Wort zu #Digitaler Transformation, #New Work, #agiles Arbeiten: Sicher hinkt hier die Gesetzgebung diesen neuen Ideen hinterher, sicher müssen hier andere rechtliche Rahmen geschaffen werden, nur .. solche haben wir (noch) nicht. Wir müssen also mit den Vorgaben leben, die es gibt und diese neuen Ideen innerhalb des bestehenden rechtlichen Rahmens umsetzen. Sehr empfehlenswert dazu ist die Lektüre von „Agiles Arbeiten im Unternehmen“ von Britta Redmann, die sich damit auseinandersetzt, wie mit den derzeitigen arbeitsrechtlichen Vorgaben eine flexible Organisation verwirklicht werden kann.

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