Warum Selbstorganisation zu einer verbesserten Einkommenssituation in sozialen Organisationen führt

Organisation Selbstorganisation

Ich habe den Beitrag, in dem ich New Work als elitären Scheiß bezeichnet habe, veröffentlicht.

Spannend zu sehen war, wie sich der Beitrag zeitverzögert im Netz verbreitet hat. Insbesondere nachdem über Twitter Menschen in die Diskussion zum Artikel einbezogen wurden, die – aus meiner subjektiven Sicht – als „New Work Koryphäen“ bezeichnet werden können (namentlich Thomas Sattelberger), nahm die Kiste Fahrt auf. 

Review zum letzten Artikel

Zu Beginn nur eine wirklich kurze Einschätzung meinerseits zu der Diskussion: Manche Reaktionen auf den Beitrag haben mich überrascht. Gerade das Feedback von dem von mir als „Koryphäe“ bezeichneten Herrn Sattelberger, der – da er sich aktuell auch politisch positioniert – mit der Kritik wahrscheinlich gut klarkommt, habe ich als sehr arrogant empfunden.

Die Feststellung, dass der „New Work Award“ aufgrund seiner hohen Eintrittsgelder dann eben nichts sei für „uns“, für den Pöbel und das Gesocks, fand ich dann schon ziemlich bezeichnend. Die passende Zielgruppe… Nun gut…

New Work, Lust und Liebe

Spannender fand ich die Diskussion mit Gebhard Borck auf Twitter, zwei Tage nach der Veröffentlichung des Beitrags. Auch Gebhard würde ich definitiv als Vordenker in Sachen neue Arbeitswelt bezeichnen, mit langer Erfahrung in der Beratung und Entwicklung von Unternehmen.

Gebhard stellt die berechtigte Frage, ob New Worker von Lust und Liebe leben können:

Anders und vielleicht etwas konkreter gefragt:

Verbessert sich durch New Work auch die Einkommenssituation in eher prekär bezahlten Bereichen, wie bspw. der Sozialen Arbeit?

Wieder etwas einschränkend: New Work als Konzept versucht, die Gesellschaft zu verändern. Entsprechend komplex ist eine Herangehensweise an spezifische Fragen. Sozusagen im Sinne einer Komplexitätsreduktion ist es relevant, „New Work“ herunterzubrechen, bspw. und so, wie es oftmals passiert, auf konkrete Praktiken, Prinzipien, Strukturen und Prozesse in Organisationen.

Diese Praktiken, Prinzipien, Strukturen und Prozesse bedürfen dann wiederum – bei mir – einer weiteren Übersetzung auf die in Teilen anders funktionierenden Organisationen der Sozialwirtschaft.

Selbstorganisation als Ansatz

Da die Konzentration auf Prinzipien, Strukturen, Regeln, Prozesse etc. in Organisationen, vielleicht als „Organisationsdesign“ zu bezeichnen, ein immer noch enorm weites Feld ist („Bei welchen Prinzipien fangen wir an…“), will ich mich hier auf den – übrigens überhaupt nicht neuen – Aspekt der Selbstorganisation beziehen. Weitergehend ist es schon hier die Erwähnung notwendig, dass die im folgenden beschriebene Herangehensweise auf der Sichtweise von Organisationen als soziale Systeme basiert.

Oh man, es wird deutlich, dass eine Beschäftigung mit dem Thema enorm komplex ist und immer einer Übersetzung in die jeweils konkrete Situation bedarf. Nur so wird klar, über was wir überhaupt sprechen. Und selbst dann – auch das hat der vorherige Artikel gezeigt – kann ein kleiner Blogartikel immer nur an der Oberfläche kratzen.

Zurück zur Selbstorganisation

Selbstorganisation lässt sich in die von Laloux postulierte und auch zu kritisierende Trias von „Selbstorganisation, Sinn und Ganzheitlichkeit“ einordnen und gibt aus meiner Sicht zumindest einen ersten Ansatzpunkt, warum New Work (auch) zu einer verbesserten Einkommenssituation führen kann. Ob man sich mit der durch Selbstorganisation verbesserten Einkommenssituation die Teilnahme am New Work Award 2018 leisten kann (und will), bleibt jedem selbst überlassen.

Ich breche die Frage, ob New Work zu einer verbesserten Einkommenssituation führen kann also runter auf die Frage:

Können selbstorganisierte Prozesse in Organisationen der Sozialwirtschaft zu einer verbesserten Einkommenssituation führen?

Übrigens, dass nur als kleiner Exkurs, passt die Frage sehr gut zu einer Diskussion, die ich kürzlich einmal mit Andreas Zeuch hatte. Nur kurz:

In einem schon etwas älteren Beitrag geht es darum, dass Selbstorganisation eine „zusätzliche“ Anforderung in sowieso schon schwierigen und auch verhältnismäßig wenig wertgeschätzten Arbeitskontexten, wie es oftmals in Organisationen der Sozialwirtschaft der Fall ist, darstellt.

Mein Fazit des Beitrags war, dass eine, vielleicht aufgrund von kosmetischen Gründen, additiv hinzugefügte Aufforderung zur „Selbstorganisation“ zu einer Überforderungssituation führen kann. Hier bedarf es einer tatsächlichen, grundsätzlichen Neuausrichtung in der Frage, wie die Organisationen geführt, strukturiert und organisiert werden sollen: Eine echte, tiefgreifende Transformation der Organisationen.

Wir bezahlen uns reziprok zu dem, was wir fürs Gemeinwohl leisten

Aus dem Kommentar von Andreas ist dann eine längere Konversation erwachsen, die Du in den Kommentaren zum Artikel nachlesen kannst.

Im Kern der Diskussion mit Andreas steht seine These, dass – wenn wir Selbstorganisation in der Sozialwirtschaft fördern wollen, was auch aus seiner Sicht absolut sinnvoll wäre – zunächst die Einkommenssituation deutlich verbessert werden muss.

Als Hintergrund seiner These und überhaupt der Diskussion verweist Andreas auf im Zusammenhang mit (un)gerechten Einkommensspannen auf die Studie der New Economic Foudation: „A bit rich“ . Wir bezahlen uns reziprok zu dem, was wir fürs Gemeinwohl leisten. Aktuelle Skandale bspw. im VW-Konzern unterstreichen dies eindrücklich.

Und dazu passt auch wunderbar das permanent in den Sozialen Medien zu vernehmende Jammern der SozialarbeiterInnen nach besseren Verdienstmöglichkeiten (Du merkst, ich bin dem etwas skeptisch gegenübergestellt).

Fraglich ist aber, wie wir an die ganze Sache herangehen können. Oder zurück zu unserer Ausgangsfrage:

Müssen sich erst neue, auf Selbstorganisation basierende Arbeits- und Organisationsprozesse herausbilden, die dann zu einer Verbesserung der Einkommenssituation (nicht nur) in Organisationen der Sozialwirtschaft führen (können)? Und: Warum überhaupt sollten selbstorganisierte Arbeitsprozesse zu einer verbesserten Einkommenssituation der Beschäftigten in Organisationen der Sozialwirtschaft führen?

Erst lebendige Strukturen, Prozesse und Praktiken, dann Bezahlung

Ich bin davon überzeugt, dass sich einzig basierend auf einer Änderung der Strukturen, Prozesse und Prinzipien der Zusammenarbeit in den Organisationen eine bessere Vergütung der Leistungen ermöglicht werden kann.

Hintergrund dieser Überzeugung ist, dass die Finanzierung personenbezogener, sozialer Dienstleistungen über Kostenträger erfolgt.

“Die zurzeit in der Bundesrepublik Deutschland praktizierten Leistungsentgeltsysteme im Bereich der Hilfen zur Erziehung lassen sich zunächst in zwei Gruppen unterteilen:

  • Leistungsentgelte basierend auf individuellen Kostenstrukturen
  • Leistungsentgelte basierend auf Pauschalen, Durchschnitts- und Gruppenentgeltsätzen.” (hier mehr dazu)

Aus den Finanzierungslogiken folgt, dass die Bildung von Rücklagen durch die Organisationen, die in eine bessere Bezahlung der Mitarbeitenden münden können, begrenzt sind. Das zeigt sich aktuell konkret an den zwar vielen offenen Stellen für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, an dem Fachkräftemangel bei Erziehern ebenso wie bei Pflegekräften, ohne jedoch die Einkommenssituation dieser signifikant zu verändern.

Die „normale Marktlogik“ (geringes Angebot = hoher Preis), wie sie bspw. im Bereich der IT-Berufe zu beobachten ist, greift einfach nicht.

Hinzu kommen weitere Aspekte wie bspw. veraltete und inflexible Tarifwerke, die den Organisationen Steine hinsichtlich der flexiblen Vergütung der Mitarbeitenden in den Weg legen (übrigens meine ich mit der flexiblen Vergütung keine individuellen Anreize, Boni für einzelne Mitarbeiter, ein Handy oder einen Dienstwagen, sondern eine grundsätzlich bessere Bezahlung aller Mitarbeitenden, Teamanreize, Beteiligungsformen…).

Um es kurz zu machen:

Eine Veränderung der Einkommenssituation ist ungleich schwieriger, als die Strukturen, Prozesse und Prinzipien in den Organisationen zu verändern.

Logisch, oder?

Warum Selbstorganisation zu einer verbesserten Einkommenssituation führt

Sagt aber immer noch nichts aus über die Frage, warum die Veränderung der Strukturen, Prozesse und Prinzipien zu einer verbesserten Einkommenssituation führen sollten.

Um diese Frage zu beantworten, ist es hilfreich, sich existierende Beispiele funktionierender, sich selbst organisierender Organisationen anzuschauen. Und als berühmtes Beispiel lässt sich hier natürlich Buurtzorg anführen, ein niederländischer ambulanter Pflegedienst, der – in meinen Augen beispielhaft – die Prinzipien von Ganzheitlichkeit, Sinn und Selbstorganisation lebt und umsetzt.

Hier kannst Du einige Einblicke in die Organisation und die Arbeitsprinzipien von Buurtzorg erhalten:

Spannend aber aus meiner Perspektive ist insbesondere, dass neben der Mitarbeiterzufriedenheit die  Kundenzufriedenheit (zum Begriff der Kunden, schau doch mal hier) enorm gesteigert hat. Und – das ist der eigentlich spannende Punkt – darüber hinaus wurden im niederländischen Gesundheitssystem Millionen von Euro eingespart!

Warum?

Weil die Mitarbeitenden, wenn sie selbst für die Ausgaben verantwortlich sind, nur noch Dinge tun, die aus ihrer Perspektive – also aus der professionellen Perspektive – sinnvoll und nutzbringend sind.

Ja, das Beispiel bewegt sich immer noch im Gesundheitswesen, das ist einfacher. Stimmt! Bezogen auf die Soziale Arbeit ließen sich aber ebenso Gedankenexperimente anstellen:

Warum wird bspw. die offene Jugendarbeit nicht in einem ähnlichen Konzept organisiert? Ließe sich eine Organisation ins Leben rufen, die nach und nach alle bestehenden offenen Jugendtreffs „aufkauft“ bzw. deren Management übernimmt? Und diese Organisation würde dann die Verantwortung an die in den Organisationen arbeitenden Menschen geben? Der wesentliche Vorteil wäre, dass die Kostenträger nicht mehr mit einem Haufen unterschiedlicher, kleiner, mehr oder weniger professioneller Vereine und Träger verhandeln müsste, sondern Finanzierungen von Leistungen sehr breit ausgehandelt werden könnten. Gleichzeitig würde mit einer entsprechend veränderten Grundhaltung die Freiheit und die Verantwortung der Mitarbeitenden in den jeweiligen Jugendzentren nicht nur beibehalten, sondern deutlich steigen, da sie autonom (eigentlich mögen Sozialarbeiter dieses Wort) und selbstverantwortlich entscheiden können, wie sie ihre Arbeit machen wollen.

Denkbar wäre auch, sich vollständig von Arbeitsfeldern zu lösen und Soziale Arbeit in Reinform anzubieten. Konkret wäre es doch denkbar, Teams von maximal 12 Sozialarbeiterinnen zusammenzustellen, die für die Soziale Arbeit in einem bestimmten Bezirk zuständig sind. Und zwar „von der Wiege bis zur Bahre“. Klingt komisch, wäre aber eben „vollständige Soziale Arbeit“. Die MitarbeiterInnen wären für die Versorgung, die Netzwerkbildung, den Sozialraum verantwortlich. Komplett. Und könnten, je nach sozialen Bedarfen, entscheiden, was, wann, wie und warum zu tun ist. In diesem System wären die Sozialarbeitenden die „Netzwerker“, die die konkreten Hilfen (bspw. Ärzte, Psychologen, Jugendämter…) organisieren, aber nicht (zwingend) selbst durchführen. und vielleicht stellt man bei enorm vielen Problemen fest, dass es gar keine Spezialisten braucht, sondern eher Familien, Freunde, Verwandtschaft, Nachbarn, die kostenlos Hilfen organisieren (wollen).

Würden in einem entsprechend angelegten Konstrukt die Kosten steigen oder eher sinken? Würde es sinnvoller sein, so zu arbeiten, als in den bisherigen, eher getrennten, Arbeitsfeldern?

Stadtteilzentren versuchen ja, eine entsprechende Art der Arbeit zu verfolgen, auch die Quartiersarbeit ist prädestiniert für entsprechende Ansätze.

Utopie?

Mit Sicherheit. Genauso wie New Work in der radikalen Umsetzung eine Utopie ist, ist New Social Work eine Utopie. Es gilt, dicke Bretter zu bohren. Aber: an dem fehlenden Geld zumindest kann es nicht scheitern: So schreibt die „Welt” 2016, dass sich die Ausgaben für soziale Anliegen auf insgesamt 888,2 Milliarden Euro summieren – ein Anstieg um 4,5 Prozent.

Erstmals liegen die Kosten für Pflege über denen der Arbeitslosigkeit.

Da ließe sich doch was machen?

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